Erste Hilfe im Notfall

Der Job in der Feuerwehr-Leitstelle bietet alles, was man sich nicht vorstellen kann

Berufsfeuerwehrmann Rafael Trautmann (46) mit der „PSAP-G-ONE“-Studie.
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Berufsfeuerwehrmann Rafael Trautmann (46) mit der „PSAP-G-ONE“-Studie.

Der gebürtige Solinger Rafael Trautmann (46) erstellt ehrenamtlich Studien. Er erforscht die Feuerwehr-Leitstellen.

Von Melissa Wienzek

Bergisches Land. Autounfall, Herzinfarkt, Atemstillstand beim Säugling: Wer in einer Notsituation die 112 anruft, ist oftmals emotional aufgebracht, hat Angst und steht vielleicht unter Schock. In dem Moment ist das Ende der anderen Leitung der beruhigende Gegenpol, der Mutmacher, derjenige, der Erste-Hilfe-Anweisungen anleitet und Anrufer – wenn erforderlich am Telefon – begleitet, bis Hilfe vor Ort eingetroffen ist: der Disponent der Feuerwehr-Leitstelle. „Wir sind diejenigen, die die erste ungefilterte Emotion abbekommen und immer als erste vor Ort sind – wenngleich auch nicht körperlich“, sagt der in Solingen geborene Feuerwehrbeamte Rafael Trautmann (46), der heute in Remscheid-Lennep lebt.

Schon immer hat ihn die Leitstelle fasziniert. Der Ort, an dem alles zusammenläuft, das „Gehirn“ der Feuerwehr, in dem blitzschnell entschieden werden muss − und in der die Belastung hoch ist, wie er sagt. „Was die Kolleginnen und Kollegen dort leisten müssen, ist enorm. Es ist viel mehr, als nur Knöpfe drücken.“

Ein Disponent sitze vor acht Bildschirmen und müsse ständige Reize verarbeiten, dazu den Menschen in Notlagen helfen und selbst all das verarbeiten. Vor allem, wenn man als Disponent gerade eine Reanimation per Telefon bei einem Baby angeleitet habe. „Irgendetwas klingelt immer“, sagt Trautmann. Durchschnittlich 17,2 Informationen pro Zeiteinheit seien in der Leitstelle normal, aber das Kurzzeitgedächtnis hat eine Kapazitätsgrenze von 7 Informationen pro Zeiteinheit, was die Informationsflut, denen das Leitstellenpersonal ausgesetzt ist, verdeutlicht.
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Trautmann wollte die Arbeit der Feuerwehr-Leitstelle transparenter machen

„Der Job in der Leitstelle bietet alles, was man sich vorstellen kann − und was man sich nicht vorstellen kann“, sagt Trautmann, der sich für ein besseres Image und eine bessere Ausbildung der Leitstellen-Experten einsetzt.

Das tut der 46-jährige Vater einer Tochter neben seinem Hauptberuf ehrenamtlich in der 2019 gegründeten Deutschen Gesellschaft für Rettungswissenschaften (DRGe). Er leitet dort die Arbeitsgruppe Leitstelle, die auf sein Wirken hin im Juni 2020 gegründet wurde, wie er erzählt. Diese beschäftigt sich mit den Kernprozessen der Leitstellen: Notrufabfrage, Einsatzmitteldisposition und Einsatzbearbeitung. Wesentliches Ziel sei es, eine bundeslandübergreifende Vergleichbarkeit über Kennzahlensysteme herzustellen. Die Arbeitsgruppe setzt sich interdisziplinär zusammen: Ärzte, Wirtschaftsmathematiker, Informatiker, Planer, Leitende und Disponenten.

Bevor die AG gegründet wurde, habe es so gut wie keine Forschung auf dem Gebiet der Leitstelle gegeben, meint der Feuerwehrmann. „Die Leitstelle war immer ein Stiefkind“, findet er. Deshalb hat er sich auf die Fahnen geschrieben, die Arbeit in der Leitstelle transparenter zu machen.

Dazu wurde er selbst zum Wissenschaftler: Nach seiner ersten „PSAP-G-ONE“- Studie , für die er unter anderem Leitstellen-Disponenten und -Leitungen befragte und die im April veröffentlicht wurde, führte Trautmann eine zweite Studie mit dem Titel „Expect“ durch. Dabei ging es hauptsächlich um die Frage: Was verlangt der Laie, was der Retter und was der Arzt von Leitstellendisponentinnen und -disponenten? „Die Erwartungshaltung uns gegenüber ist unfassbar hoch“, gibt er erste Einblicke in die Auswertung. „Wenn unsere Kollegen nicht weiter wissen, rufen sie häufig die Leitstelle an, um Hilfestellungen oder Ratschläge zu bekommen.“

Trautmann fordert: Leitstellendisponent sollte ein Ausbildungsberuf sein

Seine Ergebnisse lässt er Berufsverbänden, Ärzteverbänden, Gewerkschaften, Ministerien und zentralen Ausbildungseinrichtungen zukommen. So auch die „Expect“-Studie, die in den nächsten Wochen veröffentlicht werden soll. „Wir schaffen es hiermit, eine Evidenz aufzubauen, um Entscheidungen treffen zu können.“

Seine Forderung lautet heute: Leitstellendisponent sollte ein eigener Ausbildungsberuf sein und nicht nur ein Lehrgang innerhalb der Gesamtausbildung Wehrleute.

Beim Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes, das zuständig ist für die Leitstellen, sei zudem die Rede von Zusammenlegungen. Trautmann ist sich sicher: „Der bundesweite Trend, Leitstellen zusammenzulegen oder virtuell zu vernetzen, wird sich auch in unserem Bundesland durchsetzen; die Zahl von 52 Leitstellen alleine in NRW wird sich vermutlich in den nächsten Jahren reduzieren.“

Wissenschaft

Die Rettungswissenschaft ist als berufswissenschaftlicher Arm der Notfallsanitätertätigkeit zu verstehen. Sie ist eine Symbiose aus Notfallmedizin, Gesundheitswissenschaften, öffentlicher Sicherheit, Medizin, Psychologie und Kommunikation.

Die Studie von Rafael Trautmann gibt es hier zum Download.

Die Feuerwehr ist bei Bränden, Unfällen und Verletzungen gefordert. Hier gibt es alle Blaulichtmeldungen in Solingen.

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