Verdacht

Erneut Gewaltvorwürfe in Solinger Kitas

Die Kita Klingenbande liegt in direkter Nachbarschaft zum Rathaus.
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Die Ermittlungen im Fall Klingenbande dauern an.

Leiterin der Einrichtung an der Uhlandstraße wurde freigestellt. Ermittlungen im Fall Klingenbande dauern an.

Von Kristin Dowe

+++ Update vom 1.10.2022 +++ Im Fall der Vorwürfe wegen „pädagogischen Fehlverhaltens“ und mutmaßlicher körperlicher Übergriffigkeit seitens einer inzwischen freigestellten Mitarbeiterin an der Kita Uhlandstraße, die sich in Trägerschaft des Diakonischen Werks befindet, hat die Polizei seit gestern eine Strafanzeige zu verzeichnen. Bei Bekanntwerden der Vorwürfe lag der Polizei noch keine Anzeige vor. Die Ermittlungen in dem Fall dauern an. -KDow-

Artikel vom 26.9.2022

Solingen. Erst in der vergangenen Woche sorgten Vorwürfe gegen eine inzwischen freigestellte Erzieherin der Kita Klingenbande für Erschütterung, die gegenüber in der Einrichtung betreuten Kindern Gewalt ausgeübt haben soll. Die Ermittlungen in diesem Fall, zu dem der Polizei drei Strafanzeigen vorliegen, dauern nach Angaben der Staatsanwaltschaft Wuppertal weiter an.

Nun muss sich auch das Diakonische Werk des evangelischen Kirchenkreises Solingen als Träger bei gleich zwei Einrichtungen mit ähnlichen Anschuldigungen gegen Kita-Personal auseinandersetzen: So wurde am Donnerstag die neue Leiterin der Einrichtung an der Uhlandstraße vorläufig freigestellt, weil „es unter ihrer Leitung zu pädagogisch nicht angemessenem Verhalten gekommen sein könnte“, bestätigt Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks, gegenüber dem Tageblatt. Laut Angaben des LVR stehe auch „körperliche Übergriffigkeit“ im Raum.

Für den gestrigen Abend wurde zur Information der Familien deshalb eine Elternversammlung einberufen, eine erfahrene Leiterin aus einer der anderen Einrichtungen des Diakonischen Werks habe kurzfristig die kommissarische Leitung übernommen.

Der Verdacht gegen die Leiterin der Einrichtung sei laut Kilp durch eine neu eingestellte Erzieherin aufgekommen, die ihre Beobachtungen zunächst gegenüber der Mitarbeitendenvertretung offen zur Sprache gebracht habe. Nach einer internen Untersuchung seien „alle notwendigen Schritte eingeleitet“ und auch der Elternrat informiert worden. So sind auch das Solinger Jugendamt und der Landschaftsverband Rheinland (LVR) als zuständige Aufsichtsbehörde über den Fall im Bilde, wie beide bestätigten.

Anders gelagert ist aus Sicht von Ulrike Kilp ein Fall in der Kita Birkerstraße, gegen deren Leiterin ein Vater Vorwürfe erhebt. Der Solinger hatte unter anderem im Gespräch mit dem ST die Anschuldigung erhoben, dass deren Leiterin ein Kind im Zuge einer Auseinandersetzung geohrfeigt haben soll. Die Szene habe er selbst in der Kindertagesstätte beobachtet, berichtete der Vater.

„Man hat mir gegenüber versucht, den Vorfall als Versehen im Rahmen einer Rangelei herunterzuspielen, als ich den Vorfall in der Kita gemeldet habe“, sagt der Solinger, der anonym bleiben möchte. „Ich bin aber ganz sicher, dass es eine absichtliche Ohrfeige war.“ Deshalb habe er Strafanzeige erstattet.

„Eine Kita ist keine Ermittlungsbehörde.“

Till Döring, LVR-Sprecher

     Auch dieser Vorwurf trifft Ulrike Kilp zutiefst. In diesem Fall sei die Leiterin nun im sogenannten Paralleldienst tätig und bis zur vollständigen Klärung der Vorwürfe verpflichtet, die Kinder ausschließlich in Begleitung mit weiteren Beschäftigten der Kita zu betreuen. „Nachdem wir von diesem Vorwurf Kenntnis erhalten hatten, haben wir unverzüglich Gespräche zur Sachklärung mit der Beschuldigten, Mitarbeitenden, Zeugen, Elternrat, einem Vertreter des Stadtelternrates und dem Vater geführt. Das kommunale und das Landesjugendamt wurden von uns umfassend informiert“, versichert sie. „Wir unterstützen die Ermittlungen und eine mögliche strafrechtliche Klärung. Nach einem Ergebnis werden wir gegebenenfalls weitere Konsequenzen ziehen. Wir verweisen allerdings darauf, dass während der Klärung für unsere Mitarbeiterin die Unschuldsvermutung gilt.“

Bei Trägern wie dem Diakonischen Werk sehe sie darüber hinaus auch erschwerte Bedingungen, um dem „hohen qualitativen Anspruch an die Betreuung gerecht zu werden“. Mitverantwortlich für die strukturellen Probleme seien mitunter auch der eklatante Personalmangel, die Belastungen für die Einrichtungen durch die Corona-Pandemie und der Druck auf das Betreuungssystem durch den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz. „Aus diesen Faktoren resultiert natürlich eine gewisse Fehleranfälligkeit.“ Positiv mit Blick auf die Fälle sei aber, dass „die Selbstkontrolle insgesamt funktioniert hat“.

Wie schwierig die Aufarbeitung solcher Vorwürfe für die Einrichtungen unabhängig von deren Wahrheitsgehalt ist – bestätigt Till Döring, Sprecher des Landschaftsverbands, der in alle drei Fälle eingebunden war. „Eine Kita ist ja keine Ermittlungsbehörde. Deshalb sind die Einrichtungen in besonderem Maße auf die Begleitung von uns als Landesjugendamt angewiesen.“  | Standpunkt

Hintergrund

Das Diakonische Werk verweist zudem darauf, dass die Mitarbeitenden regelmäßig in Team-Supervisionen und Leiterschulungen etwa in gewaltfreier Kommunikation geschult würden. Man sei für das Thema insgesamt sensibilisiert.

Standpunkt von Kristin Dowe: Lückenlose Aufklärung

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

So besorgniserregend es ist, dass gleich drei Solinger Kitas sich derzeit mit Vorwürfen emotionaler und körperlicher Gewalt gegen Kinder durch Kita-Personal auseinandersetzen müssen: Die Vorwürfe dürfen deshalb nicht pauschal in einen Topf geworfen werden. Jeder einzelne Fall ist mit seinen Hintergründen differenziert zu betrachten. Dabei sind die betroffenen Einrichtungen bei der Aufklärung auch auf Hilfe von anderen Behörden wie des LVR, des städtischen Jugendamts und – wo strafrechtlich relevante Vorwürfe im Raum stehen – der Polizei angewiesen.

Lückenlose Aufklärung zum Wohle der Kinder, die erfahrenes Unrecht selbst noch nicht richtig zur Sprache bringen können, sollte für alle Stellen oberste Priorität haben. Dies ändert nichts an der Tatsache, dass der Umgang mit solchen Verdachtsfällen für alle Beteiligten immer eine schwierige Abwägung bleiben wird. Denn gleichzeitig gilt es, die Persönlichkeitsrechte der Beschuldigten zu wahren. Und die Unschuldsvermutung zu berücksichtigen.

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