Sanierungsstau

Gaskrise: Experten raten von Schnellschüssen bei der Umstellung von Heizungsanlagen ab

Frank Roth im Mai mit dem damals letzten FI-Schalter im Lager. Noch immer sind viele Lieferketten gestört.
+
Frank Roth im Mai mit dem damals letzten FI-Schalter im Lager. Noch immer sind viele Lieferketten gestört.

Handwerker können die hohe Nachfrage derzeit nicht bedienen. Schwarze Schafe nutzen das aus.

Von Björn Boch

Solingen. Die Nachrichten rund um den Krieg in der Ukraine und die Gasversorgung durch Russland sorgen für Unsicherheit bei den Konsumenten – und für eine erhöhte Nachfrage im Handwerk, die derzeit nicht bedient werden kann. „Viele der kleinen und mittleren Betriebe im Bergischen arbeiten am äußersten Limit“, sagt Arnd Krüger, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal.

Ein hoher Sanierungsstau treffe auf sehr viele Interessenten, dazu kämen Lieferschwierigkeiten, Urlaubszeit und vermehrte Krankmeldungen aufgrund von Corona. Krüger: „Die Gesellschaft will aus dem Stand ihre Energieversorgung neu aufstellen. Waren sind aber nicht immer in ausreichender Qualität und Quantität verfügbar, dazu kommen zu wenige Mitarbeiter und Auszubildende im Handwerk. Es ist klar, dass es dann Engpässe gibt.“

Frank Roth, Obermeister der Elektro-Innung Solingen und Beisitzer im Vorstand der Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal, kann das nur bestätigen: „Manche Aufträge in unserem Bereich können wir erst Anfang nächsten Jahres umsetzen. Von Herstellern und Lieferanten gibt es teilweise nicht mal mehr Liefertermine“, berichtet er.

Bereits Ende Mai hatte Roth im Tageblatt berichtet, dass er in seinem Lager nur noch über einen einzigen FI-Schalter verfüge. Weltweite Entwicklungen haben seither erneut die Lieferketten gestört. Sei es die Schließung des Hafens in Shanghai oder ein Streik in Hamburg: Die Folgen spürten die Handwerkerinnen und Handwerker sofort.

Das Elektro-Handwerk arbeite teilweise noch Rückstände von Ende 2021 ab. Roth betont aber: „Wir beraten natürlich weiter. Und vor allem erörtern wir mit den Kundinnen und Kunden den Bedarf.“ Es gebe viele Vorstellungen, die aber zum Bedarf passen müssten. Beispiel Photovoltaik: Die Deckung des eigenen Bedarfs sei sinnvoll, es gebe derzeit aber nur wenig Geld für die Einspeisung. „Es kann also sein, dass sich eine zu große Anlage nicht mehr rechnet.“

Auf den hohen Beratungs- und Informationsbedarf verweisen auch Obermeister Dirk Leinen und sein Stellvertreter Andreas Glingener von der Innung für Sanitär- und Heizungstechnik Solingen. Dirk Leinen sieht besonders in den Heizungskellern der Klingenstadt „viel Nachholbedarf“ und betont: „Es ist ja nicht damit getan, eine Wärmepumpe einzubauen. Ohne andere energetische Maßnahmen wird das nicht funktionieren.“ Nun wollten viele nachholen, was in den letzten 15 oder 20 Jahren versäumt worden sei. „Energie sparen ist schon lange sinnvoll, nicht nur wegen der Kosten, sondern auch aus Umweltschutzgründen.“

Manche Lösungen bieten nur vermeintlich Sicherheit

Und bleibt es. Andreas Glingener, ebenfalls Beisitzer im Vorstand der Kreishandwerkerschaft, rät deshalb: Ruhe bewahren. „Wer von langer Hand Energiesparmaßnahmen plant, für den ist das alles machbar in den nächsten Monaten oder im kommenden Jahr.“ Nur im Notfall, etwa beim kompletten Ausfall einer Heizungsanlage, müsse derzeit möglicherweise improvisiert werden, weil nicht alle gewünschten Teile verfügbar seien. Auch bei den so gefragten Wärmepumpen berichten Leinen und Glingener von Engpässen, etwa bei Steuerungselementen.

Beide raten von Schnellschüssen ab, die eine vermeintliche Sicherheit bieten sollen, die aber keine ist. Glingener: „Heizungsanlagen auf Strom umzustellen, kann zu einem bösen Erwachen bei den Kosten führen. Außerdem kommt viel Strom derzeit noch aus der Verstromung von Gas. Dann ist also nichts gewonnen.“ Schwarze Schafe in der Branche nutzten dies gerade aus und drängten Kunden zu schnellen Lösungen.

Dirk Leinen rät, zunächst die Einstellungen der vorhandenen Warmwasser- und Heizungsanlagen zu prüfen. Und wenn es Veränderungsbedarf gebe: „Seriöse Handwerker suchen passgenaue Lösungen und arbeiten mit anderen Gewerken eng zusammen.“

Das unterstreicht auch Frank Roth: „Es nutzt ja nix, wenn man dann eine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach hat, dann aber das Dach undicht ist.“

Lesen Sie auch: Stadtwerke wollen bis 2035 klimaneutral arbeiten

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Gastro-Fans ziehen in Ohligs um die Häuser
Gastro-Fans ziehen in Ohligs um die Häuser
Gastro-Fans ziehen in Ohligs um die Häuser
85-Jährige Fußgängerin wird angefahren
85-Jährige Fußgängerin wird angefahren
85-Jährige Fußgängerin wird angefahren
Strom und Gas: Stadtwerke werden Preise erhöhen
Strom und Gas: Stadtwerke werden Preise erhöhen
Strom und Gas: Stadtwerke werden Preise erhöhen
Corona: Inzidenz in Solingen sinkt leicht - Hohe Dunkelziffer vermutet
Corona: Inzidenz in Solingen sinkt leicht - Hohe Dunkelziffer vermutet
Corona: Inzidenz in Solingen sinkt leicht - Hohe Dunkelziffer vermutet

Kommentare