Sensoren für mehr Hochwasserschutz

Bergisches Unternehmen hat Konzept für ein Frühwarnsystem entwickelt

Dr. Andreas Groß (Mitte) zeigte die Standorte der montierten Sensoren auf einer Karte mit dem Wupperverlauf. IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Wenge (links) und IHK-Präsident Henner Pasch begleiteten die Präsentation. Links im Bild ist ein Sensor zu sehen – solche Geräte sollen nach Vorstellung der Planer künftig unter Brücken im Bergischen installiert werden. Foto:
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Dr. Andreas Groß (Mitte) zeigte die Standorte der montierten Sensoren auf einer Karte mit dem Wupperverlauf. IHK-Hauptgeschäftsführer Michael Wenge (links) und IHK-Präsident Henner Pasch begleiteten die Präsentation. Links im Bild ist ein Sensor zu sehen – solche Geräte sollen nach Vorstellung der Planer künftig unter Brücken im Bergischen installiert werden.

Das Hochwasser am 14. Juli hat bei circa 1500 Unternehmen im bergischen Städtedreieck einen Schaden von rund 300 Millionen Euro verursacht, so eine Schätzung der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK).

Von Kristin Dowe

Solingen. Auch Räumlichkeiten der im Wuppertaler Quartier Kohlfurth gelegenen Heinz Berger Maschinenfabrik wurden dabei großflächig geflutet. Nach den Ereignissen war für Geschäftsführer Dr. Andreas Groß klar: „Da muss etwas passieren.“

Innerhalb weniger Tage entwickelte er ein Konzept für ein internetbasiertes Hochwasserschutzsystem. Dies soll nicht nur helfen, kritische Wasserstände frühzeitig zu erkennen, sondern auch auf den Ort zugeschnittene, individuelle Handlungsmöglichkeiten mit Hilfe künstlicher Intelligenz abzuleiten. So sollen etwa die Talsperren durch die Technologie künftig präziser reguliert werden können.

„Geduld ist nicht meine Stärke.“

Dr. Andreas Groß, Geschäftsführer der Heinz Berger Maschinenfabrik

Die Bergische IHK unterstützt das Projekt, das am Dienstag in der Maschinenfabrik Berger in der Kohlfurth vorgestellt wurde. „Es ist toll, was Dr. Andreas Groß mit seinen Leuten in so kurzer Zeit umgesetzt hat“, lobte IHK-Präsident Henner Pasch. Die IHK wolle bei der weiteren Entwicklung alle beteiligten Institutionen wie die drei Städte, die jeweiligen Stadtwerke, Feuerwehr, Katastrophenschutz und den Wupperverband mit einbinden.

Die Grundidee beruht darauf, dass etwa 50 sogenannte IOT-Sensoren im Bereich der Wupper und ihren Nebenflüssen unter Brücken installiert werden sollen, die mittels Messungen Informationen zu lokalen Pegelständen, Lufttemperatur und zu erwartenden Regenmengen liefern. Die Sensoren sind mit dem Internet verbunden und darüber hinaus digital untereinander vernetzt. Wenn etwa an einem Messpunkt ein bedenklicher Pegelstand festgestellt wurde, soll auf dieser Grundlage künftig schneller prognostiziert werden können, wann der kritische Pegelstand an einem anderen Messpunkt erreicht sein wird. Durch die Vernetzung der Sensoren untereinander könnten solche Prognosen bald schneller und genauer erfolgen. So sollen die Menschen im Bergischen nach Regenfällen künftig jederzeit sehen können, wie sich die Hochwasserlage entwickelt.

Das Thema bietet laut Andreas Groß auch Potenzial für die Weiterentwicklung und Forschung, an der Wissenschaftler der Bergischen Universität Wuppertal beteiligt werden sollen. Darüber hinaus seien die Sensoren verhältnismäßig preiswert in der Anschaffung – bis zu 300 Euro koste ein solches Gerät.

Nach Hochwasser in Solingen: Zwei Sensoren wurden schon testweise installiert

Aktuell hat das Unternehmen bereits jeweils einen Sensor testweise unter der Kohlfurther Brücke und am Islandufer in Wuppertal angebracht – die sportliche Herausforderung der Montage wurde von einem Freeclimber übernommen. Von dem Konzept könnte auch der Wupperverband profitieren, der zuletzt vonseiten einiger Anwohner mit dem Vorwurf konfrontiert war, die Talsperren am Tag des Hochwassers falsch gesteuert zu haben.

Solinger und Remscheider sollen die Informationen künftig auch über die Apps ihrer Städte abrufen können. Dass im Bergischen in puncto Hochwasserschutz im Lichte der Ereignisse des 14. Juli möglichst schnell etwas passiert, ist für Andreas Groß ein Herzensanliegen, denn das Unwetter hatte schwerste Schäden in seinem Betrieb nach sich gezogen. „Ich saß hier in meinem Büro und dachte: ‘Oh, da schwimmt gerade ein Auto vorbei!’“ Angesichts der flussnahen Lage rechne er damit, dass sich das Unternehmen auch in Zukunft für Hochwasserlagen wappnen müsse – deshalb gelte es jetzt zu handeln. „Geduld ist nicht meine Stärke.“ Der Ingenieur hat übrigens zu einem Thema mit Bezug zu künstlicher Intelligenz promoviert. Er erinnert sich noch: „Damals hat sich kein Mensch dafür interessiert.“

Hintergrund

Hilfe: Vom Hochwasser betroffene Unternehmen können ab dem 13. September die Hochwasserhilfe des Bundes und Landes beantragen. Die IHK werde die Betriebe von der Erstberatung bis zur Antragstellung unterstützen, kündigte der Stellvertreter des Hauptgeschäftsführers der IHK, Thomas Grigutsch, an.

Standpunkt: Idee hat Modellcharakter

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Not macht bekanntlich erfinderisch – und im Fall von Dr. Andreas Groß, dem kreativen Kopf hinter dem geplanten Wassermanagement-System für die Region, bewahrheitet sich dies einmal mehr. So haben die Ereignisse des 14. Juli nicht nur gnadenlos die Schwächen des gegenwärtigen Hochwasserschutzes freigelegt, sondern auch den bergischen Erfinder- und Innovationsgeist herausgefordert, um den Wetterextremen der Zukunft die Stirn bieten zu können. Künstliche Intelligenz ist dabei eine Schlüsseltechnologie, deren Potenzial für viele Lebensbereiche noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft ist. Zwar ist es nicht damit getan, mit technischen Raffinessen nur die Symptome des Klimawandels zu bekämpfen, da wir vor allem an dessen Ursachen ansetzen müssen. Doch ein wirkungsvolles Frühwarnsystem für Hochwasser ist in Zukunft in jedem Fall unverzichtbar. So könnte der Ansatz aus der bergischen Ideenschmiede auch Modellcharakter für andere hochwassergefährdete Regionen haben. Es bleibt zu hoffen, dass bürokratische Hindernisse bei der Umsetzung schnell aus dem Weg geräumt werden. Denn der nächste Starkregen kommt bestimmt.

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