Ausstellung

Flucht vor dem Naziregime – Museum lädt zu spannender Entdeckungsreise

Hanna Sauer hat die Ausstellung zum Leben und Wirken von Oscar Zügel im Zentrum für verfolgte Künste zusammengestellt.
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Hanna Sauer hat die Ausstellung zum Leben und Wirken von Oscar Zügel im Zentrum für verfolgte Künste zusammengestellt.

Im Zentrum für verfolgte Künste werden der künstlerische Nachlass und die Biografie von Oscar Zügel vorgestellt.

Von Philipp Müller

Solingen. Mit dem ins Auge fallenden Titel „Ansichtssache(n)“ begrüßt das Zentrum für verfolgte Künste die Besucherinnen und Besucher direkt im ersten Raum. Zugleich ist das als Einladung zu einer Entdeckungsreise mit dem Ziel „Der Künstler Oscar Zügel und sein Nachlass“ zu verstehen. Entdeckt wird der Maler in seiner Stilvielfalt. Erklärt wird, wie der geborene Schwabe zum Reisenden auf der Flucht vor dem seit 1933 herrschenden Naziregime wurde und seine zweite Heimat im spanischen Tossa de Mar fand.

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Möglich machten die Ausstellung drei Umstände: 2017 konnte das Zentrum durch Mittel der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien einen Teil des Nachlasses von Oscar Zügel kaufen. 2018 vermachte Katja Zügel, die Tochter des Künstlers, dem Zentrum das Archiv – 350 Aktenordner voller Briefe, Fotos, Zeichnungen und Dokumente. Dritter Umstand war, dass es dem Zentrum gelungen war, im Rahmen des NRW-Förderprogramms „Forschungsvolontariate Kunstmuseen NRW“ die Kunsthistorikerin Hanna Sauer anzustellen, die damit begann, den Zügel-Nachlass systematisch zu durchforsten.

Jetzt, nach fast zwei Jahren, zeichnet sie als Kuratorin für die Schau verantwortlich. Sie bleibt dem Zentrum als wissenschaftliche Mitarbeiterin weiter erhalten. Denn die Aufarbeitung von Biografien von verfolgten und ermordeten Künstlergenerationen wird in Gräfrath fortgesetzt.

Oscar Zügel war auch ein Reisender durch die Malstile

Die Entdeckungsreise ist durchaus auch eine Zeitreise durch die Epochen. Zu Beginn schaut der 30-jährige Oscar Zügel skeptisch, traurig und suchenden aus einem Selbstporträt. Das 1922 entstandene Bild spiegele auch die Kriegserlebnisse Zügels wieder. Die Bilder bis 1930 belegen dann, wie Zügel den Zeitgeist der Malerei aufgriff. Das sei für diese Zeit typisch gewesen, erklärt dazu Zentrumsdirektor Jürgen Kaumkötter. Auch ein Pablo Picasso habe sich in vielfacher Weise ausgedrückt und seine Malformen oft geändert. „Oscar Zügel wurde dabei immer abstrakter“, ergänzt Hanna Sauer. In seinem Spätwerk verlässt Zügel dann tatsächlich alle figürlichen Bezüge.

Ist diese Stiländerung schon spannend dargestellt und lohnt allein den Besuch des Museums, so ist die biografische Ebene dahinter ebenfalls mit überraschenden Wendungen gespickt. „Wir wissen, dass Oscar Zügel ein Antifaschist war“, sagt die Kuratorin. Das gehe aus vielen Briefen aus dem Nachlass und weiteren Quellen hervor. Konsequent verkauften er und seine Frau Margarita 1933 ihr Eigentum in Stuttgart und emigrierten nach Spanien. Dort wurde er im Stil schon abstrakter. Und offenbar auch politischer.

Das erklärt das Bild „Sieg der Gerechtigkeit“ im Untergeschoss des Museums. Das Werk ist von per Beamer eingeblendeten Fragen flankiert. „Wie entstand das Bild?“ ist eine davon. Im Werk gibt es einen Feuerschweif mit einem roten Kern. 1935 enthielt es noch kein gespiegeltes Hakenkreuz, 1936 als Übermalung aber doch. Ist das Zügels Reaktion auf die Beteiligung der Legion Condor der Nazis am Bürgerkrieg in Spanien? Die Ausstellung lässt das offen, will hier den Besuchenden Raum geben, die eigene „Ansichtssache“ zu entwickeln.

Mit Grund: Nur eindeutig belegte Tatsachen in der Ausstellung, von denen das Zentrum und sein Team überzeugt sind, werden als solche gekennzeichnet. Das geschieht durch blaue Streifen an den Bildtexten. Rot sind sie immer dann, wenn nicht geklärt ist, ob Quellen aus dem Nachlass, Erklärungen von Tochter Katja Zügel oder eigene Zentrumserkenntnisse als gesichert zu betrachten sind.

Auch das ist am Ende dann spannend. Man sieht, wie eine Ausstellung mit allen Überlegungen dahinter entsteht. Doch steht die Kunst natürlich im Mittelpunkt – und die ist durchaus großartig.

Zügel-Schau wird mit Musik eröffnet

Die Eröffnung beginnt am Donnerstag, 17. November, um 18 Uhr klassisch mit einer Einführung in die Ausstellung. Um 19.30 Uhr folgt nach einer Pause ein Konzert „Musica non grata“ des EchoSpore Ensembles mit dem Vokalensemble Caleidon der Hochschule für Musik und Tanz Köln/Wuppertal.

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