Festakt

Deutsche Einheit muss stärker gepflegt werden

Beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit „wachte“ im Pina-Bausch-Saal das Brandenburger Tor über den Symphonikern. Foto:
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Beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit „wachte“ im Pina-Bausch-Saal das Brandenburger Tor über den Symphonikern.

Beim Festakt der Stadt liefern die Bergischen Symphoniker einen stimmigen Rahmen

Von Jutta Schreiber-Lenz

Solingen. Einheit sei etwas Fragiles und ganz und gar nichts, was unantastbar sei, mahnte Oberbürgermeister Tim Kurzbach (SPD) am Sonntagabend im Pina-Bausch-Saal des Theater- und Konzerthauses. Zahlreiche Gäste, darunter viel lokalpolitische Prominenz, aber auch viele junge Familien mit Kindern oder junge Paare waren zum Festakt der Stadt Solingen zum Tag der Deutschen Einheit gekommen.

Seit sechs Jahren ist diese Veranstaltung zugleich der offizielle Empfang für die Menschen, die im letzten Jahr offiziell eingebürgert wurden. Stellvertretend für diese rund 200 Neubürger überreichte Tim Kurzbach mit wertschätzender Gratulation die Urkunden an drei Neubürger auf der Bühne. Er sei froh und glücklich über jeden, der sich zu Deutschland bekenne und dazu beitrage, das Land menschlicher und durch seine Migrationswurzeln bunter und toleranter zu machen, sagte Kurzbach.

„Eine Einheit kann aus den Fugen geraten, wenn man sie nicht pflegt.“

Oberbürgermeister Tim Kurzbach

Zuvor hatte er sich sehr besorgt über zunehmend wahrnehmbare antirassistische und insbesondere antijüdische Strömungen in Deutschland geäußert. Dass die jüdische Gemeinde in Wuppertal nicht so unbefangen einen Tag der offenen Tür anbieten könne, sondern ständig Polizeischutz brauche, sei fürchterlich und nicht akzeptabel. Kurzbach warnte deutlich davor, solche „braunen“ Tendenzen nur im Osten Deutschlands zu verorten, wo die Wahlergebnisse der letzten Woche erschreckend zeigten, dass eine „menschenverachtende Partei wie die AfD“ vielerorts Strecke gemacht habe. Er selbst sei auch in Solingen, nämlich am Kippa-Tag, an dem er eine solche getragen habe, deutlich und aggressiv angepöbelt worden.

Eine Einheit zwischen Menschen herzustellen, so führte er mit Blick auf die gelungene friedliche Revolution von 1989/90 aus, sei niemals etwas Statisches. „Eine Einheit ist nicht monolithisch, sondern kann aus den Fugen geraten, wenn man sie nicht pflegt und nicht immerzu nachbessert“. Dafür gelte es, sich gegenseitig noch besser wertzuschätzen. Insbesondere die alten Bundesländer hätten vielfach das Gefühl vermittelt, sie seien der „bessere Partner“ dieser damals neuen Gemeinschaft. Er wünsche sich künftig noch mehr Sensibilität und gegenseitige Anerkennung im Umgang zwischen Ost und West. Dafür brauche es mehr Kontakte, um das Wissen umeinander und die jeweilige Geschichte zu vergrößern. Migrationsfeindlichkeit und Antisemitismus entspringe vielfach dem Misstrauen vor Fremdem und der offensichtlichen Sorge, durch Gastfreundlichkeit und Toleranz am Ende übervorteilt zu sein und als Verlierer dazu stehen. Man dürfe nicht nachlassen, diese Ängste ernst zu nehmen und durch Überzeugung daran zu wirken, sie abzubauen. Er trete für ehrlichen Dialog der Kulturen und Religionen ein und ein Miteinander auf Augenhöhe.

Das nachfolgende Sinfoniekonzert der Bergischen Symphoniker unter der Leitung von Daniel Huppert griff diesen Gedanken mit den ausgewählten Werken auf: Prokofjews Ouvertüre über hebräische Themen und Moshe Weinbergs Suite für Orchester durfte als Hommage an die jüdische Kultur als Teil der deutschen Einheit verstanden werden. Max Bruchs Romanze für Violine verschaffte zudem den Genuss, dem jungen Solisten Tassilo Probst zuzuhören.

Hintergrund

Einigungsvertrag: Der 3. Oktober wurde als Tag der Deutschen Einheit im Einigungsvertrag 1990 zum gesetzlichen Feiertag in Deutschland bestimmt. Als deutscher Nationalfeiertag erinnert er an die deutsche Wiedervereinigung, die „mit dem Wirksamwerden des Beitritts der Deutschen Demokratischen Republik zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990“, so der Einigungsvertrag weiter, „vollendet“ wurde.

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