Mein Blick auf die Woche

Der Quell der Erkenntnis ist manchmal ein Messcontainer 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Dass sie aus Fehlern lernen kann, hat jüngst unsere Stadtverwaltung bewiesen. Während im Fall des Messcontainers einige Jahre bis zur Erkenntnis ins Land zogen, beobachtete ST-Chefredakteur Stefan M. Kob bei der Kommunikation rund um die Baustelle an der Mühlenstraße eine nahezu steile Lernkurve.

Wie man sich mit Wonne fast ins eigene Knie schießt und dann sechs Jahre braucht, um das zu bemerken, illustriert eine 2 mal 1,20 Meter große, unscheinbare graue Kiste auf dem Parkstreifen der Konrad-Adenauer-Straße. Anfang 2017 wurde sie an der vielbefahrenen Magistrale (täglich 38 000 Fahrzeuge) aufgestellt, um die Stickoxidbelastung zu messen. Feinstaub, Stickoxide, Diesel-Fahrverbote: Klingelt da noch was bei Ihnen? Das waren die heißen Diskussionen, Sorgen und Probleme von damals, die wir uns heute fast zurückwünschen angesichts der aktuellen Serie von Weltkrisen. Zwar ist der Feinstaub immer noch nicht verschwunden, dafür aber bald - endlich - der hässliche Container. Der sollte zwar nur ein Jahr lang messen, wie gut oder schlecht die Luft in Solingen ist, blieb aber bis heute stehen. 

Denn zur großen Überraschung lieferte die Luftstation ziemlich besorgniserregende Werte - und das, obwohl doch im Gegensatz zu anderen Städten kaum Dieselbusse durch die Stadt fahren, weil der O-Bus emissionslos an der Station vorbeisummt. Mit 41 Mikrogramm je Kubikmeter Luft lag die Stickoxid-Belastung dennoch knapp über dem Grenzwert, und Solingen drohte eine der 70 Städte zu werden, in denen die Deutsche Umwelthilfe mit Klagen ein Dieselfahrverbot durchsetzen wollte - zum Teil erfolgreich.

Ein solches Verbot für ältere Diesel auf einer der Hauptzufahrtsstraßen hätte enorme Probleme mit sich gebracht - vom Handwerker, der mit seinem Bulli nicht mehr die City hätte anfahren können, über den Einheimischen, der einen weiten Bogen um die City hätte machen müssen (und dafür viel mehr Dreck aus dem Auspuff geblasen hätte), bis zum dieselfahrenden Besucher, dem der Besuch der Innenstadt verwehrt geblieben wäre (dass letzterer Fall eher ein theoretisches Problem dargestellt hätte, ignorieren wir als unsachliche Bemerkung). Entsprechend nervös reagierte die Öffentlichkeit. Und stellte außerdem unangenehme Fragen.

Warum zum Geier an dieser Stelle messen? Denn ausgerechnet 2017 sorgte der aufwendige Umbau der Konrad-Adenauer-Straße regelmäßig für lange Staus, nicht nur im Berufsverkehr. Hinzu gesellte sich eine mehr als unglückliche Ampelschaltung, die eher eine rote statt einer grünen Welle produzierte. Zwar steht außer Frage, dass ein solcher Container im Wald in Widdert keinen Sinn hat. Warum aber nicht zum Beispiel am Schlagbaum, wo die Fahrzeugdichte sogar noch höher liegt? Doch die Stadt fand ihre Standort-Idee nach wie vor gut und sah da eher keinen Zusammenhang. Allerdings blieb der Schadstoffwert nach dem Abschluss der Bauarbeiten und der Optimierung der Ampelschaltungen fortan im grünen Bereich. Und zwar deutlich.

Um ganz sicherzugehen, fahndete man noch vier Jahre lang weiter nach giftigen Stoffen in der Atemluft, gottlob vergeblich, sodass der graue Klotz jetzt endlich verschwinden darf - und damit die laufenden Kosten, die ein solches Gerät nun einmal verursacht. Es war wohl doch die Baustelle, räumt das Rathaus heute ein. Eine späte, aber völlig richtige Erkenntnis. 

Dass man in Sachen Baustellen aber dazu gelernt hat, zeigt das Beispiel Mühlenstraße. Schon zwei Wochen vor der Sperrung warnten großformatige Schilder vor den bevorstehenden Behinderungen. Und im Presseamt schob man sogar Überstunden, um ja noch rechtzeitig die Informationen über die Großbaustelle auszusenden.

Das war im April auf der anderen Seite der Stadt noch komplett schiefgegangen. Die Mega-Baustelle in der Kohlfurth kam ohne jede Vorwarnung. Entsprechend kochten nicht nur zahllose überraschte Autofahrer in stundenlangen Staus vor Wut, sondern mussten auch die Wuppertaler Stadtwerke Fahrpläne und Haltestellen ändern, weil sie ebenfalls nichts von den Baken ahnten, die über Nacht aus dem Boden gewachsenen waren.

Das war diesmal anders - auch wenn ein von der Außenwelt abgeschnittener Reinigungsbetrieb nicht gesondert vorgewarnt worden war. Hätte er sich selbst informieren können, meint die Stadt. Auch wenn sie es sich damit ein bisschen einfach macht - ganz falsch ist der Hinweis nicht. Als ST-Leser hätte man in jedem Fall Bescheid gewusst - ein Abo lohnt sich also manchmal ganz besonders. 

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