Theater

Ensemble 55plus verfilmt das Stück „Entfesselt“

Das Ensemble zeigt in dem Stück „Entfesselt“ faszinierende Tanzszenen, die unter die Haut gehen. Foto: Christian Beier
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Das Ensemble zeigt in dem Stück „Entfesselt“ faszinierende Tanzszenen, die unter die Haut gehen.

Die Videoaufnahmen, durchgeführt vom Techniker-Team des Stadttheaters, fanden am Montag und Dienstag auf der Bühne im Pina-Bausch-Saal statt.

Von Andreas Erdmann

Ursprünglich sollte das neue Stück „Entfesselt“ des Solinger Tanztheater-Ensembles 55plus vor Publikum im Stadttheater aufgeführt werden. „Dann kamen uns Corona und der Lockdown dazwischen. Nun lassen wir es als Video verfilmen und werden den fertigen Videostream der Öffentlichkeit im Internet präsentieren“, berichtet der Regisseur und Choreograph Marcus Grolle.

Bei der Inszenierung stand ihm die Tänzerin und Schauspielerin Renate Kemperdick als Assistentin zur Seite. Auch Fotograf Stephan Haeger begleitete das Projekt. Die Videoaufnahmen, durchgeführt vom Techniker-Team des Stadttheaters, fanden am Montag und Dienstag auf der Bühne im Pina-Bausch-Saal statt.

Das Tanzdrama „Entfesselt – oder: Anarchie und Verantwortung“ führt in beeindruckend atmosphärischen Bildern zurück in die griechische Mythologie. „Prometheus, ein Sohn aus dem Göttergeschlecht der Titanen, formt vor Urzeiten Menschen aus Ton und wird zum Beschützer der Menschheit“, beschreibt Marcus Grolle die Handlung. Nach einem Streit mit Göttervater Zeus, habe dieser den Menschen die Nutzung des Feuers verwehrt. Als Prometheus daraufhin Glut vom Himmel raubt, rächt sich Zeus, indem er über die Jungfrau Pandora Plagen in die Menschenwelt schickt. Prometheus wird schwer bestraft und an einen Felsen geschmiedet.

Grolle und Kemperdick transferieren den Mythos mit den 16 Tänzern und Tänzerinnen im Alter zwischen 55 und 72 Jahren in die heutige Zeit. Auffällig ist, dass die Soloakteure und Tanzformationen, die den Charakter des Prometheus verkörpern, allesamt weiße Masken tragen. „In diesem Fall haben wir Corona einmal zur Tugend gemacht“, erklärt der Regisseur. „Denn bei den Proben hatten wir uns ja strikt an die Auflage der Maskenpflicht zu halten.“ Dementsprechend zeigen sich die Akteure, die den Zeus darstellen, ebenfalls maskiert – mit Integralhelmen.

Andere Szenen wirken archaisch und geheimnisvoll

An den Helmen wird auch ein Bezug zur Gegenwart deutlich: Aggressive Tanzsequenzen, in denen die Helmträger Prometheus bezwingen, indem sie mit Leuchtstäben wild auf ihn einschlagen, erinnern an die massiven Polizeieinsätze, wie sie in der letzten Zeit etwa in Belarus, Russland, China und Myanmar oder anderswo zu beobachten waren.

Nur die Gruppe der Menschen im Stück zeigt sich unmaskiert. Manche Tanzszene geht unter die Haut und wirkt fast beklemmend, verstärkt durch eine dröhnende, teils an Maschinenlärm erinnernde Musik. Andere Szenen wirken archaisch und geheimnisvoll, so die der Erschaffung des Menschen mithilfe von Licht. Dazu bewegen sich die Darsteller mit Leuchtstäben brillant in synchronen Formationen.

Heroisch: die Sequenz, in der Prometheus mit der Glut vom Felsen zu den Menschen herabsteigt. Auch Johann Wolfgang von Goethes 1773 in Verse gefasste Hymne „Prometheus“ findet Einzug in das Stück, einmal in rezitierter Form und dann – im Epilog – in pantomimische Bewegungen umgesetzt. Zum Ende hin siegt die „aus Fesseln befreite“ Liebe – in Gestalt des Prometheus. „Im Grunde steht dieser Charakter als eine Metapher für Menschen, die sich für andere einsetzen und Zivilcourage zeigen“, so Grolle.

Dem Prometheus der griechischen Mythologie seien, wie das Stück auch szenenhaft aufzeigt, durchaus Widerstandskämpfer der Neuzeit wie Edward Snowden, Chelsea Manning, Pussy Riot und Nelson Mandela zuzuordnen, aber auch Sophie Scholl, Dietrich Bonhoeffer oder Martin Luther King. Diesen stünden auf Seiten der Macht „zerstörerische Kräfte“ gegenüber, wie sie von Personen wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Recep Tayyip Erdogan ausgehen. „Insgesamt betrachtet waren die Probenarbeiten, die fast ein Jahr dauerten, in der Coronazeit sehr erschwert“, erzählt Marcus Grolle. „So waren während des harten Lockdowns nur Einzelproben möglich. Später konnten wir wenigstens mit drei bis vier Personen, eingeschränkt und mit Abstand, in der Cobra proben.“

Der genaue Termin, wann und wo der fertige Film im Videostream zu sehen ist, steht noch nicht fest. Er soll in Kürze öffentlich bekannt gegeben werden.

Tanztheater

Ensemble: Das Solinger Tanzensemble für Senioren „55plus“ („Meine Zeit – ein Raubtier“) wurde 2015 von dem Regisseur, Choreographen und Tänzer Marcus Grolle gegründet. Schauspielerin und Tänzerin Renate Kemperdick assistierte bei allen sechs Inszenierungen. Für ein neues Stück, dessen Aufführung für Februar geplant ist, werden Mitspieler ab 55 Jahren gesucht.

Bewerbungen: Telefonisch unter Tel. 33 12 22 bei der Cobra oder per Mail

info@cobra-solingen.de

Unterstützung: Gefördert wurde das Stück „Entfesselt“ vom Kulturzentrum Cobra, dem Kulturmanagement der Stadt, dem Fond Soziokultur und der VHS.

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