Arbeitsplatz in 65 Metern Höhe

Freileitungsmonteure erneuern im Ittertal Masten

Dass sich die Freileitungsmonteure regelmäßig einer speziellen, medizinischen Untersuchung stellen müssen, verwundert beim Anblick der Arbeitsstätte nicht – der Panorama-Blick über Wald und Felder bei Schloss Caspersborich entschädigt.
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Dass sich die Freileitungsmonteure regelmäßig einer speziellen, medizinischen Untersuchung stellen müssen, verwundert beim Anblick der Arbeitsstätte nicht – der Panorama-Blick über Wald und Felder bei Schloss Caspersborich entschädigt.

Das ST war auf der Baustelle.

Von Timo Lemmer

Projektleiter Julian Breitner erklärt vom Boden aus die Arbeiten.

Solingen. Vom Boden aus sieht es nicht nur beeindruckend aus, wie problemlos sich eine Handvoll Arbeiter in luftiger Höhe bewegen, nein, der Anblick fördert schon mit festem Boden unter den Füßen den Respekt vor der Höhe. Das Empfinden ist klar: Dort oben, in 65 Metern Arbeitsplatzhöhe auf Mast 116 am Caspersbroicher Weg, wäre ich nicht nur aufgrund fachlich-technischer Unzulänglichkeiten fehl am Platz.

Das merkt man bereits unten, finde ich, doch die erwartete Zustimmung beim Blick auf den Strommast bleibt aus. „Die, die zu Beginn meinen, dass sie diesen Job niemals machen könnten, sind oft die Besten“, sagt Bauleiter Holger Eilert zu meinem Erstaunen. Nach zehn Metern klettern wisse man Bescheid, ob man für den Job geeignet sei. Er erklärt, das klingt zunächst überraschend, dass vor allem Quereinsteiger den Job machen, den sich das Solinger Tageblatt an diesem Tag einmal näher anschaut: den des Freileitungsmonteurs. Nach oben schicken wollen sie mich aber trotzdem nicht – ein Glück!

Viele Wanderer und Anwohner hatten sie in den vergangenen Monaten wahrgenommen, und sich auch ans ST gewendet: Die Arbeiter, die auf Solinger Stadtgebiet im Bereich Ittertal und Kuckesberg an mehreren Masten beschäftigt sind, wussten zu beeindrucken. Da ist zum einen die Höhe, die bei vielen Menschen große Faszination auslöst - in der Regel arbeiten die sogenannten Steiger auf Solinger Gebiet in 50 bis 65 Metern Höhe. Überraschend ist dabei, wie klar sie zu verstehen sind, wenn sie sich teilweise von einem zum anderen Mast verständigen – die Kolosse liegen je nach Geländebeschaffenheit um die 400 Meter auseinander. Wirkt windig, selbst an diesem sommerlichen Tag.

Solingen: Neue Leiterseile und flinke Kletterer

Die Experten erklären bei der Baustellenbegehung: Na klar, es wird bei Wind und Wetter gearbeitet! Im Sommer schlägt die Hitze auf den Masten besonders zu, weil es gar keinen Schatten gibt, und bei Regen- und Schneefall kommt das Wasser von allen Seiten. In Ausnahmen wird auch sonn- oder feiertags gearbeitet: Dann, wenn es zu Verzug gekommen ist, denn die Freischaltung der Leitung sowie die Sicherstellung der Stromversorgung über andere Trassen bedarf eines langen Planungsvorlaufs. Bei extremen Wetterlagen bleiben aber auch die Monteure an Boden – so wie ihre Kollegen, die Bodenmänner, erklärt Anne Frentrup von Amprion.

Der Beruf des Freileitungsmonteurs stellt besondere Herausforderungen an Körper und Geist. Die Monteure müssen regelmäßig eine spezifische Untersuchung durchlaufen. Wöchentlich gibt es Unterweisungen für das Aufrechterhalten der Arbeitssicherheit. Die persönliche Schutzausrüstung wiegt 20 Kilogramm, Werkzeug kommt dazu. Jährlich gibt es Schulungen zur Höhenrettung – einen Kollegen bringen sie in fünf Minuten sicher auf den Boden.

„Die, die zu Beginn meinen, dass sie diesen Job nicht machen könnten, sind oft die Besten.“

Bauleiter Holger Eilert

Amprion, einer von vier Übertragungsnetzbetreibern in Deutschland, ist hier Auftraggeber der Sanierung. Diese wird von Eqos Energie (Eigenschreibweise: EQOS), einem Unternehmen, das spezialisiert ist auf Dienstleistungen für leistungsstarke Infrastrukturen von Netzen für Strom, Telekommunikation und Verkehr, durchgeführt.

Die Projektsprecherin erklärt, was an der rund 60 Jahre alten Überlandleitung gemacht wird: „Zum einen werden die Leiterseile getauscht.“ Die Leiterseile der Freileitungsmasten bestehen aus Aluminiumdrähten mit Stahlkern – sie leisten den Stromtransport. Das geschieht hier unter Hochspannung: Die 380-kV-Stromkreise machen es möglich, dass Amprion auf dieser Höchstspannungsstrecke Strom von großen Kraftwerken über weite Distanzen transportieren kann. Mit 380 000 Volt ist die Spannung extrem, in der Traverse darunter liegen zudem noch 220-kV-Leiterseile, deren Beseilung reguliert wird.

Darüber hinaus werden Isolatoren, die die Leiterseile tragen und früher aus Porzellan, heute aus Kunststoff sind, ausgetauscht und an den Masten Stahlarbeiten vorgenommen. Die Maßnahme im Ittertal wird durch eine ökologische Baubegleitung beaufsichtigt und ständig kontrolliert – die Arbeiten laufen extrem vorsichtig und naturschonend ab, unter anderem ein Amphibienzaun sorgt für Schutz.

Dann kommen zwei weitere Freileitungsmonteure, die hoch zum Arbeitsplatz müssen. Die ersten Meter müssen vom Boden aus mit einer Leiter überbrückt werden – das soll wagemutige Privatkletterer abhalten –, ehe unzählige kleine Sprossen den Weg nach oben bahnen. Projektleiter Julian Breitner erklärt nur kurz, dass das schon eine Ausnahme ist – häufig sind es nicht mal Sprossen, sondern minimale Vorsprünge, an denen die Monteure hochklettern müssen. Dieser Plausch geht nur kurz, dann richtet sich der Blick schon wieder auf die beiden Kletterer, die vermutlich rund 20 Meter geschafft haben dürften. Denkt man. Weit gefehlt: Die zwei Arbeiter haben ihre Kollegen in 65 Metern Höhe längst erreicht – Respekt, einmal mehr.

Blick hinter die Kulissen

Projekt: Auf etwa 60 Kilometern saniert Amprion zwischen den Umspannwerken in Essen-Eiberg und Opladen eine wichtige Stromtrasse. Eine Hälfte ist schon fertig. Seit April 2021 wird zwischen Mettmann und Opladen gearbeitet – diese Arbeiten dauern noch bis Oktober. Voraussichtlich 2022 finden mit Abschluss der Gesamtmaßnahme Fundamentsanierungen an einzelnen Masten statt. Im aktuellen Bauabschnitt hat Eqos Energie das Baulos übernommen, das auch über Solinger Stadtgebiet führt – das Unternehmen kümmert sich um 5,44 Kilometer. Zu den Gesamtkosten macht Amprion keine Angaben.

Erklärung: Anne Frentrup erklärt am liebsten mit einem Bild, welche Funktion Amprion mit rund 11 000 Kilometern Netz von Norden nach Süden in der Stromversorgung übernimmt: „Wir sind als Übertragungsnetzbetreiber sozusagen zuständig für die Autobahnen.“ Also den Stromtransport vom Erzeuger über große Distanzen quasi bis zu den Autobahnabfahrten: „An diesen Knotenpunkten, den Umspannwerken, übernimmt das Verteilnetz bis in die Haushalte.“ Darüber hinaus plant Stromüberträger Amprion „Fluglinien“, also große Punkt-zu-Punkt-Gleichstromverbindungen über sehr weite Distanzen.

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