Chor der Bergischen von 1801

Deutschlands ältester Männerchor hört auf

Ein Bild aus besseren Tagen: Die Bergischen traten 2015 in Finkenwerder bei einem großen Sängerfestival auf.
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Ein Bild aus besseren Tagen: Die Bergischen traten 2015 in Finkenwerder bei einem großen Sängerfestival auf.

Am 17. Dezember ging mit einer außerordentlichen Hauptversammlung ein Stück Solinger Kulturgeschichte zu Ende.

Von Philipp Müller

Solingen. Der Männerchor der Bergischen, 2008 aus den Meigenern hervorgegangen, löste sich mit dem Neujahrstag 2022 auf. Damit existiert Deutschlands ältester, 1801 gegründeter Männerchor nicht mehr.

Jürgen Gerhards (l.) und Andreas Imgrund propagierten 2019 die Chor-Kooperation zwischen Bergischen und Wupperhofern.

Gerd Schmidt-Drescher vom Vorstandsteam gab das Aus am Montag bekannt und nannte die Gründe: „Es waren nicht nur die zwölf Verstorbenen aus den Reihen der aktiven Sänger in den letzten drei Jahren, die dem Vereinsleben stark zugesetzt haben, sondern auch das hohe Durchschnittsalter (80,5 Jahre) der Mitglieder – ohne jegliche Hoffnung auf Nachwuchs – und vor allem die Folgen der Corona-Pandemie, die zum Ende des beliebten und einst so stolzen Chores geführt haben.“ Das alles sei „schmerzlich, aber unaufhaltsam“. Zum Schluss zählte der Chor noch 17 Sänger.

Solingen: Ohne jegliche Hoffnung auf Nachwuchs

Der Chor gehörte fest zum kulturellen Bild der Stadtgesellschaft, hatte aber schon länger an Bedeutung verloren. Seine Konzerte waren früher echte Ereignisse, die weit über die Stadtgrenzen hinaus Strahlkraft hatten.

In einer ersten Reaktion bedauerte Kulturdezernentin Dagmar Becker (Grüne) die Nachricht. Leider sei das Aus kein Einzelfall. Es falle den Chören immer schwerer, den Spagat zwischen Tradition und Moderne zu schaffen. Das führe zu Nachwuchsproblemen, die die städtische Kulturverwaltung nicht lösen könne.

Die Corona-Pandemie hat den Chören zugesetzt. Die Chorakademie Bergisch-Land probte im Jahr 2020 lange Zeit in einer großen Fabrikhalle bei der Firma Evertz. Der vergleichsweise junge Chor Unisono traf sich zum Gesang im Sommer 2020 per Video-Zoom-Konferenz. Für Chöre mit älteren Mitgliedern blieben die digitalen Wege aber meist versperrt. Zudem verlangte die Corona-Schutzverordnung mal große Abstände, mal Gruppenbegrenzungen, dann den Impfstatus für alle und den negativen Schnelltest.

Jürgen Gerhards, der 37 Jahre im Vorstand der Meigener und später der Bergischen war, betonte am Montag die hohe soziale Aufgabe, die ein Chor über die reine Kultur hinaus habe. So wollen er und der frühere Vorstand versuchen, die ehemaligen Mitglieder über E-Mail und Telefon zusammenzuhalten. Ein Grillfest soll es geben, vielleicht auch einen Stammtisch der Ehemaligen.

„Solingen muss eine Stadt der Chöre bleiben.“

Dagmar Becker, Dezernentin

Dezernentin Becker appellierte an die verbliebenen Chöre, sich für Fusionen zu öffnen. Auch sei über das Angebot nachzudenken: Es würden sich Chöre gründen, die die Musik der 1970er und 1980er Jahre pflegen. „Solingen muss eine Stadt der Chöre bleiben.“

Solingen: Chöre sollen sich für Fusionen öffnen

Andreas Imgrund ist der Vorsitzende des Bergischen Chorverbands. Er beobachtet schon länger das langsame Sterben der Männerchöre. Die Nachwuchsprobleme seien kaum zu lösen, ist seine deprimierende Diagnose. Die Probleme der Kooperation seien bekannt: „Es ist schwer, jemanden nach jahrzehntelanger Mitgliedschaft in einem Chor in einen neuen zu integrieren“, sagt er. Vor einigen Jahren hatten „Die Achtziger“ versucht, bei den Wupperhofern Unterschlupf zu finden. Das gelang nicht. Auch Gespräche der Bergischen mit anderen Chören waren nach einem Beschluss aus dem Herbst nicht von Erfolg gekrönt. Gerd Schmidt-Drescher zieht nüchtern Bilanz: „Trotz intensivster Versuche seitens des Vorstandes und großer gemeinsamer Anstrengungen ist es nicht gelungen, den Sängern noch zumindest einige Jahre Chorgesang und Geselligkeit zu bescheren.“

Das Chorsterben werde sich durch Corona beschleunigen und treffe auch Frauenchöre, deren Mitgliedschaft ebenfalls eher durch ältere Semester geprägt sei, befürchtet Imgrund.

Für Jürgen Gerhards geht damit eine Ära zu Ende. „Ich habe mich schon in die Ecke gesetzt und ein paar Tränen verdrückt.“

Chor-Historie

Der Niedergang der Bergischen habe um den Jahrtausendwechsel kurz nach dem 200. Geburtstag der Meigener eingesetzt, berichtet Jürgen Gerhards. Der Zusammenschluss mit dem Verein Hästen-Dorperhofer und den Widderter Sängern zum Bergischen Männerchor Solingen 1801 konnte auf Dauer den Verlust an Stimmen für einen großen Chor nicht kompensieren.

Standpunkt: Moderne Chöre gefragt

Von Philipp Müller

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

Das Chorsterben wird durch die Corona-Pandemie beschleunigt. Und es ist fast eine Ironie des Schicksals, dass es wiederum zuerst die Alten trifft. Doch einen Impfstoff gibt es nicht. Wird Solingen bald ohne organisierten Gesang dastehen? Natürlich nicht. Es gibt Chöre, die singen Gospel – zum Teil seit Jahren sehr erfolgreich. Es gibt die Chorakademie an der Flurstraße, die sich große Verdienste um Kinder und Jugendliche erworben hat, um sie für den Chorgesang zu begeistern. Doch der Sprung aus einem jungen Ensemble oder einem Chor mit modernem Programm in die traditionellen Vereine findet immer seltener statt. Noch sind es vor allem die Männerchöre, die mit einem Altersdurchschnitt um die 80 Jahre gegen die Zeit kämpfen. Der Wille zur Weiterexistenz unter den jahrzehntelang eingeschliffenen Bedingungen wird nicht von Erfolg gekrönt sein. Der alte Goethe formulierte einst – da wurden die Meigener gegründet – diesen Spruch: „Es ziemt sich dem Bejahrten weder in der Denkweise noch in der Art, sich zu kleiden, der Mode nachzugehen.“ Chöre müssen das aber viel moderner sehen.

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