Montagsinterview

Stadtdechant: „Es hat sich schon viel in der Kirche getan“

Es laufe beim Schutz von Kindern gegen Missbrauch in Zusammenhang mit der katholischen Kirche zwar noch nicht alles perfekt. Aber vieles sei auf einem guten Weg, findet Pfarrer Michael Mohr. In der Hand hält er eine Broschüre über ein institutionelles Schutzkonzept. Foto: Christian Beier
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Es laufe beim Schutz von Kindern gegen Missbrauch in Zusammenhang mit der katholischen Kirche zwar noch nicht alles perfekt. Aber vieles sei auf einem guten Weg, findet Pfarrer Michael Mohr. In der Hand hält er eine Broschüre über ein institutionelles Schutzkonzept.

Stadtdechant Michael Mohr über den Solinger Missbrauchsfall durch einen Pfarrer und heutige Präventionsschritte.

Herr Mohr, der Fall eines Pfarrers, der sich nach Missbrauchsvorwürfen das Leben genommen hat, sorgt für Erschütterung – die Taten sollen sich ja zu seiner Zeit als Kaplan in Solingen in den 90er Jahren abgespielt haben. Was erwarten die Solinger Gemeinden jetzt vom Erzbistum Köln?

Michael Mohr: Wir haben am Wochenende in den beiden Solinger Gemeinden, in denen der verstorbene Pfarrer tätig war, ein sogenanntes Proklamandum des Erzbistums Köln verlesen. Dies gilt im Übrigen für alle Gemeinden, in denen der Pfarrer tätig war. Der juristische Aspekt spielt durch dessen Tod nun tatsächlich keine Rolle mehr. Uns geht es eher darum, allen Betroffenen ein Hilfsangebot zu machen. Damit meinen wir ausdrücklich nicht nur mögliche weitere Opfer, sondern auch Menschen, die sich betroffen fühlen und denen die Sache sehr nahegeht.

Die katholische Kirche hat in den vergangenen Jahren immer wieder für Negativschlagzeilen mit Missbrauchsskandalen gesorgt. Welche Schutzvorkehrungen gibt es inzwischen?

Mohr: Bistumsweit kann man sagen, dass jeder, der in der katholischen Kirche als Priester, Diakon oder Theologe tätig ist, dem Bistum in regelmäßigen Abständen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen muss. Darüber hinaus werden Personen in der Ausbildung sehr intensiv zu Themen wie Prävention und Intervention geschult. Dieses Wissen muss auch jeder regelmäßig auffrischen, der in unseren Gemeinden hauptamtlich tätig ist. Allerdings müssen auch ehrenamtliche Mitarbeiter gewisse Kriterien erfüllen und erhalten Präventionsschulungen. In welchem Umfang das stattfindet, richtet sich auch danach, wie viel Kontakt jemand in seinem Tätigkeitsbereich mit Kindern und Jugendlichen hat.

Was passiert diesbezüglich in den Solinger Gemeinden?

Mohr: In allen drei Solinger Pfarreien haben wir außerdem ein sogenanntes institutionelles Schutzkonzept. So wird sichergestellt, dass Tätigkeitsbereiche mit Kindern und Jugendlichen besonders sensibel betrachtet werden. Wenn ich beispielsweise das Gefühl habe, dass sich in einer Katechese oder auch in einer Kita Kinder auffällig verhalten, gibt es Präventionsfachkräfte, die auch eine Lotsenfunktion haben. Das sind zwar keine ausgebildeten Psychologinnen, aber geschulte Mitarbeiterinnen, die erst einmal ernstnehmen und zuhören. Im zweiten Schritt wissen sie genau, an welche Stelle der Fall gegebenenfalls weitervermittelt werden muss.

Kritiker monieren, dass der Zölibat und eine überholte Sexualmoral das Klima für sexuellen Missbrauch in der Kirche begünstigen. Zu Recht?

Mohr: Wissenschaftlich lässt sich diese Annahme nicht erhärten. Zumindest kommen alle Studien, die ich kenne, nicht zu diesem Schluss. Und auch ich persönlich glaube nicht, dass man den Zölibat mit Missbrauchsfällen in einen Kausalzusammenhang bringen kann. Das wäre zu kurz gesprungen. Das Thema sexueller Missbrauch gibt es ja leider nicht nur in der katholischen Kirche, sondern an vielen Orten in der Gesellschaft, wenn Sie etwa an Heime oder den Leistungssport denken. Nur wurde dies in anderen Bereichen nicht so intensiv untersucht. Aber natürlich haben wir als Kirche einen anderen Selbstanspruch, dem wir massiv hinterherhinken.

Welche Rolle spielen verkrustete Machtstrukturen in der Kirche bei dem Problem?

Mohr: Das ist ein wichtiger Aspekt. Im Jahr 2010 ist sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche sehr intensiv an die Öffentlichkeit gelangt und das Jahr hat viel ausgelöst. In früheren Jahren – nicht nur in den 50ern und 60ern, sondern auch in der jüngeren Zeit – ist systematisch und strukturell manches falsch gelaufen.

Was?

Mohr: Ich selbst kann dazu nichts Näheres sagen, dazu gibt es ja das Gutachten, das am 18. März veröffentlicht werden soll. Man ist allen Betroffenen schuldig, das sehr genau zu machen, um Veränderungen zu bewirken. Allerdings hat sich seit 2010 schon sehr viel getan. Der Umgang mit Verdachtsmomenten, die danach bekanntgeworden sind, ist viel stringenter, klarer und schneller geworden – so auch der Solinger Fall, in dem aus meiner Sicht korrekt gehandelt wurde. So gibt es mittlerweile die Interventionsstelle in Köln, die ausgewiesene Fachleute wie Psychologen und Therapeuten in ihren Reihen hat. Es ist sicherlich noch nicht alles perfekt, denn sonst bräuchten wir keine Studie. Aber es hat sich schon viel in der Kirche getan. Da müssen wir weitermachen.

Ein anderer, oft genannter Kritikpunkt ist eine Schweigekultur in der katholischen Kirche. Täter sollen oft nur an einen anderen Einsatzort versetzt worden sein. Kann man so etwas jetzt ausschließen?

Mohr: Natürlich kann es immer wieder passieren, dass in Einzelfällen Fehler gemacht werden. Deswegen werden wir weder gesamtgesellschaftlich und leider auch nicht kirchlich den Missbrauch von Minderjährigen auf null setzen können. Das wäre zwar schön, ist aber illusorisch. Mittlerweile gibt es glücklicherweise aber eine so hohe Sensibilität in diesem Bereich und innerhalb der Kirche klare Wege, was in einem Verdachtsfall zu tun ist. Wenn es dann anders gemacht wird, kann sich keiner darauf berufen, er habe es ja nicht gewusst.

Katholische Priester leben ehelos und arbeiten viel mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Was wird getan, damit der Beruf Pädophile gar nicht erst anzieht?

Mohr: Ich kann zwar nicht für die letzten 70 Jahre sprechen, aber ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich im Jahr 2001 in dem Beruf angefangen habe. Der Umgang mit der eigenen Sexualität, mit dem Zölibat und der Ehelosigkeit wird in der Priesterausbildung thematisiert und nicht totgeschwiegen. Zum einen gibt es da die rationale Herangehensweise, aber auch eine seelisch-geistige Art des Umgangs, das Gespräch mit geistlichen Begleitern. In der Ausbildung blicken Ärzte, Psychologen und Therapeuten aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf Berufsanfänger im Priesteramt.

Zur Person: Michael Mohr

Michael Mohr, Leitender Pfarrer für die Pfarreien St. Clemens und St. Johannes der Täufer, ist seit 2017 als Solinger Stadtdechant tätig. Vor seinem Theologiestudium und der anschließenden Laufbahn als Priester studierte er Finanzwirtschaft und war bis 2001 im Finanzamt Siegburg tätig.

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