Montagsinterview

Dehoga-Vorsitzende Petra Meis: „Kneipenkultur bricht zunehmend weg“

Die Solinger Dehoga-Vorsitzende Petra Meis sieht aktuell viele Probleme in der Gastronomie – und liebt ihren Job dennoch.
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Die Solinger Dehoga-Vorsitzende Petra Meis sieht aktuell viele Probleme in der Gastronomie – und liebt ihren Job dennoch.

Die Dehoga-Vorsitzende Petra Meis spricht über die schwierige Situation der Gastronomen im Bergischen.

Frau Meis, erst Corona, dann das Hochwasser und das Sommerwetter war bislang auch nicht berauschend. Was ist zurzeit eigentlich das größte Problem der Gastronomen im Bergischen?

Petra Meis: Die größte Baustelle ist sicherlich die Corona-Pandemie und der Umgang damit, weil wir keinerlei Planungssicherheit für Gesellschaften, Veranstaltungen und Sonstiges haben. Aktuell haben wir zwar die Inzidenzstufe 2, womit man leben kann. Gäste, die beispielsweise von einer Wanderung kommen und drinnen à la carte essen möchten, müssen nur getestet, geimpft oder genesen sein. Das wird kontrolliert und wir registrieren die Besucher. Wenn ein Gast von draußen kommt und von diesen drei Möglichkeiten gerade nichts vorweisen kann, dann darf er immer noch im Garten Platz nehmen. Damit kommen wir ganz gut zurecht.

Welche Schwierigkeiten gibt es dennoch?

Meis: Problematischer ist es bei den Gesellschaften, denn da ging es zuletzt immer hin und her. Manche Hochzeiten haben wir von vergangenem auf dieses Jahr verschoben, die sollten jetzt ab August stattfinden. Dann hieß es, man dürfe zwar mit einer größeren Anzahl Gästen zusammensitzen und essen, aber nicht feiern. Ein Paar hatte kürzlich aber schon einen DJ gebucht und wollte natürlich auch richtig Party machen. Dann musste die Hochzeit erneut abgesagt werden. Letztes Wochenende hieß es dann, dass Feiern doch erlaubt seien.

Dann können wir nicht mal eben alle unsere Gäste anrufen und wieder durchstarten. Das ist für unsere Gäste und für uns gleichermaßen schwierig. Man braucht einfach einen gewissen Vorlauf, um eine Veranstaltung für 60 bis 80 Personen vorzubereiten – vom Einkauf bis zum Kochen.

Wie viel Verständnis zeigen die Gäste für die ständig wechselnden Auflagen?

Meis: Die meisten unserer Gäste sind geimpft und legen einfach ihren Impfausweis vor, dann ist alles relativ einfach. Die künftigen Hochzeitspaare sind da schon teilweise bedrückt und reagieren genervt auf das ständige Hin und Her. Manche haben ihre Hochzeit auch schon wieder aufs nächste Jahr verschoben. Da werden die Termine auch wieder eng, denn so eine Hochzeit feiert man eher freitags oder samstags – da gibt es von Mai bis September nicht so viele Möglichkeiten. Das ist das Problem bei den Veranstaltungen. Beim À-la-carte-Geschäft sind die Leute inzwischen daran gewöhnt, im Alltag eine Maske zu tragen und ihren Impfausweis bei sich zu haben.

Mit welchen Fragen wenden sich Gastronomen an Sie als Dehoga-Vorsitzende?

Meis: Gestern rief mich ein Kollege an, der sehr frustriert war. Er hat ein Lokal in der Innenstadt, wo es Getränke und auch Kleinigkeiten an Speisen gibt. Er muss die Tests der Leute kontrollieren und die Kontakte für die Rückverfolgung aufschreiben. Darauf haben die Besucher dann aber keine Lust und gehen einfach nach nebenan in die Spielhalle. Da bekommen sie auch einen Snack und was zu trinken, müssen sich aber überhaupt nicht registrieren lassen. Gerade wenn das Restaurant und die Spielhalle direkt nebeneinander liegen, dann gehen die Leute eben dorthin, anstatt bei ihm ein Bierchen zu trinken.

Fließen aus Ihrer Sicht ausreichend Hilfsgelder für die von Einschränkungen betroffenen Betriebe?

Meis: Das würde ich schon sagen. Es gibt Einzelfälle, in denen das nicht so funktioniert, aber wir sind recht gut über die Dehoga informiert worden, die permanent aktualisierte Rundschreiben über die jeweiligen Bestimmungen versendet. Durch die Überbrückungshilfe III kann man sich bestimmte Dinge finanziell leisten, was auch viele Kollegen genutzt haben. Das zumindest haben mir die Brauereivertreter berichtet. Da wurden beispielsweise Kühlschränke, Theken und Sonnenschirme bestellt.

Wie sieht allgemein die Nachwuchssituation in der Gastronomie aus?

Meis: Auch wir haben in unserer Branche große Nachwuchsprobleme! Grundsätzlich geht man nicht unbedingt in die Gastronomie, um später ein eigenes Restaurant zu eröffnen. Man hat aber mit einer Grundausbildung als Hotelfachmann/frau, Restaurantfachmann/frau oder Koch/Köchin viele Möglichkeiten sich weiter zu entwickeln. Wenn man in einem Betrieb in seiner Heimatstadt eine Lehre absolviert und vielleicht noch nicht in die weite Welt hinaus möchte, kann man sich danach immer noch in anderen Häusern in einer größeren Stadt oder in einem touristischen Gebiet bewerben. Dann kann man an ganz verschiedenen Orten Deutschlands oder Europas tätig sein und die Welt kennenlernen. In der Gastronomie ist es kein Makel, häufiger den Betrieb zu wechseln, denn der Beruf ist unheimlich vielfältig.

Ist ein Job in der Gastro- und Hotelbranche für junge Menschen denn noch attraktiv?

Meis: Die personelle Situation ist leider nicht zufriedenstellend. Die Berufe in der Gastronomie sind ja letztendlich auch Handwerksberufe. Die Schulabgänger interessieren sich heute aber meist eher für ein Studium oder eine duale Ausbildung, während handwerkliche Berufe Schwierigkeiten haben, Nachwuchs zu bekommen. In der Gastronomie haben wir speziell das Problem, dass uns der Fachkräftemangel gerade in ländlicheren Gebieten trifft. Die Köche machen eher Systemgastronomie oder arbeiten in einer Kantine. Da gibt es doch einige, die nicht so für ihren Beruf brennen, sondern ihn nur als Arbeit betrachten. Die haben dann mitunter keine Lust, am Wochenende in einem Restaurant zu arbeiten, während sie in einer Betriebskantine geregelte Arbeitszeiten haben können. Das hängt stark von der eigenen Motivation ab.

Was macht den Beruf für die persönlich aus?

Meis: Für mich ist es das Zusammenkommen mit verschiedenen Menschen. Mir macht es immer noch Spaß und wir haben bei uns viele junge Leute, die neben ihrem Studium im Service arbeiten. Die finden es toll, hier viele Leute kennenzulernen und nette Rückmeldungen von den Gästen zu bekommen. Wir sind in der Gaststätte Rüdenstein eine junge Truppe, haben Spaß miteinander und gehen auch gerne ab und zu nach der Arbeit einen trinken. Das macht eine Menge aus.

Wie würden Sie das gastronomische Angebot in Solingen beschreiben?

Meis: Das Schlimme in Solingen ist, dass eine Vielzahl der alten, traditionellen Betriebe gar nicht mehr existiert. Etliche Häuser haben in den vergangenen zehn Jahren im Zuge eines Generationenwechsels geschlossen, weil sie einfach keinen Nachfolger mehr gefunden haben. Früher war die Gaststätte ein sozialer Treffpunkt, wo man nach dem Sport noch auf ein Bierchen zusammenkam oder sich zum Kegeln oder Kartenspielen traf. Diese Kneipenkultur bricht immer mehr weg. Als ich ein Kind war, kamen sonntags noch die älteren Herren aus dem Dorf und haben vormittags Skat gespielt. Das fand ich immer total schön und es gehörte einfach dazu.

Zur Person

Petra Meis ist Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Solingen im Regionalbezirk Düsseldorf. Sie ist Inhaberin der Gaststätte Rüdenstein, die idyllisch in der Hofschaft Rüden in unmittelbarer Nähe zur Wupper liegt.

Besonders die Gastronomen in Unterburg haben nach dem Hochwasser zu kämpfen.

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