Kirche stellt Schutzkonzept vor

Kirche tritt sexualisierter Gewalt entgegen

Dr. Ilka Werner (r.), Ulrike Kilp und Vlad Chiorean haben an der Entwicklung des neuen Schutzkonzeptes mitgewirkt. Foto: Manuel Böhnke
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Dr. Ilka Werner (r.), Ulrike Kilp und Vlad Chiorean haben an der Entwicklung des neuen Schutzkonzeptes mitgewirkt.

Um gegen Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung und sexualisierte Gewalt vorzugehen, hat der Kirchenkreis jüngst sein Schutzkonzept überarbeitet.

Solingen. Die mutmaßlichen Täter sind längst tot. Zwei Mädchen wurden in den 1970er Jahren im Evangelischen Kirchenkreis Solingen missbraucht. Heute sind sie erwachsene Frauen und von der Melde- und Ansprechstelle der Evangelischen Kirche im Rheinland als Opfer von sexuellem Missbrauch anerkannt. „Wir wissen sicher nicht alles, aber es ist klar, dass auch Solingen keine Insel der Unschuld war“, sagt Superintendentin Dr. Ilka Werner. Um gegen Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung und sexualisierte Gewalt vorzugehen, hat der Kirchenkreis jüngst sein Schutzkonzept überarbeitet. Es soll dazu beitragen, dass Kirchen kein Tat-, sondern ein Schutzort sind.

Die ursprüngliche Version stammt aus dem Jahr 2018. Regelmäßig sollen die Grundsätze aktualisiert und an neue Erkenntnisse angepasst werden. Seit einigen Tagen hängen in den hiesigen evangelischen Gemeindehäusern Plakate, die die Grundgedanken des Konzeptes zusammenfassen.

Vertrauenspersonen helfen Betroffenen im Evangelischen Kirchenkreis Solingen

„Wir brauchen eine Kultur der Aufmerksamkeit“, erklärt Ilka Werner. Dazu gehöre, Grenzen bei sich und anderen zu erkennen. Dabei sei nicht zu vergessen, dass Kirche von vertrauten Beziehungen und Berührungen lebe. „Das darf aber niemals in einem Übergriff enden“, betont die Superintendentin. Kommt es doch dazu, gelte es, die Dinge klar zu benennen.

Bei einem begründeten Verdachtsfall – ob selbst erlebt oder beobachtet –, nimmt Vlad Chiorean eine entscheidende Rolle ein. Er ist eine von zwei Vertrauenspersonen in der Beratungsstelle für Paar-, Familien-, Erziehungs- und Lebensfragen des Diakonischen Werks Solingen. In dieser Position fungiert er als Lotse im System. Der systemische Therapeut beruft das sogenannte Interventionsteam ein. Dieser Gruppe gehören etwa die Leitungsebene und andere Mitarbeiter des Kirchenkreises an. Zudem sind Mitarbeiter der Fachberatungsstelle bei sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche vertreten. Ziel ist es, die Betroffenen zu schützen, den Fall aufzuarbeiten.

„Es wird alles straf- und dienstrechtlich untersucht“, betont Pressepfarrer Thomas Förster. Eine kirchliche Paralleljustiz gebe es nicht. Zu den Aufgaben des Interventionsteams gehört es außerdem, die betroffene Person im Falle einer Falschbeschuldigung oder eines unbegründeten Verdachts zu rehabilitieren.

Im September sollen regelmäßige Schulungs- und Fortbildungsangebote starten

Ein weiterer Baustein des Schutzkonzepts sei Prävention, erklärt Ulrike Kilp. Sie ist die Geschäftsführerin des Diakonischen Werks des Evangelischen Kirchenkreises Solingen. Der Leitfaden sieht beispielsweise eine Potenzial- und Risikoanalyse vor. Die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter sollen aufgezeigt bekommen, was bereits gut funktioniert, und für Situationen sensibilisiert werden, in denen ein erhöhtes Risiko für Grenzüberschreitungen besteht. Dies sei zum Beispiel beim Wickeln von Kindergartenkindern der Fall. „Wichtig ist, für alle transparent zu machen, an welchen Stellen Nähe für unsere Arbeit wichtig ist“, sagt Kilp.

Die Mitarbeiter des Kirchenkreises müssen eine Selbstverpflichtungserklärung unterschreiben. Wer beruflichen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen hat, muss darüber hinaus ein erweitertes Führungszeugnis vorlegen. „Das Abstinenz- und Abstandsgebot ist uns wichtig“, nennt Vlad Chiorean einen weiteren Grundsatz. Bedeutet: keine engen privaten Kontakte zu Klienten, kein Ausnutzen der Macht-, Abhängigkeits- und Vertrauensverhältnisse.

Im September sollen regelmäßige Schulungs- und Fortbildungsangebote für alle rund 1000 ehren- und hauptamtliche Kräfte des Kirchenkreises inklusive Diakonie starten. Dabei stehen unter anderem die Inhalte des Schutzkonzeptes auf der Tagesordnung. Eines der weiteren Themen: Täterprofile erkennen. Das soll einerseits abschreckend wirken und die Mitarbeiter andererseits in die Lage versetzen, Verdachtsmomente früh zu erkennen. Ulrike Kilp betont: „Jeder, der in der Kirche arbeitet, trägt Verantwortung.“

Schutzkonzept

Das Schutzkonzept des Evangelischen Kirchenkreises Solingen trägt den Untertitel „Aktiv gegen Verletzungen der sexuellen Selbstbestimmung und sexualisierte Gewalt“. Es ist im Internet abrufbar.

www.ekir.de/solingen

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