Mein Blick auf die Woche

Der Eisverkäufer und die politische Radikalisierung 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Politiker sehen sich vermehrt Bedrohungen ausgesetzt. Auch hier vor Ort, wie eine Studie der Bergischen Universität zeigt. Angesichts zahlreicher Initiativen und Bewegungen für und gegen alles fragt sich ST-Chefredakteur Stefan M. Kob, warum es keine Gruppe gibt, die sich einmal vor unsere gewählten Politiker stellt. Und damit vor unsere Demokratie. 

Politiker gehören - wie übrigens Journalisten auch - nicht zur beliebtesten Spezies auf diesem Planeten. Das liegt zum großen Teil am Unvermögen der Politik, es jedem Menschen recht zu tun. Wenn es schon in der eigenen Familie selten gelingt, stets alle Interessen gleichmäßig unter einen Hut zu bekommen, wie soll es dann in einer ganzen Gesellschaft funktionieren, deren Pole zudem immer weiter auseinanderwandern und sich radikalisieren? Die zunehmende Bereitschaft der Klima-Bewegung, sich über Regeln und Gesetze hinwegzusetzen, bringt ihr schon das Etikett „Klima-RAF” ein. Am rechten Rand gewinnt eine ins rechtsextremistische abgleitende AfD immer mehr Zulauf.  

Das berühmte Eisverkäufer-Beispiel des amerikanischen Ökonomen Harold Hotelling beschreibt das Phänomen. Zwei Eisverkäufer teilen sich friedlich einen 100-Meter-Strand in zwei 50 Meter lange Abschnitte und platzieren sich dort jeweils in der Mitte, also auf 25 und 75 Meter. In diesem Beispiel haben es die Badegäste in beiden Verkaufszonen jeweils genau gleich weit zu „ihrem” Stand. Wenn sich aber einer der beiden Eisverkäufer mehr in Richtung Mitte bewegt - also der Grenze zwischen beiden Strandabschnitten -, wird sein Einzugsbereich größer: auf Kosten des anderen. Der wird sich das nicht lange gefallen lassen und rückt mit seinem Eisstand ebenfalls Richtung Mitte, um sein Revier zu verteidigen. Mit dem Ergebnis, dass die Kunden in der breiten Mitte bestens mit den ersehnten Erfrischungen versorgt werden, während die Badegäste an den Rändern in die Röhre gucken.

Der Mechanismus aus der Marktwirtschaft lässt sich bestens auf die politische Ökonomie übertragen: Irgendwann werden sich neue Verkäufer aufmachen, um die Frustrierten an den Rändern zu beliefern - die greifen dann erfreut zu, egal, um welch toxische Angebote es sich handelt. 

Gerade diejenigen, bei denen die Enttäuschung erst in Frust und dann in Wut umgeschlagen ist, sind empfänglich für die Botschaften aus Intoleranz, Hass und Gewalt - und richten ihre Wut gegen die, die ihrer Meinung nach die Schuld an der Misere tragen: die Politiker. Dass die Hasswelle längst ungebremst das Städtedreieck flutet, offenbaren die erschreckenden Erkenntnisse einer Studie der Bergischen Universität. Bei einer Befragung von Mandatsträgern offenbarte jeder dritte Bürgermeister, Bezirksvertreter oder Stadtverordnete, bereits ein- oder mehrmals bedroht oder beschimpft worden zu sein. Von sexistischen Beleidigungen bis zu Morddrohungen reicht die Palette. Spätestens dann, wenn die mehr oder weniger subtilen Drohungen die eigene Familie erreichen, ist bei manchen, in aller Regel ja ehrenamtlich tätigen Kommunalpolitikern Schluss. Sie denken über ein Ende ihrer Tätigkeit nach oder haben schon längst einen Schlussstrich gezogen. 

Bisher schaut die Zivilgesellschaft diesem demokratiezersetzenden Treiben recht teilnahmslos zu - obwohl die Welle der Gewalt auch schon Tote (der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke) und Verletzte (die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker) gefordert hat. Auch wenn es im Bergischen gottlob bisher nicht zum Äußersten gekommen ist - wie weit wollen wir es als Gesellschaft kommen lassen? Während es für anscheinend alles und jedes Initiativen oder Demonstrationen gibt, die sich gegen Rassismus, gegen Klimavergiftung, Tierleid oder Atomkraft richten, gibt es nicht eine einzige Bewegung, die sich einmal vor unsere gewählten Vertreter stellen würde. Und damit vor unsere Demokratie. 

Leider sind aber die Solinger Politiker selbst auf dem Pfad der Erkenntnis noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie trotz der alarmierenden Zahlen die Gefahr als hoch einschätzten. Einer Einladung des Oberbürgermeisters zur Präsentation der Gewaltstudie war nur eine Handvoll Vertreter gefolgt: ausschließlich aus den Reihen von SPD und Grünen. Den Rest der Parteienlandschaft lässt das Thema offenbar noch kalt, sodass man es nicht einmal für nötig erachtete, wenigstens einen Höflichkeitsvertreter zu entsenden. Dann muss man sich über den mangelnden Rückhalt in der Bevölkerung aber auch nicht beschweren. 

Die Zurückhaltung mag damit zu tun haben, dass bei den betroffenen Politikern der Reflex zur Verdrängung extrem ausgeprägt ist. So ist es auch zu erklären, dass die allerwenigsten Vorfälle dieser Art den Strafverfolgungsbehörden angezeigt werden - was wiederum das Bild verschwommener erscheinen lässt, als die Wirklichkeit ist. In diesem Dunkelfeld lässt es sich für die Hetzer und Pöbler bestens leben - zumal die Gerichte die Grenzen dessen, was noch unter Meinungsfreiheit fällt, oft unerträglich ausdehnen.  

Forscht man nach den Ursachen, landet man sehr schnell bei den sogenannten sozialen Medien, in deren Blasen ungestraft und enthemmt gehetzt und gelogen werden kann. Doch die Wurzeln der Misere reichen tiefer: Bildung ist das Stichwort. Nur wer überhaupt aus unterschiedlichen Quellen schöpft und wahr von unwahr trennen kann, entwickelt Widerstandskraft gegen die Verführer an den extremen Rändern. In den USA lässt sich mit Gruseln bestaunen, wie klar widerlegbare Lügen über gefälschte Wahlergebnisse doch bei einem großen Teil der Bevölkerung verfangen. Auch, weil sie sich nicht mehr mit seriösen Qualitätsmedien auseinandersetzen, die objektiv und differenziert berichten, sondern nur noch in ihren Echokammern kommunizieren. 

In dieser brandgefährlichen Situation gewinnt das schon seit Jahrzehnten bewährte Medienprojekt „Zeitung in der Schule” noch einmal eine ganz neue Dimension. Man kann nur hoffen und alles dafür tun, dass die über 900 Schülerinnen und Schüler, die jetzt in diesem Jahr dabei sind, mit der täglichen Zeitungslektüre das Immunsystem gegen gelenkte Propaganda, falsche Propheten und fatale Lügen stärken. 

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