Corona-Gipfel

Einzelhändler fordern gleiche Maßstäbe

Mit Plakaten in den Schaufenstern ihrer Geschäfte – wie hier bei Goldschmiedin Frauke Pohlmann – machen die Ohligser Einzelhändler ihrem Ärger Luft. Foto: Christian Beier
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Mit Plakaten in den Schaufenstern ihrer Geschäfte – wie hier bei Goldschmiedin Frauke Pohlmann – machen die Ohligser Einzelhändler ihrem Ärger Luft.

Solinger Unternehmer warten gespannt auf den Ausgang des Corona-Gipfels am Mittwoch.

Solingen. Wird der Lockdown verlängert? Welche Lockerungen stellen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Länderchefs in Aussicht? Gespannt blicken die Solinger Einzelhändler auf den Corona-Gipfel. Ihre Erwartungen sind eindeutig: Sie wünschen sich klare Perspektiven und fordern gleiche Maßstäbe ein.

Mit Plakaten machen die Ohligser Geschäftsinhaber auf ihre Situation aufmerksam. Seit dieser Woche hängen sie in vielen Schaufenstern im Bereich rund um die Düsseldorfer Straße. Die Poster weisen unter anderem darauf hin, dass Discounter Kleidung und Elektronik verkaufen dürfen, Fachhändler aber nicht.

Jeder hat das Gefühl, im Hamsterrad zu sitzen.

Frauke Pohlmann, OWG-Vorstandsmitglied

„Man bekommt den Eindruck, der Einzelhandel rutscht bei den Lockerungen immer weiter nach hinten“, kritisiert Frauke Pohlmann. Sie ist Vorstandsmitglied der Ohligser Werbe- und Interessengemeinschaft, die die Plakataktion initiiert hat. „Am liebsten gestern“ würde sie ihre Goldschmiede wieder öffnen.

Solingen: Hygienekonzepte sind im Einzelhandel vorhanden

Freilich unter der Berücksichtigung konsequenter Hygienevorschriften. Auch sie habe kein Interesse an steigenden Infektionszahlen, betont Pohlmann. Eine Studie der Berufsgenossenschaft habe jedoch gezeigt, dass der Handel kein Infektionstreiber ist. „In kleinen Geschäften können wir deutlich einfacher dafür sorgen, dass alle Regeln eingehalten werden. Warum wird uns das nicht zugetraut?“, fragt Pohlmann. Bei ihren Kollegen nehme sie inzwischen teilweise Wut wahr: „Jeder hat das Gefühl, im Hamsterrad zu sitzen.“

Auch Rainer Francke spricht von einer „ziemlich zermürbenden Situation“. Einerseits zeigt sich der Vorsitzende des Werberings Wald und Inhaber der Buchhandlung Bücherwald besorgt über das Infektionsgeschehen und die Mutationen des Coronavirus. Andererseits habe er im vergangenen Jahr bei vielen Kollegen „hervorragende Hygienekonzepte“ gesehen. Francke wünscht sich, dass man zukünftig genau die stärker in den Blick nimmt: Ist eine Öffnung mit diesem Konzept zu verantworten?

In jedem Fall plädiert der Walder für eine einheitliche Lösung. Er stimmt der OWG-Kritik zu und moniert eine „Ungleichbehandlung“: Während Supermärkte und Discounter ihr komplettes Sortiment, das nicht auf Lebensmittel beschränkt ist, anbieten dürfen, schauen die inhabergeführten Geschäfte in die Röhre. Inzwischen macht sich Rainer Francke „ernsthafte Sorgen“, wer aus dieser Riege die Corona-Krise wirtschaftlich überlebt: „Es braucht ein Licht am Ende des Tunnels.“

Darauf hofft auch Michael Borgmann. Der Intersport-Inhaber und stellvertretende Vorsitzende des Werbe- und Interessenrings Solinger Innenstadt hat sich jedoch abgewöhnt, vor den Verhandlungen zwischen der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten Mutmaßungen anzustellen. „Warten wir es einfach ab“, sagt Borgmann. So viel sei sicher: „Wir stehen bereit, wenn wir öffnen dürfen.“

Solingen: Während Einzelhändler warten müssen, freuen sich die Friseuere

Einen großen Schritt weiter als der Einzelhandel sind die Friseure. Nach zweieinhalb Monaten Zwangspause können sie seit Montag wieder Kunden in ihren Salons empfangen. Über die dabei geltenden Auflagen hat die Stadt die Betreiber in der vergangenen Woche informiert. „Das Friseurgewerbe hat sich gewissenhaft auf den Neustart vorbereitet“, zieht Dirk May, der zuständige Stadtdienstleiter, ein positives Fazit. 40 Salons habe das Ordnungsamt am Montag kontrolliert. In neun Fällen gab es kleinere Beanstandungen. Aber: „Als die Kollegen am Nachmittag ein zweites Mal vorbeigefahren sind, waren die Mängel behoben.“

May schätzt, dass sich die Abläufe in den Salons in den kommenden Tagen weiter einspielen. Das Ordnungsamt werde Stichprobenkontrollen durchführen und Beschwerden aus der Bevölkerung nachgehen.

Studie

Gemeinsam haben die Berufsgenossenschaft für Handel und Warenlogistik sowie die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin untersucht, wie hoch die Gefahr ist, sich bei der Arbeit im Einzelhandel mit dem Coronavirus anzustecken. Dazu befragten sie Unternehmen, untersuchten Daten der Krankenkasse Barmer zu den an Covid-19 erkrankten Berufsgruppen und werteten epidemiologische Daten aus. Das Ergebnis: „Das Infektionsrisiko bei der Arbeit im Einzelhandel ist nicht erhöht.“ Das führen die Verantwortlichen unter anderem auf die vorhandenen Schutzmaßnahmen und die kurze Kontaktdauer in den Geschäften zurück.

Standpunkt: Nicht zu vermitteln

Von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@ solinger-tageblatt.de

Es ist ein Dilemma, in dem die Einzelhändler auch in Solingen stecken. Einerseits wissen sie um die Gefahren, die vom Coronavirus ausgehen. Auf der anderen Seite bedrohen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie ihre Existenz. Und dieses Risiko wird mit jeder Verlängerung des Lockdowns realer. Für viele Unternehmen geht es ans Eingemachte. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, wie sachlich die Vertreter des Einzelhandels ihre Forderungen selbst in dieser Extremsituation noch vorbringen. Nicht zuletzt deshalb sind ihnen die Verantwortlichen eine klare Öffnungsperspektive endlich schuldig. Und die muss für alle Geschäfte gelten. Vorschläge, nach den Friseuren zunächst Buchhandlungen, Blumengeschäfte und Gartenmärkte bundesweit einheitlich zu öffnen, dürften diese Branchen zwar freuen. Warum das Infektionsrisiko dort allerdings geringer sein soll als beispielsweise in einem Spielwarenladen, ist nicht zu vermitteln. Solch unterschiedliche Maßstäbe wirken wie ein Brandbeschleuniger auf die zunehmend spürbare Lockdown-Müdigkeit.

Rückblick: Ein Jahr Corona in der Klingenstadt.

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