Untersuchungen

Felix Nussbaum malte die Pogromnacht

Felix Nussbaum malte die „Rue triste“ unmittelbar als Reaktion auf die Pogromnacht. Untersuchungen des Bildes belegen das.
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Felix Nussbaum malte die „Rue triste“ unmittelbar als Reaktion auf die Pogromnacht. Untersuchungen des Bildes belegen das.

Im Zentrum für verfolgte Künste hängt das erste bekannte Bild weltweit zur Pogromnacht am 9. November 1938.

Von Philipp Müller

Solingen. Heute vor 84 Jahren – am 9. November 1938 – wütete im Dritten Reich der Nazimob. Synagogen wie in Solingen gingen in Flammen auf. Geschäfte wurden geplündert, Schaufenster zerschlagen, was der Nacht auf den 10. November den Beinamen „Reichskristallnacht“ brachte. Jüdische Menschen wie Max Leven in Solingen wurden ermordet. Es gibt kaum Fotos, geschweige denn Kunst mit direktem Bezug zu den Gräueltaten. Bis jetzt, denn im Solinger Zentrum für verfolgte Künste gilt das Bild „Rue triste“ von Felix Nussbaum als direkte Reaktion auf die Pogromnacht. Das hat das Team um Direktor Jürgen Kaumkötter mit Hilfe von Experten herausgefunden.

Im Zentrum für verfolgte Künste hat Direktor Jürgen Kaumkötter Belege zur Forschung ausgestellt.

Das Bild werde damit zum vermutlich frühesten Zeugnis der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Pogromnacht, sagt Kaumkötter. Und das steigere auch den Wert des Bildes in Richtung einer Million Euro, für die Hälfte ist es bereits versichert. Es gehört dem Autor, Sammler und Publizisten zu Werken verbrannter Dichter, dem Wuppertaler Jürgen Serke, dessen umfangreiche Sammlung Teil des Zentrums ist.

Maler reflektierte Pogromnacht und eigene Erlebnisse

Es seien psychologisch schwerste Zeiten für Felix Nussbaum gewesen, die er im November und Dezember 1938 im Exil in Brüssel erlebte, erklärt der Museumsdirektor. Schon 1933 emigrierte der jüdische Maler aus seiner Heimatstadt Osnabrück. Er hatte nach der Pogromnacht vergeblich versucht, seine Eltern aus Köln nach Brüssel zu holen. Diese Tragik liege dem Bild zugrunde, ist sich Kaumkötter heute ganz sicher.

Warum das jetzt erst klar wurde, ist die Folge einer wissenschaftlichen Untersuchung. Am Rand des im Meistermann-Saal des Museums hängenden Bilds ist zu sehen, dass es sich um eine Übermalung handelt. „Was ist das denn darunter?“, habe er sich mit seinem Team schon lange gefragt. In Köln wurde das Bild dann von den Experten des Cologne Institute of Conservation Sciences (CICS) der Technischen Hochschule geröntgt. Dabei kam heraus, dass als erstes Bild auf der Leinwand die Umsetzung einer apokalyptischen Zeichnung aus dem späten Jahr 1938 entstanden war. Die Vorzeichnung dazu ist heute Teil der Sammlung Yad Vashem in Jerusalem. Bisher ging man davon aus, dass die Apokalypse von sterbenden Menschen in einer Ruinenlandschaft Bezug auf den Kriegsbeginn im September 1939 nimmt. Das könne aber nicht sein, denn das Bild „Rue triste“ als Übermalung sei bereits im Februar 1939 in Brüssel ausgestellt worden.

Doch die Untersuchungen haben noch etwas anderes ergeben. Die „Rue triste“, für die Kaumkötter als Motiv die Osnabrücker Johannisstraße aus Nussbaums Heimatstadt ausfindig gemacht hat, wurde nach der ersten Version nochmals übermalt. Wo die Katze jetzt auf einer leeren Straße steht, waren in der Ursprungsfassung des Bildes zerborstene Fenster als ein Schutthaufen zu sehen. Eine Anspielung auf die Reichskristallnacht. Warum Nussbaum diesen direkten Bezug innerhalb weniger Wochen übermalte, müsse noch untersucht werden.

Felix Nussbaum

Der Maler Felix Nussbaum aus Osnabrück gilt als wichtiger Vertreter der Künstler, die sich in ihren Werken direkt mit dem Holocaust auseinandergesetzt haben. Nach seiner Emigration 1933 aus Deutschland wurde er im Jahr 1944 nach vielen weiteren Flucht- und Verhaftungsstationen ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt, wo er umgebracht wurde.

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