Arbeitsmarkt

Der Fachkräftemangel spitzt sich zu

Die Agentur für Arbeit an der Kamper Straße. Archivfoto: up
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Die Agentur für Arbeit an der Kamper Straße.

Bilanz der Arbeitsagentur hat auch gute Nachrichten parat: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten erreicht einen Höchststand.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Der Arbeitsmarkt im bergischen Städtedreieck präsentiert sich stabil. Zumindest, solange man die Arbeitslosenquote in den Blick nimmt. Die lag in Solingen im Dezember bei 7,4 Prozent – nach 7,5 Ende 2021. Doch unter der Oberfläche ist einiges in Bewegung: Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Solingen, Remscheid und Wuppertal erreichte 2022 einen Höchststand, gleichzeitig wird der Mangel an Fachkräften immer gravierender.

Zwiespältig fällt die Jahresbilanz der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal aus. Mitte 2022 habe der Arbeitsmarkt die „Folgen der Corona-Pandemie endgültig überwunden“. Die Arbeitslosenquote erreichte in der Klingenstadt im Juni mit 6,9 Prozent das Vor-Krisen-Niveau. Der Anstieg seitdem sei vor allem auf Geflüchtete aus der Ukraine zurückzuführen.

„Im Moment deutet nichts darauf hin, dass der Arbeitsmarkt einbricht.“

Martin Klebe, Leiter der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal

Im März des vergangenen Jahres waren im Städtedreieck mehr als 232 000 Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, davon rund 54 500 in Solingen. So hoch lag der Gesamtwert für alle drei Städte in diesem Jahrhundert noch nie. Deutliches Wachstum war laut Angaben der Arbeitsagentur im Baugewerbe, der Verkehrs- und Lagerwirtschaft, dem öffentlichen Dienst, Erziehungs- und Unterrichtswesen sowie Gesundheits- und Sozialwesen festzustellen. „Nennenswerte Beschäftigungsverluste“ gab es dagegen vor allem im verarbeitenden Gewerbe sowie im Gastgewerbe. 758 Beschäftigte sind in der Klingenstadt seit Frühjahr 2019 allein in der Metall-, Stahl- und Elektroindustrie verloren gegangen.

Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Solingen steigt.

Parallel dazu vergrößert sich der Fachkräftemangel. Qualifizierte Bewerber fehlen nicht nur im Pflege- und Medizinbereich. Zudem gebe es in Berufen der Informationstechnik, dem Bau- und Ausbaugewerbe sowie Handel, Verkehr und Lagerei, Gastronomie sowie Grundstücks- und Wohnungswesen Engpässe.

Einerseits fehlen Fachkräfte, andererseits liegt die Arbeitslosenquote bei 7,4 Prozent. Wie passt das zusammen? Dafür nennt Martin Klebe zwei wesentliche Gründe. Bei arbeitslosen Geflüchteten aus der Ukraine liege der Fokus zunächst auf Sprachförderung. „Bei vielen anderen passt die Qualifikation strukturell nicht“, erläutert der Leiter der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal. Rund zwei Drittel der Solinger Arbeitslosen sind An- oder Ungelernte.

Diese Gruppe steht beim Kampf gegen den Fachkräftemangel im Fokus. Seit 2019 habe die Arbeitsagentur mehr als 1100 Arbeitslosen in Maßnahmen zu einem regulären Berufsabschluss verholfen. Hinzu kommen mehr als 3000 Fortbildungen in unterschiedlichen Fachbereichen. Das neue Bürgergeld-Gesetz gibt den Jobcentern beim Versuch, diese Gruppe an den Arbeitsmarkt heranzuführen, neue Möglichkeiten.

Gleichzeitig sieht die Agentur beim Kampf gegen den Fachkräftemangel die Unternehmen in der Pflicht. Ende 2021 habe es im Städtedreieck mehr als 12 000 Auszubildende gegeben. Das entspreche einer leichten Steigerung im Vergleich zu 2019, genüge jedoch nicht, „um den demografisch bedingten Aderlass der kommenden Jahre auszugleichen“.

Der Bedarf an qualifizierten Fachkräften werde nicht nur hoch bleiben, sondern zunehmen. Daher brauche es von den Unternehmen „mehr Kreativität und Initiative“. Beispielhaft nennt die Arbeitsagentur attraktive Ausbildungsbedingungen und Weiterbildungsangebote sowie eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Auch die Pläne der Bundesregierung, die Regeln für die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland zu erleichtern, könnten das Problem verringern.

Die Agentur für Arbeit geht davon aus, dass die beschriebenen Strukturveränderungen sich 2023 fortsetzen. Vor diesem Hintergrund stehe etwa im Automotive-Bereich zu befürchten, dass der dortige Wandel „weitere Arbeitsplatzverluste“ verursacht.

Das ablaufende Jahr war geprägt von globalen Krisen, die 2023 andauern. Welche Folgen hat das? „Im Moment deutet nichts darauf hin, dass der Arbeitsmarkt einbricht“, betont Martin Klebe. Durchaus gebe es allerdings Risiken, die die Situation erheblich verschärfen könnten. Dabei denkt der Chef der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal zum Beispiel an eine Zuspitzung der Energiekrise und einen möglichen Zusammenbruch der weltweiten Lieferketten aufgrund der Corona-Situation in China.

Dezember

Im Dezember waren in Solingen 6389 Menschen arbeitslos gemeldet. Die Arbeitslosenquote in der Klingenstadt liegt bei 7,4 Prozent. Remscheid kommt auf 7,1, Wuppertal auf 9,1, ganz Nordrhein-Westfalen auf 6,9 Prozent. Bundesweit beträgt die Quote 5,4 Prozent.

 Standpunkt von Manuel Böhnke: Jeder Einzelne zählt

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Die Bilanz der Arbeitsagentur stimmt durchaus hoffnungsfroh. Zwar liegt die Arbeitslosenquote höher als im Sommer, allerdings lässt sich der Anstieg mit den Geflüchteten aus der Ukraine gut erklären. Ein Erfolg angesichts der Hiobsbotschaften, die die Wirtschaft in den vergangenen Monaten ereilten. Auch die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ist bemerkenswert.

Auf der anderen Seite gibt es Entwicklungen, die aufhorchen lassen. Da ist zum einen die sinkende Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe. Man kann nur hoffen, dass die andauernden Probleme mit den internationalen Lieferketten langfristig den Blick aufs Produzieren vor Ort verändern. Für diese Arbeitsplätze braucht es dann Fachkräfte – und die sind rar. Das Problem ist seit langer Zeit bekannt, spitzt sich zu – und bedroht Wirtschaftsstandort und Wohlstand.

Es hilft nur, das Problem an der Wurzel zu packen. Es muss gelingen, wofür viele Akteure vor Ort kämpfen: Kein junger Mensch darf die Schule ohne Perspektive verlassen. Es zählt jeder Einzelne. 

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