Serie

Solingen erlebt Rock-’n’-Roll-Revolution

Die Phonotones – Lukas Püttmann (von links), Theo vom Steeg, Patrik Franke und Jonas Roden – nannten ihre Musik Voodoo-Blues und waren doch ganz der Tradition des Garagen-Punks verschrieben. Foto Jessica Schütze
+
Die Phonotones – Lukas Püttmann (von links), Theo vom Steeg, Patrik Franke und Jonas Roden – nannten ihre Musik Voodoo-Blues und waren doch ganz der Tradition des Garagen-Punks verschrieben.

Floozies oder Phonotones verhalfen dem Garagenrock zu einem zweiten Frühling.

Von Julian Müller

Anfang der 2000er erhob sich weltweit eine neue Rock-’n’-Roll-Welle aus der satt gewordenen Pop-Szene der späten 1990er. Der raue und doch irgendwie polierte New York City Garagen-Rock der Strokes war vielleicht die letzte große Rock-Revolution. Beeinflusst gleichermaßen von ‘60s Bands und 77er Punk, gemischt mit einer Portion gelangweiltem Rebellentum, wurde zu Beginn des neuen Jahrtausends eine neue Bewegung ausgelöst, die weltweit zu spüren war. Im Windschatten der Strokes zogen bald Bands wie die Libertines, Hives und die schwedischen Wunderkinder Mando Diao nach.

Im frisch zur „Rock City No. 1“ gekürten Solingen hatte die Garagen-Szene um die Stuhldreier-Brüder bereits den Nährboden gesät, aus dem im Gespann mit den internationalen Vorbildern plötzlich eine neue Szene emporstieg. The Floozies, Phonotones und Muddy Mistress hießen die Bands der Stunde. Die Schülerrock-Festivals füllten noch das Getaway bis auf den letzten Platz und bei der Rock-’n’-Roll-Disco Dackeltreff traf sich die Jugend, um gleichermaßen zu Twist & Shout von den Beatles und Sheepdog von Mando Diao zu tanzen.

Ein besonderer Nährboden war der Rock-’n’-Roll-Freitag der Dirtshakes in der Cobra. Die mittlerweile zu den Elder Statesmen aufgestiegene Band, lud junge Musiker auf ihre Bühne ein. Eine Art Katalysator für die Szene.

„Wir waren von viel Musik geprägt, wollten Punk machen.“

Philipp Hüsgen, Floozies

Die Floozies waren dann so etwas wie die Pioniere der zweiten Welle. „Wir waren von ganz viel verschiedener Musik beeinflusst, aber wollten Punk machen“, erinnert sich Gitarrist Philipp Hüsgen. Auch das Publikum wurde erweitert. „Wir sind alle auf verschiedene Schulen gegangen, Flyer waren das neue Medium und die haben wir überall verteilt“, erinnert sich Hüsgen und ergänzt: „Für ein paar Jahre waren auf einmal alle Livemusik-Fans.“

„7 Minutes“ hieß 2004 das erste und einzige Album der Floozies – wohl die herausragende Platte der damaligen Solinger Szene. Zwölf kurze, simple Songs wie „This Is Pop“ und „Be“, an nur einem Tag live aufgenommen und mit Soundschnipseln verbunden, ergaben ein homogenes Ganzes, das sich auch 2020 noch toll anhört. In Solingen spielten sie als letzte Band auf den Festivals, damit die Leute bis zum Schluss blieben und auch im Rest von Deutschland wurde die Szene auf sie aufmerksam.

Die Floozies bildeten (vl.) Jörn Hetzler (Gesang), Phlipp Hüsgen (Gitarre), Johannes Riemen (Bass) und Felix Kremers (Schlagzeug). Sie waren Pioniere der zweiten Solinger Punk-Welle.

„Damals haben wir das gar nicht so mitbekommen“, wundert sich Philipp Hüsgen. Nach ein paar intensiven Jahren und dem Versuch ein zweites Album aufzunehmen, aus dem dann doch nur eine Vinyl-EP wurde, war 2007 Schluss. „Unser Bassist Hannes ist nach Österreich ausgewandert und wir konnten uns damals nicht vorstellen, ohne ihn weiterzumachen“, erklärt Hüsgen das abrupte Ende der Band. Schlagzeuger Felix Kremers fing kurz vor dem Ableben der Floozies als Sänger bei Creepy 7 an. Beeinflusst von einer wilden Mischung aus Psychobilly, Stoner und Rock ’n’ Roll, spielten sie einen Sound, den sie Voodoo-Blues tauften. „Wir konnten uns austoben und klangen von Song zu Song unterschiedlich“, erzählt Felix Kremers. Auch auf der Bühne ging es chaotisch zu: „Keiner hatte einen festen Platz und wir haben während der Konzerte ständig unsere Instrumente getauscht.“

Nach dem Album „White Trash, Black Soul“ war es dann aber wohl auch genau diese musikalische Zerrissenheit, die dafür sorgte, dass sich die Band 2010 schon wieder trennte.

Die Phonotones setzten ganz auf den Garagen-Punk

Mehr im Hochspannungs-Fahrwasser der Floozies waren die 2004 gegründeten Phonotones um Gitarrist und Sänger Lukas Püttmann angesiedelt. Sie übernahmen für ein paar Jahre die Solinger Garage-Punk-Fahne und veröffentlichten 2007 ihr einziges und daher perfekt betiteltes Album „Welcome Goodbye“. Der rasanten Leichtigkeit der Floozies mischten sie einen sägenden Stoner-Sound bei – gerne bis zum Anschlag verzerrt.

„Zum Ende der Phonotones gab es 2010 einen fließenden Übergang zu den Ten Tenners, mit denen ich für ein paar Jahre Musik gemacht haben“, erzählt Lukas Püttmann, der dort Schlagzeug spielte. Nach weiteren Stationen bei Ärger Now und den Brain Traps, mit denen er bis nach Frankreich und Spanien tourte, lebt er mittlerweile in Berlin und macht dort solo Musik.

Eher dem psychedelischen Blues von den Doors und Jimi Hendrix nahe, mischten eine Zeit lang auch Muddy Mistress mit. Auf ihrer „Demons EP“ verband das Trio um Sänger und Gitarrist Moritz Albert 2007 ihre ‘60s-Einflüsse mit zeitgenössischen Indie-Elementen. Spätere unveröffentlichte Aufnahmen zeigten Potenzial, aber Albert widmete sich nach dem Ableben der Band der Malerei, mit der er seit 2010 einige spannende Projekte realisieren konnte.

In den Solinger Garagen ist es dafür mittlerweile recht still geworden. Aktiv sind die Bands dieser zweiten Welle alle nicht mehr. Zu einer Floozies-Reunion ist es abgesehen von einem kleinen Auftritt auf der Hochzeit der Schwester von Sänger Jörn Hetzler trotz Anfragen jedenfalls noch nicht gekommen. Stattdessen machten Philipp Hüsgen und Felix Kremers zusammen mit Phonotones-Bassist Jonas Roden von 2014 bis 2018 unter dem Namen New Next Musik. Ihr Album erschien 2017 und enthält entspannten Indie-Pop, bei dem nur noch im Geiste die jugendliche Wildheit der Vergangenheit durchblitzt.

Serie zur Solinger Musikgeschichte

Solingen hat eine reiche Musikhistorie, die über die Jahrzehnte immer wieder spannende Musik hervorbrachte. Julian Müller, Kopf der Blackberries, unternimmt in seiner neuen Reihe eine Zeitreise durch die Vergangenheit. Dabei beleuchtet er internationale Erfolgsgeschichten, aber auch den Werdegang von lokalen Phänomenen, die es nicht über die Stadtgrenzen hinaus geschafft haben. Die Serie blickte bereits auf Bands wie die Lonestars, Promotion Soul Concern oder auch S.Y.P.H., Accept und Rausch zurück. In der nächsten Folge wird die aktuelle Solinger Musikszene beleuchtet.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Kripo-Chef sieht Solingen als eine Hauptwirkungsstätte krimineller Familienclans
Corona-Zahlen steigen durch Reiserückkehrer
Corona-Zahlen steigen durch Reiserückkehrer
Corona-Zahlen steigen durch Reiserückkehrer
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Brückensteig: Die Kletterer gehen an den Start
Bahn sperrt Strecke der S1 bis Montag
Bahn sperrt Strecke der S1 bis Montag
Bahn sperrt Strecke der S1 bis Montag

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare