Wissenschaft

Hochwasser: Das sagt die Studie aus Aachen

Wie hier am Balkhauser Kotten sah es beim Hochwasser im Juli 2021 an vielen Stellen aus. Die Aachener Uni untersuchte die Rolle der Talsperren vor und bei der Flut.
+
Wie hier am Balkhauser Kotten sah es beim Hochwasser im Juli 2021 an vielen Stellen aus. Die Aachener Uni untersuchte die Rolle der Talsperren vor und bei der Flut.

Das Uni-Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass die Talsperren eine größere Flut verhindert haben. Ein Rechtsanwalt wirft dem Gutachten fehlende Unabhängigkeit vor.

Von Philipp Müller und Kristin Dowe

Solingen. Kurz vor dem Jahrestag des Juli-Hochwassers 2021 sieht sich der Wupperverband durch ein Gutachten von Prof. Dr. Holger Schüttrumpf von der RWTH Aachen entlastet. Der Vorwurf: Es hätte früher mehr Wasser aus den Talsperren abgelassen werden müssen, um die Starkregenmengen aufzunehmen. Das hätte die hohen Wupper-Pegel verhindert.

Über das Ergebnis der Studie hatte das ST bereits Anfang Mai berichtet, nun liegt die Untersuchung komplett vor. Sie kommt – auf 82 Seiten plus weitere 84 mit Original-Quellen – zu dem Ergebnis: Die am 14. Juli 2021 mit weit mehr als 90 Prozent gefüllten Talsperren hätten sogar schlimmere Folgen verhindert und das Hochwasser gedämpft.

Die Wissenschaftler haben zunächst das Ereignis selbst betrachtet. Bei einer Bodenfeuchte von 95 Prozent, wie sie der Deutsche Wetterdienst (DWD) für den Juli 2021 veröffentlicht hatte, konnten Wälder und Felder kein zusätzliches Wasser mehr aufnehmen. Der Regen floss also ungebremst die Hänge herunter. Und der fiel am 14. Juli mit bis zu 160 Litern pro Quadratmeter stärker als die prognostizierten 100 Liter.

ST lädt Bürger zum Austausch über Hochwasser ein

Diese Szenarien haben die Gutachter untersucht

In einem Szenario haben Schüttrumpf und sein Team untersucht, wie es gelaufen wäre, wenn der Verband ab dem 10. Juli gewusst hätte, wie viel Regen tatsächlich fällt und er entsprechend mehr Wasser abgelassen hätte. Für die Wuppertalsperre, die den Pegel der Wupper kontrolliert und regelt, hätte dies bedeutet: Etwa 50 Prozent des gesamten Stauinhalts hätten abgelassen werden müssen.

Mit der Folge einer Flutwelle, die vorab schwer zu berechnen sei. Aufgrund der bisherigen, deutlich geringeren Höchstmengen, die in den Vorjahren in die Talsperre eingeflossen sind, sei das Risiko nicht vorhersehbar gewesen. Im Gegenteil: Laut Gutachten waren die Reserven in den Talsperren für die prognostizierte Regenmenge ausreichend.

Wupperverband setzt sein Zukunftsprogramm Hochwasserschutz schrittweise um

Spannend ist auch eine andere Berechnung im Gutachten: Es wurde untersucht, was passiert wäre, wenn es keine Talsperren geben würde. Der Abfluss durch Starkregen hätte an der Wuppertalsperre statt der 190 Kubikmeter Wasserablass in der Sekunde bei 300 Kubikmetern Richtung Wuppertal und Solingen gelegen. Also hätten die Talsperren trotz kleiner Rückhaltereserven das Hochwasser gemildert.

Schließlich haben die Gutachter auch die Bedeutung des Abflusses aus den Talsperren in Bezug zur tatsächlichen Regenmenge gesetzt, die aus Bächen, über die Straßen und von den Hängen in Bäche und die Wupper geflossen ist. In Wuppertal an der Kluserbrücke flossen am Abend des 14. Juli zum Höhepunkt des Hochwasserscheitels 200 Kubikmeter Wasser pro Sekunde durch die Wupper, davon stammten 70 Kubikmeter aus der Wuppertalsperre. Diese 35 Prozent werden mit jeder Strecke der Wupper hin zur Mündung immer geringer, weil dann immer weniger Talsperrenabflüsse eine Rolle spielen.

Rechtsanwalt wirft Gutachten fehlende Unabhängigkeit vor

Einen gänzlich anderen Blick auf die Frage nach der Verantwortung für die Geschehnisse hat der Wuppertaler Rechtsanwalt Frank Adolphs, der auch einige Solinger Flutopfer vertritt. Er wirft dem Gutachten fehlende Unabhängigkeit vor. „Eine schriftliche Auseinandersetzung und Bewertung, die objektiven und überprüfbaren Standards eines Gutachtens gerecht werden könnte, wurde durch den Wupperverband zu keinem Zeitpunkt in Auftrag gegeben“, behauptet Adolphs in einer Stellungnahme.

Vielmehr hätten die Verantwortlichen ausschließlich mit Datenmaterial gearbeitet, das ihnen der Wupperverband freiwillig zur Verfügung gestellt hatte. Offen lässt Adolphs allerdings, welche Alternative das Team gehabt hätte, da einige der fraglichen Daten ausschließlich vom Wupperverband selbst erhoben werden.

In der Vergangenheit hatte der Jurist immer wieder eine Hausdurchsuchung in den Räumen des Wasserwirtschaftsverbandes gefordert. Die Staatsanwaltschaft Wuppertal sah dafür keine Veranlassung und konnte keinen Anfangsverdacht gegen den Wupperverband feststellen.

Daten-Lage

Daten erhielt das Gutachter-Team vom Deutschen Wetterdienst, dem Wupperverband und aus dem EU-Satelliten-System Copernicus. Manches ist lückenhaft, weil Pegel-Messstationen den Fluten nicht standhielten.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Strom und Gas: Stadtwerke werden Preise erhöhen
Strom und Gas: Stadtwerke werden Preise erhöhen
Strom und Gas: Stadtwerke werden Preise erhöhen
Solinger bei Unfall in Haan schwer verletzt
Solinger bei Unfall in Haan schwer verletzt
Solinger bei Unfall in Haan schwer verletzt
Ordnungsdienst in Solingen wird neu organisiert
Ordnungsdienst in Solingen wird neu organisiert
Ordnungsdienst in Solingen wird neu organisiert
Gemischte Bilanz zur Corona-Impfpflicht in Solingen
Gemischte Bilanz zur Corona-Impfpflicht in Solingen
Gemischte Bilanz zur Corona-Impfpflicht in Solingen

Kommentare