Zahl der Tests ist stetig gesunken

Experten sehen hohe Corona-Dunkelziffer

Vor den Sommerferien finden derzeit zahlreiche Veranstaltungen statt. Sowohl die Zahl der Schnelltests, als auch die Zahl der PCR-Tests geht aber immer weiter zurück. Experten befürchten eine hohe Dunkelziffer – und steigende Zahlen nach den Ferien.
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Vor den Sommerferien finden derzeit zahlreiche Veranstaltungen statt. Sowohl die Zahl der Schnelltests, als auch die Zahl der PCR-Tests geht aber immer weiter zurück. Experten befürchten eine hohe Dunkelziffer – und steigende Zahlen nach den Ferien.

Chefarzt spricht von einer „Ruhepause“.

Von Björn Boch

Solingen. Der Stadtdienst Gesundheit geht davon aus, dass die derzeit erfassten Infektionszahlen deutlich zu niedrig sind. „Die Inzidenz stellt nur einen Ausschnitt des Ausbruchsgeschehens dar“, erklärt Guido Krämer, Verwaltungsleiter beim Stadtdienst. Zwei bis drei Mal höher schätzen er und Britta Schroer, Abteilungsleiterin für Infektionsschutz, die tatsächlichen Zahlen. Der Grund: Viele Infizierte isolierten sich nach einem positiven Schnelltest und machten keinen PCR-Test mehr. Positive Schnelltests an kostenlosen Teststellen würden zwar ans Robert-Koch-Institut (RKI) übermittelt, gehen aber nicht in die Statistik ein, so Schroer. Auch die Zahl der Schnelltests ist zurückgegangen (siehe unten).

Bundesweit sind die Inzidenzwerte wieder gestiegen, das RKI gibt den Wert zu Wochenbeginn mit rund 330 bundesweit und knapp über 400 in NRW an. Solingen lag am vorigen Wochenende bei 490 – an Pfingsten hatte die Inzidenz 581 betragen. Bundesweit war das der siebthöchste Wert.

„Unsere Theorie ist, dass wir aufgrund guter Strukturen vor der Lage sind“, so Schroer. Es gebe wohl nicht mehr Infektionen als andernorts, aber weniger unentdeckte Fälle. Sie und Krämer rechnen mit einem generellen Anstieg aufgrund der in Portugal verbreiteten Omikron-Variante BA.5 – deutschlandweit verdoppele sich der Anteil dieser Variante wöchentlich. Bundesweit werden 5 Prozent der positiven Tests automatisch sequenziert. Für Solingen seien die Fallzahlen zu klein, um belastbare Aussagen über BA.5 zu treffen.

„Wir wissen nicht, was noch auf uns zukommt“, betont Guido Krämer mit Blick auf den Herbst und mögliche weitere Varianten. Die Mobilität der kommenden Wochen rund um die Ferien werde das Problem aber wohl verschärfen. Australien kämpfe derzeit mit einer Influenza-Welle, erklärt Schroer – in Kombination mit Corona kein gutes Szenario für den Herbst. Nach den Sommerferien soll ein Projekt starten, das in sensiblen Gesundheits- und Pflegebereichen großflächig auf Corona und Influenza testet (wir berichteten).

Spätestens nach den Sommerferien seien stark steigende Zahlen so gut wie gewiss, betont auch Prof. Winfried J. Randerath, Ärztlicher Direktor der Lungenfachklinik Bethanien. Er ist sich ebenso sicher, dass die aktuellen Zahlen nicht die tatsächlichen Inzidenzen wiedergeben. Da Omikron aber milde für Geimpfte verlaufe, bringe das Entspannung mit sich. „Es kommen derzeit nicht viele Patientinnen und Patienten im Krankenhaus an.“ Immer wieder müssten die zwar auch beatmet werden, auf der Intensivstation gebe es aber kaum Fälle, so Chefarzt Randerath.

Er sieht eine „Phase des Luftholens, vielleicht auch des Verdrängens“ – und diese Ruhepause sei in Ordnung. Es nütze nichts, Horrorszenarien an die Wand zu malen. Wie aggressiv das Virus im Herbst werde, sei noch nicht klar. Er beobachte aber mit einer gewissen Sorge, dass fast niemand mehr Maske trage. „Ich trage weiterhin konsequent eine Maske, auch wenn ich das nicht muss. Und kann das nur jedem sehr empfehlen.“

Mit Blick auf den Herbst und weiterhin rund 20 Prozent Ungeimpfter appelliert er an jeden, der eine Impfung bislang „aus Nachlässigkeit verpasst hat“, das dringend nachzuholen. Überzeugte Impfgegner werde man wohl nicht mehr erreichen. Wer über 70 Jahre alt sei oder zu den Risikogruppen zähle, solle das Angebot der vierten Impfung annehmen. Das empfiehlt auch die Ständige Impfkommission (Stiko). Bei allen anderen sei sie nicht zwingend erforderlich – im städtischen Impfzentrum etwa erhält man sie auch gar nicht, wenn man nicht zur Gruppe der Stiko-Empfehlung zählt. „Die vierte Impfung ist aber auch kein Fehler. Wer das möchte, kann sich an seinen Hausarzt wenden“, so Randerath. Definitiv wahrnehmen sollte man dann aber das Angebot neuer, weiterentwickelter Impfstoffe im Herbst.

Aus dem Impfzentrum der Stadt heißt es, dass die Zahl der Impfungen zwar stark zurückgegangen sei. „Seit zwei Wochen beobachten wir aber, dass die Nachfrage wieder geringfügig steigt“, sagt der Impfstoffdisponent Robert Krüger. „Durch vorsichtige Impfstoffplanung konnten größere Verwürfe von Impfstoff vermieden werden.“

„Ich trage weiterhin konsequent eine Maske, auch wenn ich das nicht muss.“

Prof. Winfried J. Randerath, Ärztlicher Direktor Bethanien

Bürgertests

Die Zahl der aktuell noch kostenlosen Schnelltests (Bürgertests) ist seit Ende März kontinuierlich gesunken. Waren es da noch mehr als 30 000 pro Woche, betrug die Zahl Ende April rund 17 000 und Ende Mai nur noch etwa 13 500. Kaum verändert hat sich die Anzahl der Teststellen in Solingen. Sie bewegt sich um die 70.

Alle aktuellen Nachrichten über die Corona-Lage in Solingen finden Sie in unserem laufend aktualisierten Coronavirus-Blog.

Standpunkt von Björn Boch: Vorbereitungen treffen

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Es scheint, als würden wir uns gerne davon überraschen lassen, wenn etwas eintritt, das kundige Menschen genau so vorhergesagt haben. Beispiel Tankrabatt: Nahezu jeder Experte hat das Scheitern prognostiziert. Eingeführt wurde er trotzdem. Wenn nun fast alle Fachfrauen und -männer vor steigenden Corona-Zahlen im Herbst warnen, dann ist das zwar nicht so ohne weiteres zu verhindern, wie es ein Tankrabatt gewesen wäre.

Zu sorglos sind wir alle derzeit im Umgang mit Corona, zu übertrieben wären aktuell strenge Regeln und Verbote. Es müssen jedoch Vorbereitungen getroffen werden. Dazu gehört, die Test- und Impf-Infrastruktur aufrechtzuerhalten – und ebenso, politische Kommunikation zu verbessern. Es mag sein, dass wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Es darf aber nicht sein, dass zum Beispiel wieder Schulen schließen müssen oder wir an einem Freitagabend im Spätherbst erfahren, welche Regeln ab Samstag gelten.  

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