Landgericht

Fünffache Kindstötung: Sohn sollte entscheiden, ob er mit vor den Zug springt

Der Prozess in Wuppertal wird am heutigen Mittwoch fortgesetzt. Archivfoto: Tim Oelbermann
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Der Prozess in Wuppertal wird am Mittwoch fortgesetzt.

Der Prozesstag am Mittwoch um die fünffache Kindstötung an der Hasseldelle fördert erschütternde Details zutage. Der Richter appelliert an die Mutter, die sich wegen Mordes am Landgericht verantworten muss.

Von Kristin Dowe

Solingen. Es steht außer Frage, dass der überlebende Sohn jener Familie aus der Hasseldelle Schreckliches durchgemacht haben muss. Das tatsächliche Ausmaß der seelischen Tortur für das Kind wurde aber erst am Mittwoch vor dem Landgericht Wuppertal deutlich. Dort muss sich zurzeit eine 28-jährige Solingerin wegen heimtückischen Mordes an fünf ihrer sechs Kinder verantworten. Wie berichtet, soll sie die drei Mädchen und zwei Jungen im Alter von einem bis acht Jahren laut Anklage erstickt oder in der Badewanne ertränkt haben. Sie selbst versuchte später, sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof das Leben zu nehmen, indem sie sich vor einen Zug warf.

Fünffache Kindstötung in Solingen: Polizistin gibt Erinnerungen des elfjährigen Sohnes an den Tattag wieder

Einzig ihren ältesten Sohn, zum Zeitpunkt des Geschehens im September 2020 elf Jahre alt, verschonte die mutmaßliche Täterin. Gegenüber einer Polizistin hatte der Junge seine Erinnerungen an den düsteren Tag geschildert, an dem er alle seine Geschwister verlor – die Beamtin berichtete in ihrer Aussage aus diesem Gespräch.

Nach bisherigen Erkenntnissen hatte die Mutter den Jungen am Tattag von der Schule aus zum Rathaus schicken lassen. Während sie gegenüber der Schulleitung einen Todesfall in der Familie angab, stellte die Schule den Jungen im Einvernehmen mit der Mutter unter dem Vorwand frei, dass er einen Zahnarzttermin habe. Am Rathaus angekommen wartete die Mutter auf ihn und konfrontierte ihn mit dieser Geschichte: Seine Geschwister seien alle bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie hätten sich bei dem vermeintlichen Unglück in einem Taxi befunden, das von einem Lkw angefahren worden sei.

Der Geschichte konnte der Junge, den die Polizistin als „aufgeweckt und konzentriert“ beschreibt, nicht so recht glauben. Als er seiner Großmutter telefonisch die Todesnachricht überbringen wollte, habe die Angeklagte versucht, ihm das Handy zu entreißen.

„Sonst hätten Sie diese Chance vertan.“

Jochen Kötter, vorsitzender Richter, empfiehlt der Angeklagten, ihrer Familie eine Lebenslüge zu ersparen

Gemeinsam mit der Mutter habe sich der Junge mit dem Zug auf den Weg zur Großmutter nach Mönchengladbach gemacht. Unterwegs habe die Angeklagte gefragt, „ob er sich mit ihr zusammen in Düsseldorf vor einen Zug werfen wolle“. Das Kind versuchte wohl vergeblich, die Mutter vom Sprung auf die Schienen abzuhalten.

Der leibliche Vater der Angeklagten machte am Mittwoch keine Angaben zur Sache. Gegen den 56-Jährigen liegt ein Urteil wegen Verbreitung kinderpornografischer Schriften vor. Ermittler stellten mehr als 20 000 Bilder und rund 107 000 Videodateien härtesten Materials bis hin zum Missbrauch von Säuglingen auf seiner Festplatte sicher. Im Zuge ihres eigenen Verfahrens hatte die Beschuldigte ihren Erzeuger wegen sexuellen Missbrauchs in ihrer Kindheit angezeigt, Ermittlungen dazu laufen parallel.

Das Gericht hatte mehrere Briefe der Angeklagten aus der Haft an ihre Mutter als Beweismittel beschlagnahmt und verlesen lassen. Diese zeichnen das Bild einer selbstbewussten Frau, die mit bewusst inszenierten Eifersuchtsspielchen offenbar immer wieder versuchte, sich an ihrem Ex-Partner zu rächen. Am Tag der Tat hatte sie das Profilbild mit dessen neuer Freundin bei Whatsapp entdeckt – ein möglicher Auslöser für die Tat.

Gegenüber Gutachtern sowie in den Briefen hatte die Angeklagte stets beteuert, ein maskierter Unbekannter sei in ihre Wohnung eingedrungen und habe die Tat begangen. Der vorsitzende Richter Jochen Kötter redete der Angeklagten ins Gewissen, dass sie noch die Möglichkeit habe, ihrem Sohn und ihrer restlichen Familie „eine Lebenslüge“ zu ersparen. „Sonst hätten Sie diese Chance vertan.“ Der Prozess wird am 14. Juli fortgesetzt.

Hilfsangebot: Das ST berichtet nur unter besonderen Umständen über Suizid oder Suizidversuche. Wenn Ihre Gedanken um Selbstmord kreisen oder sie Probleme belasten, ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar: Tel. (0800) 111 0 111.

Artikel vom 6. Juli

Solingen. Die Zuhörer im Saal des Landgerichts Wuppertal können nur ahnen, welche Verzweiflung die Mutter der Angeklagten empfunden haben muss, als diese kurz nach der schockierenden Whatsapp-Nachricht ihrer Tochter im September 2020 einen Notruf bei der Polizei Mönchengladbach absetzte. Ihre Stimme überschlägt sich auf der Aufnahme, immer wieder fragt sie die Polizistin bei der Leitstelle schluchzend nach dem Verbleib ihrer Enkelkinder und ihrer Tochter.

Im Prozess gegen eine 28-jährige Solingerin wurde am Dienstag der Bandmitschnitt dieses dramatischen Notrufs abgespielt. Die junge Frau soll laut Tatvorwurf im September 2020 fünf ihrer sechs Kinder in ihrer Wohnung in der Hasseldelle getötet haben, indem sie die drei Mädchen und zwei Jungen im Alter von einem bis acht Jahren erstickte oder in der Badewanne ertränkte. Nach der mutmaßlichen Tat versuchte die Beschuldigte, sich am Düsseldorfer Hauptbahnhof das Leben zu nehmen und warf sich dort vor einen einfahrenden Zug. Sie überlebte den Suizidversuch schwerverletzt. Ihr ältester Sohn – zum Zeitpunkt des Geschehens elf Jahre alt – befand sich zur fraglichen Zeit in der Schule und blieb somit von der Tat verschont.

Mit ihrer Mutter stand die Angeklagte unmittelbar nach der Tat per Whatsapp in Kontakt, als sie sich offenbar auf dem Weg nach Düsseldorf befand. Ihr gegenüber hatte die Solingerin im Chat deutlich geäußert, dass die Kinder tot in der Wohnung lägen und sie sich nun das Leben nehmen wolle. Allein der älteste Sohn der Familie sei unterwegs zu seiner Großmutter, sie habe bereits Geld für den Jungen überwiesen. „Ich hoffe, dass sie gelogen hat“, sagt die Mutter der Beschuldigten zu der Polizistin in der Leitung. Doch schließlich bewahrheiten sich ihre schlimmsten Befürchtungen.

Fünffache Kindstötung in Solingen: Mordprozess wird am Mittwoch fortgesetzt

An jenem Tag am 3. September 2020 überschlugen sich die Ereignisse, wie in dem Bandmitschnitt des Notrufs deutlich wird. In bangen Minuten wartete die Mutter der Angeklagten auf das Eintreffen der Polizei in ihrer Wohnung in Mönchengladbach, während sich parallel Polizeibeamte auf den Weg zu der Wohnung an der Hasselstraße in Solingen machten. Kurz vor der Tat hatte die Angeklagte über ein Profilbild bei Whatsapp von der neuen Beziehung ihres Ex-Mannes erfahren. Die neue Freundin war eine direkte Nachbarin der Familie, man traf sich öfters am Briefkasten.

Der älteste Sohn der Familie ließ über die Nebenklage-Vertreterin, die Rechtsanwältin Judith Acker, ausrichten, dass er sich zwar in der Verhandlung nicht zu den Vorwürfen gegen seine Mutter äußern wolle, die Protokolle aus den polizeilichen Vernehmungen aber gerichtlich verwendet werden dürften. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Unter anderem sollen Briefe der Angeklagten verlesen werden, die diese während der Haft an ihre Mutter geschrieben hat.

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