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Die Rente bleibt sicher – und zu wenig

Noch reicht das Geld bei den meisten Rentnern.
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Noch reicht das Geld bei den meisten Rentnern.

Vorsorge im Alter: Die gesetzliche Rente.

Von Sven Schlickowey

Solingen. „Denn eins ist sicher: Die Rente“, plakatierte der damalige Arbeitsminister Norbert Blüm 1986 an eine Litfaßsäule. 35 Jahre später mag ihm Prof. Dr. Kerstin Schneider darin grundsätzlich nicht widersprechen. „Die gesetzliche Rente wird auch in Zukunft die stärkste Säule der Altersvorsorge in Deutschland bleiben“, sagt die Ökonomin. Doch so sicher das Konstrukt auch sei, so sicher seien die Renten daraus in den meisten Fällen auch zu niedrig, um den Lebensstandard im Alter halten zu können: „Sich nur auf die gesetzliche Rente zu verlassen, das könnte knapp werden.“

Schneider, seit 2004 Inhaberin des Lehrstuhls für Finanzwissenschaft an der Uni Wuppertal, wirbt dafür, die gesetzliche Rente als eine Art Grundversorgung zu betrachten, die dann durch die beiden anderen Säulen des Systems – private und betriebliche Altersvorsorge – ergänzt werden muss. Die Zeiten, in denen die Rente mehr war, seien vorbei, so die Professorin. „Dafür war und ist die Geburtenrate zu gering.“

Und die Lebenserwartung der Menschen zu groß. Bezog ein durchschnittlicher Ruheständler im Jahr 1960 nicht ganz zehn Jahre lang seine Rente, bevor er verstarb, stieg die Dauer des Rentenbezugs in Deutschland bis 2019 auf 19,9 Jahre. „Das ist für die Menschen natürlich schön“, sagt Schneider. „Für die Rentenversicherung ist das aber eine Herausforderung.“ Zumal gleichzeitig die Anzahl der Beitragszahler gesunken ist. Kamen 1962 auf einen Rentner noch sechs aktiv Versicherte, sind es heute etwa zwei. Dass die „Gesetzliche“ nicht mehr zur alleinigen Absicherung tauge, sei also eine mathematische Gewissheit, keine Frage politischer Ansichten, sagt Schneider: „Ich wunder mich manchmal, was da alles versprochen wird.“

Noch reicht das Geld bei den meisten Rentnern, doch der Vorsorgebedarf für zukünftige Ruheständler sei nicht von er Hand zu weisen, sagt Prof. Kerstin Schneider von der Uni Wuppertal.

Das Versprechen, sowohl das Rentenniveau nicht zu stark abzusenken, als auch den Beitragssatz nicht zu stark zu erhöhen, sei zum Beispiel auf Dauer kaum haltbar, ist Schneider überzeugt: „Wie soll das denn gehen?“ Die Erhöhung des Renteneintrittsalters, zumindest für bestimmte Berufsgruppen, sei unumgänglich. Zumal auch versicherungsfremde Leistungen durch immer weiter steigende Bundeszuschüsse zur gesetzlichen Rentenversicherung finanziert werden müssen.: „Die Kassen waren nach dem jahrelangen Aufschwung voll, das hat Begehrlichkeiten geweckt.“

Im internationalen Vergleich steht Deutschland noch gut da

Doch einfach abschaffen will die Wirtschaftswissenschaftlerin die umlagenfinanzierte Rente deswegen noch lange nicht. Denn die stehe, wie von Blüm einst versprochen, für Sicherheit. Wenn vielleicht auch anders als es der Politiker damals meinte. Betriebliche und private Altersvorsorge seien rücklagenfinanziert – also auf Erträge am Kapitalmarkt angewiesen, erklärt Schneider: „Bei einem Crash ist das vielleicht weg.“ Die umlagenfinanzierte gesetzliche Rentenversicherung sei von solchen Schwankungen und Risiken weitgehend unabhängig. „Das bedeutet mehr Diversität in der Vorsorge.“

Die neue Serie zum Thema Vorsorge.

Dass der überwiegende Teil der Erwerbstätigen zusätzlich vorsorgen muss, sei eigentlich allgemein bekannt, sagt Schneider. Danach handeln würden hingegen noch lange nicht alle: „Da müssen wir leider noch viel Überzeugungsarbeit leisten.“ In 10,6 Millionen Haushalten in Deutschland gab es im vergangenen Jahr eine private Altersvorsorge, sagt die Statistik. Und das bei mehr als 50 Millionen Menschen in Deutschland im erwerbsfähigen Alter.

Für Kerstin Schneider nicht zuletzt eine Folge falscher Prioritäten. Und mangelnder finanzieller Bildung. „Viele Menschen schätzen den jetzigen Konsum höher ein als den zukünftigen“, sagt die Wissenschaftlerin. Zudem seien die Auswirkungen solcher Entscheidungen, zumal über solch langen Zeiträume, nur schwer abschätzbar, wie zum Beispiel beim Zinseszinseffekt. Solche Themen gehörten auf jeden Fall in den Unterricht, fordert Schneider: „Das müssten die jungen Leute alles längst schon mal in der Schule gehört haben.“ Im internationalen Vergleich stehe Deutschland noch gut da, berichtet die Ökonomin. Ruheständler hätten hierzulande im Schnitt etwa 89 Prozent der Durchschnittseinkommen zur Verfügung, zitiert sie eine Untersuchung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „Das Problem der Altersarmut haben wir im Moment noch nicht so wirklich.“ Doch wegen der demografischen Entwicklung stehe es quasi vor der Tür. „Da hilft es auch nichts, so zu tun, als sei nichts gewesen.“

Folgen/Verlosung

Serie: Ab heute bieten wir Ihnen in einer redaktionellen Serie immer dienstags und freitags interessante Berichte zum Thema Vorsorge.

Die Folgen: 1: Die gesetzliche Rente

2. Privaten Altersvorsorge: Die richtige Strategie

3. Privaten Altersvorsorge: Produktwelt

4. Pflegegrade

5. Pflegekosten

6. Vorsorgevollmacht

7. Patientenverfügung

8. Das Testament

9. Zehn Dinge, die nach dem Todesfall zu regeln sind

10. Was passiert mit der Wohnung?

11. Tabu Sterbehilfe, die Rechtslage in Deutschland

12. Das digitale Erbe

13. Wie Trauerredner trösten

14. Was kostet die Bestattung?

15. Alternative Formen der Bestattung

16. Wenn der Partner stirbt, wann zahlt welche Versicherung?

17. Im Hospiz soll niemand allein sterben

Verlosung: Zum Start der Serie verlosen wir fünf Vorsorge-Ordner. Einfach online mitmachen und mit ein bisschen Glück gewinnen:

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