Schule

„Für uns hat Inklusion nicht funktioniert“

Arne und Silvia Vaeckenstedt sind froh, dass Sohn Joshua sich jetzt auf der Förderschule wohl fühlt. Foto: Tim Oelbermann
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Arne und Silvia Vaeckenstedt sind froh, dass Sohn Joshua sich jetzt auf der Förderschule wohlfühlt.

Nach integrativer Kita und Gemeinsamem Unterricht in der Grundschule ist ihr Sohn auf die Förderschule gewechselt.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. Die optimale Bildung und Förderung für das eigene Kind – der Wunsch aller Eltern ist auch für Arne und Silvia Vaeckenstedt das oberste Ziel. Der Weg dahin war für sie und ihren Sohn Joshua aber nicht ganz einfach. Der heute 16-Jährige kam mit einer körperlich-motorischen Behinderung zur Welt, leidet an einer Entwicklungsverzögerung. Nach sehr guten Erfahrungen in der Kita und der Grundschule habe die Inklusion an den weiterführenden Schule letztendlich nicht funktioniert. Seit diesem Schuljahr besucht Joshua jetzt die Paul-Klee-Förderschule in Leichlingen – und ist dort glücklich.

Früh hatten die Vaeckenstedts mit der speziellen Förderung ihres Sohnes begonnen. „Wir waren in der Frühförderung, auch während der vier Jahre in der integrativen Kindertagesstätte Alsenbande gab es eine gute Betreuung, zudem Motopädie und Logopädie für Joshua“, erinnert sich Mutter Silvia an die gute Förderung dort.

Deshalb war für die Walder Familie auch der Schritt, ihren Sohn im Gemeinsamen Unterricht der Grundschule Gottlieb-Heinrich-Straße anzumelden, bei dem Kinder mit und ohne Förderschwerpunkt zusammen unterrichtet werden, nur logisch. „Auch dort ist Joshua, der die beiden Förderschwerpunkte körperlich-motorisch und Lernen hat, gut klar gekommen“, beschreibt der Vater. Zusätzlich zur Klassenleitung gab es dort für die sechs Förderkinder in der Klasse eine Sonderpädagogin.

Der Schritt in das große System einer weiterführenden Schule sei natürlich ein Bruch gewesen, aber auch an der Sekundarschule habe der inklusive Unterricht in der fünften und sechsten Klasse gut funktioniert. „Anfangs war die Klassenleitung zumindest für fünf Stunden in der Woche mit einem Sonderpädagogen doppelt besetzt“, erinnert sich Arne Vaeckenstedt, für den als aktiver Kommunalpolitiker bei den Grünen die Inklusion „der richtige Weg“ ist.

Solingen: Dauerhafte Bezugspersonen fehlten dem Sohn

„Ab der siebten Klasse ging dann plötzlich nichts mehr“, so die Eltern. Mehrere Wechsel von Lehrern und Sonderpädagogen, die als Bezugspersonen für Joshua so wichtig gewesen wären, oft Ausfall der Förderstunden – auch Gespräche mit Schulleitung und Inklusionsbeauftragten hätten die Situation nicht verbessert.

Im vergangenen Herbst hatte die Familie sich dann gemeinsam das Ziel gesetzt, den Förderschwerpunkt Lernen aufheben zu lassen, damit Joshua Noten bekommen und den Hauptschulabschluss machen konnte. „Auch das ließ sich nicht gut umsetzen.“ Enttäuscht waren die Vaeckenstedts auch, dass Joshua in seinem dreiwöchigen Berufspraktikum als Umwelttechniker, zu dem er bei einem Unternehmen in Velbert eine tolle Chance bekommen habe, nicht einmal von dem Lehrer besucht wurde, was sonst üblich sei. Joshua versuchte sich an der Schule zu engagieren, arbeitete im Schul-Kiosk mit. „Aber auch das wurde nicht auf dem Zeugnis erwähnt.“

Die Coronazeit gab dann endgültig den Ausschlag, die Schule zu wechseln. „Während der acht Wochen des Lockdowns hat Joshua nur einmal zehn Minuten mit der Sonderpädagogin gesprochen“, kritisieren die Eltern. Zum neuen Schuljahr ist der 16-Jährige auf die Paul-Klee-Förderschule in Leichlingen gewechselt. Dort fühlt er sich sehr wohl. „Mathe und Chemie mache ich besonders gerne“, erzählt er.

Arne Vaeckenstedt, der sich intensiv mit dem Thema Inklusion beschäftigt hat, sieht ein Problem in dem ganzen System. „Es sind einfach zu wenig Menschen, um Inklusion in der gewünschten Weise umzusetzen. Aber die vorhandenen Mitarbeiter könnte man auch sinnvoller einsetzen.“ Von acht inklusiv beschulten Kindern, mit denen Joshua an der weiterführenden Schule gestartet war, seien nur noch drei in der Schulform übrig.

An der Sekundarschule, die einen Schwerpunkt auf inklusive Beschulung legt, möchte man sich zu dem konkreten Fall nicht äußern. Schulleiterin Alexandra Ohler betont aber die Voraussetzungen, die aus ihrer Sicht für eine gelungene Inklusion notwendig sind: „Man braucht möglichst viele konstante sonderpädagogische Lehrkräfte an Regelschulen, dadurch müssen viele Zeitressourcen für Absprachen und Vorbereitung investiert werden“, erklärt sie. Wünschenswert wären auch kleinere Lerngruppen und Klassen in der Inklusion, zudem mehr Fortbildungen, abgesehen von den räumlichen, technischen und sächlichen Kapazitäten.

Inklusion

Grundlage: Jeder Mensch hat ein Recht auf Inklusion, also darauf, gleichberechtigter Teil der Gesellschaft zu sein. So steht es in der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die seit 2009 auch in Deutschland und für den Schulunterricht gilt.

Förderschulen: Seit 2013 gilt für Förderschulen eine Mindestgrößenverordnung, auch in Solingen wurden Schulen zusammengelegt: Wilhelm-Hartschen-Schule (geist. Behinderung), Erika-Rothstein-Schule (Lernen) und die Carl-Ruß-Schule (emot. und soz. Entwicklung).

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