Nach der Flut

Ehepaar verlor beim Hochwasser sein Zuhause

Eine tragende Mauer des Hauses am Mühlendamm wurde am 14. Juli von den Fluten weggerissen – in der Außenwand klaffte nach dem Hochwasser ein riesiges Loch. Fotos: Christian Beier
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Eine tragende Mauer des Hauses am Mühlendamm wurde am 14. Juli von den Fluten weggerissen – in der Außenwand klaffte nach dem Hochwasser ein riesiges Loch.

Stefanie und Björn Neumann mussten ihr Haus am Ufer des Eschbachs abreißen lassen – sie stehen nun vor dem Nichts.

Von Kristin Dowe

Solingen. Mit Tränen in den Augen blicken Stefanie und Björn Neumann auf die mit Schutt und Geröll bedeckte Fläche, auf der sich noch bis vor wenigen Wochen ihr Zuhause befand. Bei näherem Hinschauen auf die unwirklich scheinende Szenerie sind weiße Fliesen auf dem Boden zu sehen – Relikte des früheren Badezimmers der Solinger, denen der 14. Juli fast alles genommen hat, was sie besaßen. Das Hochwasser hatte weite Teile ihres Hauses am Mühlendamm in Unterburg unterspült und eine tragende Stützmauer weggerissen, so dass den beiden nach Begutachtung von Statikern auch aus Sicht der Stadt nur eine Möglichkeit blieb: Ihr Haus musste abgerissen werden.

Dies ist inzwischen geschehen. Das historische Gebäude in typisch bergischer Bauweise befand sich etwa 200 Jahre in idyllischer Lage am Fuße des Eschbachs und soll vorher noch nie von einem Hochwasser betroffen gewesen sein. Die Neumanns wohnten gut zehn Jahre darin und hatten sich mit dem Kauf einen langgehegten Traum erfüllt. Dass das Wasser diesen Traum innerhalb weniger Stunden zerstören könnte, habe Björn Neumann an jenem Mittwoch niemals geahnt: „Als ich gegen 16 Uhr von der Arbeit nach Hause gekommen bin, trat anfangs nur etwas Wasser aus einem Gully heraus. Da habe ich mir noch keine größeren Sorgen gemacht.“

Doch dann ging alles rasend schnell. Gegen 16.30 Uhr habe das Wasser bereits bedrohlich gegen die Kellerwände gedrückt, das Untergeschoss blieb aber zunächst noch trocken. Eher aus einem Bauchgefühl heraus habe er die Tiere des Paares – drei Katzen und zwei Landschildkröten – nach oben gebracht. „Dabei habe ich mich schon gefragt, ob ich jetzt eigentlich spinne“, erinnert sich der 45-Jährige. Den Ernst der Lage hatte er noch immer nicht realisiert. Ein Nachbar machte ihn schließlich auf eine ins Wanken geratene Mauer aufmerksam – diese brach gegen 16.45 Uhr endgültig krachend in sich zusammen. Eine massive, alte Weide wurde außerdem mit den Fluten weggerissen, als der Eschbach plötzlich zum reißenden Strom mutierte. Björn Neumann erkannte: „Für mich war dann klar, dass ich unser Haus nicht mehr wiedersehen werde.“ In Unterburg mussten die Menschen evakuiert werden.

Stefanie Neumann verständigte den Wupperverband

Seine Frau Stefanie verständigte den Wupperverband und die Feuerwehr, die den beiden klarmachte, dass sie das Haus schleunigst verlassen mussten. „Ich bin quasi mit Hausschuhen losgefahren und war nass bis auf die Knochen“, blickt die 53-Jährige mit Schrecken zurück. Eilig verfrachtete das Paar die Katzen in eine Transportbox und legte die Schildkröten in einen mit Wasser gefüllten Eimer. Ihre Tiere konnten die Solinger dank ihrer schnellen Reaktion somit retten. Für die ersten Tage nach der Katastrophe kamen sie bei ihrem Sohn unter und wohnen inzwischen übergangsweise in Hilden. Eine Freundin hatte die vorübergehende Wohnmöglichkeit spontan vermittelt. Perspektivisch möchten beide in eine Mietwohnung in Höhscheid ziehen und vielleicht eines Tages wieder ein Haus bewohnen.

Inzwischen wurde das Haus abgerissen, auf dem Grundstück ist nur noch Schutt und Geröll zu sehen. Ob die Fläche wieder bebaut werden darf, ist zurzeit noch unklar.

Ob sie noch einmal an gleicher Stelle bauen können, ist noch unklar – dies könne auch die Stadt derzeit nicht beantworten, heißt es auf Nachfrage aus der Pressestelle. Falls jemand die beiden bei ihrer Suche nach einem Grundstück unterstützen möchte, ist Stefanie Neumann telefonisch erreichbar, Tel. 01 76/74 29 68 81. Hier können Sie für Solinger spenden und helfen.

Freunde und Familie konnten die beiden erst mal nicht informieren, denn die Handys befanden sich noch im Haus. „Man rechnet ja nicht damit, dass man von einem auf den anderen Moment sein komplettes Hab und Gut zurücklassen muss“, so die Solingerin.

„Ich war nass bis auf die Knochen.“

Stefanie Neumann

Unmittelbar nach den Geschehnissen blieb die Informationslage zunächst diffus. Am darauffolgenden Donnerstag machten sich die beiden auf den Weg zu ihrem Grundstück, Freunde begleiteten sie bei diesem schweren Gang. Für Stefanie Neumann sei der Anblick besonders niederschmetternd gewesen. „Ich bin dort erst mal zusammengebrochen.“

Polizei, Feuerwehr, Freunde und Bekannte boten Unterstützung in Solingen nach dem Hochwasser

Doch in der Not hätten die beiden auch sehr viel Unterstützung erfahren – sei es von der Polizei und Feuerwehr, sei es von Nachbarn, Bekannten oder völlig fremden Menschen, die mit Sachspenden wie Möbeln zu helfen versucht hätten. Besonders ein befreundeter Architekt und ein Rechtsanwalt hätten ihnen dabei geholfen, die wichtigsten Formalitäten zu erledigen und vor allem das einsturzgefährdete Haus von einer Fachfirma abreißen zu lassen. Stefanie Neumann betont: „Das hätten wir allein nie geschafft.“ Flutopfer erhalten zudem 100 000 Euro aus dem Burger Armenfonds.

Ein winziger Lichtblick: Aus den Trümmern konnte das Paar noch seine Eheringe bergen. Und ein kostbares Erinnerungsstück – ein Poster von „Ton Steine Scherben“, das ihnen vor Jahren der inzwischen verstorbene Frontmann der Band, Rio Reiser, geschenkt hatte. Dies sei bei aller Tragik der Ereignisse ein kleiner Glücksmoment für sie gewesen, obwohl das Poster keinen großen materiellen Wert habe, sagt Stefanie Neumann. Viele andere Habseligkeiten wie Fotos oder Erbstücke ersetzt den beiden aber keine Versicherung der Welt.

Hochwasser: Stadt bittet um Mithilfe - Bürger sollen zeigen, wo das Wasser stand

Die Stadt Solingen möchte die Starkregen-Nacht vom 14. Juli möglichst genau nachvollziehen, um daraus Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Die Stadt Solingen will die Flutkatastrophe aufarbeiten. Das teilte die Verwaltung jetzt mit. So soll extremen Wetterereignissen künftig besser begegnet werden können. Informationen aus verschiedenen Quellen sollen „unter anderem in die vorhandenen Hochwasserkarten einfließen und sie weiter verbessern und präzisieren“, so Stadtsprecherin Sabine Rische. Zudem sollen neue Computermodelle entwickelt werden.

Bei der Starkregen- und Flutkatastrophe wurden vor allem Häuser und Einrichtungen an Eschbach, Itter und Wupper stark beschädigt, Sturzbäche auf Straßen und vollgelaufene Keller gab es aber verteilt im gesamten Stadtgebiet.

Für die Erhebung bittet die Stadt Bürgerinnen und Bürger um Unterstützung: „Dort, wo das Hochwasser draußen am Haus, an der Fassade, im Garten, im Gelände oder auch in der freien Landschaft stand, gibt es möglicherweise noch Spuren“, erklärt Sabine Rische – oder auch die deutliche Erinnerung, wo das Wasser gewesen ist. Die Stadt bittet deshalb um Beschreibungen und – sofern möglich – um Fotos, die die Situation außerhalb von Gebäuden veranschaulichen.

Mit Kreide und Zollstock können Wasserpegel verdeutlicht werden

Beispielsweise bittet die Stadt darum, mit einem Zollstock, der vom Boden aus angelegt wird, zu zeigen und zu messen, wie hoch das Wasser stand. Hilfreich kann dabei eine Markierung sein, beispielsweise ein Kreidestrich an der Wand oder ein Band an der Straßenlaterne. „Wichtig ist eine exakte Angabe, wo sich der Ort befindet. Ein Stadtplan-Foto mit markierter Messstelle ist eine sinnvolle Ergänzung“, so Sabine Rische. Wenn möglich, könne auch die Smartphone-Funktion „Georeferenzierung“ genutzt werden.

An einigen der genannten Orte könne nachträglich eine Messung durch von Stadt und Land beauftragte Experten, zum Beispiel Vermessungsbüros, notwendig sein. Deshalb sei die Angabe von Kontaktdaten sehr hilfreich. bjb

Die Informationen können in ein Online-Formular eingetragen werden: https://t1p.de/qpci

Fragen beantwortet die Stadt: Tel. 2 90-33 33, E-Mail: Hochwasserbilder@solingen.de

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