Fragen und Antworten

Dilemma: Gewerbeflächen oder Wohnraum?

Auf dem Grossmann-Gelände im Stadtteil Wald soll der „überwiegende Teil der Fläche weiterhin für eine gewerbliche Nutzung vorgehalten werden“.
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Auf dem Grossmann-Gelände im Stadtteil Wald soll der „überwiegende Teil der Fläche weiterhin für eine gewerbliche Nutzung vorgehalten werden“.

Es bleibt ein Ziel der Stadt, die Verdrängung von Unternehmen zu verhindern.

Von Björn Boch

Solingen. 170 Wohnungen will der Berliner Investor Kondor Wessels in Wald bauen – auf dem Grundstück befindet sich zurzeit noch die Firma Breuer & Schmitz. Das offenbart einen grundsätzlichen Konflikt. Denn Gewerbeflächen in der Stadt sind rar, doch auch die Nachfrage nach Wohnraum wächst. Fragen und Antworten zu Gewerbeflächen in der Stadt.

Verliert Solingen immer mehr Gewerbeflächen, um Wohnraum zu schaffen?

Nein, sagt Solingens Stadtdirektor Hartmut Hoferichter, zuständig für die Ressorts Planung, Bauen, Verkehr und Umwelt. Genaue Zahlen gebe es nicht. Aber: „Umwandlungen von Gewerbeflächen zu Wohnzwecken mithilfe von Bebauungsplänen sind im letzten Jahrzehnt nur äußerst selten erfolgt.“ Zu nennen sei vor allem

Auf dem ehemaligen Rasspe-Gelände entwickelt die Wirtschaftsförderung neue Flächen für Gewerbe.

das frühere Olbo-Grundstück, das inmitten der zentralen Innenstadtlage seit über einem Jahrzehnt brach lag. Die Wohnnutzung werde Ohligs stärken und für Belebung sorgen. Ähnliche Ziele verfolge auch die Bauleitplanung bei Breuer & Schmitz in unmittelbarer Lage zum Walder Zentrum. Die Umwandlung sei unter der Maßgabe erfolgt, dass der Gewerbebetrieb seinen Standort innerhalb Solingens verlagert. „Im Sinne einer Gesamtabwägung sind bei diesen Beispielen die Umwandlungen aus guten Gründen gerechtfertigt.“

Was ist mit anderen Flächen in Solingen, etwa dem Grossmann-Gelände?

Die Änderung für die Fläche der ehemaligen Firma Grossmann an der Wittkuller Straße bedeute keinesfalls, dass eine vollständige Umwandlung des aufgegebenen Gewerbestandortes zu Wohnzwecken beabsichtigt ist. Vielmehr solle planungsrechtlicher Spielraum geschaffen werden. Hoferichter: „Wir gehen davon aus, dass von der Gesamtfläche nur ein untergeordneter Teil für Wohnzwecke zur Verfügung stehen soll und der überwiegende Teil der Fläche weiterhin für gewerbliche Nutzung vorgehalten wird.“

Solingen: Wie vertragen sich Wohnen und Gewerbe generell?

Planerisch zumindest schon. Die Entwicklung der Flächen der Bahnhofseite Ost in Ohligs solle nur unter der Vorgabe einer überwiegenden gewerblichen Nutzung stattfinden. Auch für die Fläche Omega/Evertz werde weiter das Ziel der Realisierung eines „urbanen Quartiers“ verfolgt – mit einer „etwa hälftigen Aufteilung zwischen gewerblicher Nutzung und Wohnnutzung“. Eine gewerbliche Nutzung werde „regelmäßig für die hälftige oder überwiegende Fläche angestrebt“; eine Teilnutzung durch Wohnen soll dort ermöglicht werden, wo lebendige und gemischte Quartiere anzustreben sind, betont Hoferichter.

Auf dem Walder Grundstück entstehen 170 Wohnungen, Breuer & Schmitz wird einen neuen Firmen-Standort in Solingen beziehen.

Und was ist mit den kleinen Flächen und Betrieben in der Stadt?

Wenn aus Gewerbeflächen Wohnraum wurde, seien viele kleinere Grundstücke betroffen gewesen, die laut Stadt kein Erweiterungspotenzial besaßen. Grund für Umwandlungen waren aber auch Probleme mit Lärm oder Verkehrsanbindung in der Nähe von Wohngebieten. Hinzu komme, dass Abrisse und Altlastensanierungen durch gewerbliche Nachnutzungen kaum rentabel erfolgen können. Dieser häufig anzutreffende, wirtschaftlich begründete Sachverhalt stehe einer gewerblichen Nachfolgenutzung im Wege, „zumal auch der Wohnungsmarkt boomt und private Investoren um die innerstädtischen Flächen konkurrieren“, so Hoferichter.

Tatsächlich sei aber festzustellen, dass zumeist auf eine aufgegebene Gewerbenutzung eine gewerbliche Nutzung nachfolge. Oftmals erfolge dies aufgrund vorhandener Baurechte – oder die Verwaltung passe Baurecht an, etwa im Südpark, An der Gemarke, der Martinstraße oder dem Höhscheider Weg. Andernfalls schaffe die Verwaltung neues Baurecht an Standorten wie Omega/Evertz, Grossmann und der Bahnhofseite Ost – oder erwerbe und entwickele Flächen, wie an der Monhofer Straße und auf dem ehemaligen Rasspe-Areal.

Wie viele Gewerbeflächen hat Solingen überhaupt noch?

Die Reserveflächen für Gewerbe liegen auf das Stadtgebiet verteilt. Ein Teil der Reserveflächen in einer Größenordnung von rund 20 Hektar befindet sich im Eigentum der Wirtschaftsförderung Solingen – an den Standorten Fürkeltrath I und II, der Hansastraße, dem Monhofer Feld und der Monhofer Straße, dem Südpark,

Für die Fläche Omega/Evertz in Mitte wird eine „etwa hälftige Aufteilung zwischen gewerblicher Nutzung und Wohnnutzung“ angestrebt.

auf dem Omega-Gelände, auf dem Rasspe-Gelände, am Schrodtberg und im Gebiet Piepersberg-West. Ein Teil der Flächen ist in privatem Eigentum, etwa das Grossmann-Areal, ein weiterer Teil gehöre der sogenannten privaten „betrieblichen Reserve“ an, steht also nicht für die Allgemeinheit zur Verfügung.

Insgesamt sei von Reserveflächen in einer Größenordnung von mehr als 60 Hektar auszugehen. Hoferichter: „Für welchen Zeitraum die vorhandenen Gewerbeflächen für die Nachfrage ausreichend sind, ist seriös nicht vorhersehbar.“

Flächen für Discounter

Die Nutzung von Flächen ehemals produzierender Betriebe durch Discounter ist der Stadt ein Dorn im Auge. Von den gewerbetreibenden Eigentümern sei in den letzten Jahren eine Umnutzung gewerblicher Anwesen für Einzelhandel deutlich häufiger als für Wohnen angestrengt worden – und zwar regelmäßig entgegen ausdrücklicher Vorabstimmung mit Verwaltung und Politik, wie Stadtdirektor Hartmut Hoferichter betont. Dabei wurden die Negativbeispiele am Scheidter Feld (Credo) und an der Beethovenstraße (ESAB) öffentlich diskutiert, die Verwaltung unterlag aber in Gerichtsverfahren. Gleichwohl gebe es zahlreiche Verfahren, wo solche Absichten – auch vor Gericht – erfolgreich verhindert werden konnten. „Dabei stand auch immer im Vordergrund, die Grundstücke weiterhin für produzierende, dienstleistende oder handwerkliche Betriebe vorzuhalten und deren Verdrängung zu verhindern“, so Hoferichter.

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