25 Kinder stehen auf der Straße

Fehlendes Kita-Personal ist der Engpass

Sorgen sich um die Unterbringung ihrer Kinder im Advent-Kinderhaus Ketzberg: (v.l.) Sascha Senhold mit Helena und Paul, Ann-Katrin Sonnenberg sowie Alisha Ullmann und Daniel Kaufmann mit Tochter Joleen.
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Sorgen sich um die Unterbringung ihrer Kinder im Advent-Kinderhaus Ketzberg: (v.l.) Sascha Senhold mit Helena und Paul, Ann-Katrin Sonnenberg sowie Alisha Ullmann und Daniel Kaufmann mit Tochter Joleen.

Im Advent-Kinderhaus Ketzberg soll eine Gruppe geschlossen werden.

Von Simone Theyßen-Speich

Solingen. 1000 fehlende Kita-Plätze, Probleme beim Neubau von Einrichtungen und zu wenig qualifizierte Erzieher – schon seit längerem ist die Betreuung der Null- bis Sechsjährigen eine der Großbaustellen in der Stadt. Die Eltern des Advent-Kinderhauses Ketzberg konnten sich da glücklich schätzen, einen der begehrten Plätze für ihre Kinder gefunden zu haben. Aber seit Ende der Sommerferien müssen sie ihre Kinder jetzt wieder zu Hause betreuen. Der Grund: akuter Personalmangel in der Einrichtung. „Von den 45 Kindern können nur noch die 20 betreut werden, bei denen beide Elternteile berufstätig sind“, schildert Mutter Ann-Katrin Sonnenberg die Situation. Sie muss ihren Sohn seitdem wieder zu Hause lassen.

Zu zwei Schwangerschaften bei den Erzieherinnen kamen noch Kündigungen hinzu. Auch die langjährige Leiterin Halina Cieflar-Oberheidt geht in einem Monat. „Es tut mir sehr leid, dass sich durch meine Entscheidung die Situation noch weiter zuspitzt, aber ich möchte die Konsequenzen aus der Personalpolitik der Einrichtung ziehen“, so Cieflar-Oberheidt, die zehn Jahre lang die Einrichtung leitete.

Träger und Jugendamtführen Gespräche

Ihr Chef Manfred Denkert, Geschäftsführer der Advent-Kindergärten in Mönchengladbach, Krefeld, Essen, Bergisch Gladbach und den zwei Solinger Einrichtungen, hatte die Eltern mit einem Aushang über den Fachkräftemangel informiert. Auf Drängen der Eltern fand jetzt ein Gespräch in der Einrichtung statt. „Ich habe jetzt beim Jugendamt beantragt, die Einrichtung auf eine Gruppe zu reduzieren, so lange die zwei Mitarbeiterinnen in Elternzeit sind“, erklärte er gegenüber dem ST.

Für die betroffenen Eltern ist das keine Lösung. Denn auch die Familien, die ihre Kinder nicht mehr bringen dürfen, müssen weiter den Beitrag zahlen. „Ich konnte meine neue Stelle auch nicht antreten“, so Ann-Katrin Sonnenberg. Sascha Senhold ist alleinerziehender Vater von drei Kindern. „Wie konnten Verträge mit den Eltern gemacht werden, wenn klar ist, dass nicht genügend Personal da ist?“, kritisiert er.

Der Fall der Einrichtung in Ketzberg liegt jetzt auf dem Tisch des städtischen Jugendamtes. „Auch wenn die Einrichtung nicht in städtischer Trägerschaft ist, sind wir am Ende immer in der Verantwortung, Plätze für alle Kinder bereitzustellen“, erklärt Christoph Steinebach, Abteilungsleiter im Familienbüro. „Dass jetzt eine Gruppe geschlossen werden soll, ist eine neue Zuspitzung der personellen Lage dort.“

Die derzeitige Betreuungssituation sei eine riesige Herausforderung für alle, für Eltern, Stadt, Kirchengemeinden, Verbände und Elterninitiativen. Sobald in einer Einrichtung Personal fehle, werde Meldung an die Stadt und den Landschaftsverband gemacht, erklärt Dominic Preuß, von der Jugendhilfeplanung.

 Notwendiger Schritt sei dann etwa die wochenweise Reduzierung der Betreuungszeiten von 45 auf 35 Stunden, „eine komplette Gruppenschließung ist aber noch nicht vorgekommen“, so Preuß. Dass Kita-Beiträge und Essensgeld auch bei Reduzierungen weiter gezahlt werden müssen, sei hingegen gängige Praxis, bedauert Stefan Stiel, Abteilungsleiter für die städtischen Kitas und Heime. „Auch die Kosten für Personal laufen schließlich weiter.“

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Stadt sieht Bedarf, Vorgaben zu ändern

Ausbildung, Rechtsanspruch und Qualitätsanspruch seien die Stellschrauben

Kapazitäten, um langfristige Erkrankungen oder Schwangerschaften personell auszugleichen, gebe es kaum noch, erklärt die Verwaltung. Schon jetzt sind von den 300 städtischen Kita-Stellen sieben nicht besetzt. „Und wir sind erst am Anfang des Kita-Jahres“, so Kai Wißmann, Abteilungsleiter Personalmanagement.

Man bilde bei der Stadt maximal aus, übernehme alle geeigneten Azubis. „In jeder städtischen Kita-Gruppe ist ein Azubi, mehr geht nicht. Das ist schließlich auch eine Frage der Qualität“, so Christoph Steinebach. Stadtweit seien derzeit 140 Ausbildungsstellen in den Kitas gemeldet. Zur Lösung des Personal-Problems müsse neben dem Thema Ausbildung die Frage nach dem Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz gestellt werden. „Aber das ist eine bundesweite Entscheidung“, so Steinebach.

Kinderpfleger könnten vermehrt eingesetzt werden

Dritte Stellschraube sei der Qualitätsanspruch. Ausgebildete Kinderpfleger anstelle von höher qualifizierten Erziehern könnten die Situation entlasten. Dazu müssten die Vorgaben des Landschaftsverbandes geändert werden. Derzeit dürfen Kinderpfleger nur als Zweitkraft in Gruppen für 3- bis 6-Jährige tätig sein. Der Städtetag sei an dem Thema dran.

Erschwert werde die Lage, weil alle Kommunen vor dem gleichen Problem stehen. „Man kann also auch nicht Kräfte aus Nachbarstädten abwerben“, erklärt Kai Wißmann. Und Erzieher, die von anderen Trägern zur Stadt wechseln, reißen dort wieder ein Loch. Dennoch will die Stadt mit einem Konzept zur Gesundheitsförderung um Erzieher werben und sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren. Eng verknüpft ist der Fachkräftemangel auch mit der geplanten und notwendigen Errichtung neuer Kitas. „Das ist ein Risiko für jede neue Kita, die ans Netz gehen will.“

Mit Sorge blickt man bei der Stadt auf den Rechtsanspruch für einen Platz im Offenen Ganztag (OGS) ab 2026. „Das wird die personellen Schwierigkeiten noch verschärfen“, so Christoph Steinebach. -sith-

Standpunkt von Simone Theyßen-Speich: Jetzt zusammenrücken

simone.theyssen-speich@solinger-tageblatt.de

Das Problem der fehlenden Plätze in Kitas, aber auch im Offenen Ganztag muss auf zweierlei Wegen angegangen werden. Langfristig muss in Ausbildung und damit in attraktive Arbeitsplätze investiert werden. Dazu müssen von Bund und Land auskömmliche finanzielle Rahmenbedingungen für Räume und Personal gestellt werden. Die Stadt und erst recht die Träger können das alleine nicht stemmen. Aber für die Familien, die jetzt für ihre Kinder auf der Suche nach einem Platz sind, muss es auch kurzfristige Lösungen geben.

Und da Kitas und Personal nicht herbeigezaubert werden können, heißt es wohl, zusammenzurücken. Mehr Tagesmütterstellen für die Jüngsten, Kinderpfleger zur personellen Unterstützung in den Kitas, zusätzliche Gruppen notfalls in externen Räumen und notfalls auch die Aufstockung der Gruppengrößen. Was gar nicht geht, ist Eltern, die die Betreuung fest in ihre berufliche Planung einkalkuliert haben und brauchen, jetzt im Regen stehen zu lassen.

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