Spitzennote 1,6

Fleischerausbildung: Solingerin behauptet sich in Männerdomäne

Zwei Fleischer-Generationen: Mehr als 60 Jahre nach Christel Lapawa hat Lily Röttgen ihre Gesellenprüfung bestanden. Foto: Christian Beier
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Zwei Fleischer-Generationen: Mehr als 60 Jahre nach Christel Lapawa hat Lily Röttgen ihre Gesellenprüfung bestanden.

Die 19-Jährige Lily Röttgen hat ihre Fleischerausbildung erfolgreich abgeschlossen.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Eine Extrawurst hat Christel Lapawa bei ihrer Gesellenprüfung nicht bekommen. „Ich musste genauso ein Großvieh zerlegen wie die Jungs auch“, erinnert sich die Solingerin an ihre 1959 abgeschlossene Fleischerlehre. Mehr als 60 Jahre später konnte Ende Juni mit Lily Röttgen wieder eine junge Solingerin ihre Metzger-Ausbildung beenden – mit der Spitzennote 1,6. Im Gebiet der Fleischerinnung Düsseldorf-Mettmann-Solingen gab es in diesem Jahr lediglich ein besseres Ergebnis.

Christel Lapawa war Ende der 1950er Jahre das einzige Mädchen in ihrer Berufsschulklasse an der Burgstraße. Das Tageblatt verfasste damals einen Artikel über die heute 79-Jährige. Die Schlagzeile: „Junges, nettes Mädel bei Männerarbeit“. Auch wenn diese Überschrift heute wohl nicht mehr erscheinen würde, ist die Grundaussage durchaus noch aktuell: Das Fleischerhandwerk ist nach wie vor eine Männerdomäne.

Wie viele Metzger-Gesellinnen es in Solingen zwischen Lapawa und Röttgen gab, kann die zuständige Innung nicht mit Gewissheit sagen. Die Anzahl dürfte sehr überschaubar sein. Eine der wenigen ist Heike Berger. 1983 schloss sie an ihre Ausbildung zur Fleischfachverkäuferin eine Metzgerlehre und die Meisterschule an. Diese Qualifikationen ermöglichten ihr, 1989 mit Schwester Conny Strodtkötter den elterlichen Betrieb an der Forststraße zu übernehmen.

Auch Christel Lapawa und Lily Röttgen sind über ihre Familien mit dem Handwerk in Kontakt gekommen. Lapawa, eine geborene Joest, stammt aus einer Solinger Metzger-Dynastie. Ihre Lehre absolvierte sie im Geschäft der Eltern an der Neustraße. 1962 machte sie sich mit Mann Willi an der Grünewalder Straße selbstständig. Seit 1994 ist sie im Ruhestand.

„Ich habe keinen Meister gemacht, sondern einen geheiratet.“

Christel Lapawa, frühere Metzgerin

Lily Röttgen arbeitete während ihrer Ausbildung im Betrieb ihres Großvaters Peter Steimel an der Kuller Straße. Aufregende Wochen liegen hinter der Solingerin. Die vergangenen zwei Monate verbrachte die 19-Jährige damit, sich auf die umfangreichen Abschlussprüfungen vorzubereiten. Knapp fünf Stunden hat der theoretische Teil in Anspruch genommen, gar acht musste sie sich in der Praxis beweisen. Zu den Aufgaben gehörte unter anderem, eine Rinderpistole zu zerlegen und die Teilstücke zu benennen, sowie Fleischwurst und Sülze herzustellen. Zudem musste Röttgen ein Verkaufsgespräch führen. Der Umgang mit Kunden gefällt der 19-Jährigen an ihrem Job am meisten.

In einem wesentlichen Punkt unterscheiden sich die beruflichen Wege von Christel Lapawa und Lily Röttgen. „Ich habe keinen Meister gemacht, sondern einen geheiratet“, erzählt die 79-Jährige schmunzelnd. Die 60 Jahre jüngere Solingerin besucht dagegen ab August die Meisterschule in Landshut. Drei Monate dauert der Kurs. Lapawa und Peter Steimel sind sich einig: „Das schafft sie.“ Aus ihnen sprechen zusammen mehr als 90 Jahre Berufserfahrung.

Ende des Jahres möchte Lily Röttgen wieder in den großelterlichen Betrieb einsteigen. Noch immer ist Peter Steimel dort rund 20 Stunden pro Woche anzutreffen. 1968 absolvierte er seine Gesellenprüfung als Jahrgangsbester. Dass seine Enkelin mehr als 50 Jahre später in seine Fußstapfen tritt, macht den 70-Jährigen stolz: „Das hat mir einen totalen Motivationsschub gegeben.“ Solange er fit ist, möchte Steimel weiter arbeiten. Und den Betrieb eines Tages an seine Enkelin übergeben? Das werde sich zeigen. Der Sohn von Steimels Mitstreiter Berthold Nass hat seinen Meisterbrief bereits in der Tasche. Für die Nachfolge scheint gesorgt – dem Branchentrend zum Trotz.

Innung

Wegen der rückläufigen Zahl der Betriebe haben sich die Metzger in der Region zur Fleischerinnung Düsseldorf-Mettmann-Solingen zusammengeschlossen. Sie zählt acht Solinger Mitglieder. Peter Steimel ist stellvertretender Obermeister.

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