Mobilität von morgen - heute getestet

Das Projekt „Bergisch Smart Mobility“ geht auf die Zielgerade

Thomas Lämmer-Gamp leitet die Geschäftsstelle von Bergisch Smart Mobility. Foto: Bergische Gesellschaft
+
Thomas Lämmer-Gamp leitet die Geschäftsstelle von Bergisch Smart Mobility.

Thomas Lämmer-Gamp rechnet nicht damit, dass Autos aus den Städten verschwinden werden.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Der 45-Jährige ist allerdings überzeugt, dass sich der motorisierte Individualverkehr in den kommenden zehn Jahren erheblich verändern wird: weniger Fahrten, ein deutlich höherer Anteil Elektromobilität und autonom fahrende Vehikel. „Technologisch sind wir schon sehr weit“, betont der Leiter der Geschäftsstelle von Bergisch Smart Mobility (BSM). Im Zuge des Projektes ist die Region voraussichtlich noch bis Ende des Jahres ein Testlabor für die Mobilität von morgen.

Der Startschuss fiel 2019. 13 Millionen Euro fließen vom NRW-Wirtschaftsministerium ins bergische Städtedreieck, eine von fünf digitalen Modellregionen in Nordrhein-Westfalen. Das Gesamtvolumen des Projektes beträgt 24 Millionen Euro. Zu den Partnern gehören unter anderem die Städte Remscheid, Solingen und Wuppertal sowie die Bergische Universität (| Kasten).

„Das Projekt ist vor allem für die Sichtbarkeit der Region ganz wichtig“, betont Lämmer-Gamp. Was der regionale Wirtschaftsförderer damit meint: In Sachen Innovation muss das Bergische seine Position gegen die starke Konkurrenz aus Rheinland und Ruhrgebiet behaupten. Dazu seien enge Zusammenarbeit und ein größeres Selbstvertrauen nötig. Beispielsweise gebe es im Städtedreieck einige Unternehmen, die mit ihrer Technologie einen Beitrag zur Entwicklung selbstfahrender Autos leisten. „Das geht manchmal unter, weil man die Bauteile nicht sieht.“

„Das Bergische Land hat die Industrialisierung geschafft und wird auch die kommenden Herausforderungen meistern.“

Thomas Lämmer-Gamp, Geschäftsstellenleiter

Die vollständige Bezeichnung des Projektes lautet „Bergisch.Smart: KI als Enabler für die Mobilität von morgen“. Es besteht aus vier Bausteinen, die alle auf Künstliche Intelligenz setzen. Da sind zum einen die Fahrzeuge selbst, deren Fahrassistenzsysteme immer komplexer werden. „Deshalb muss man die Architektur der Bordelektronik völlig neu denken“, sagt Lämmer-Gamp.

Genau mit dieser „Smart Vehicle Architecture“ beschäftigt sich das Wuppertaler Unternehmen Aptiv, einer der zentralen Projektpartner. Die dortigen Entwicklungen wiederum haben Einfluss auf die übrigen Glieder der Wertschöpfungskette, zum Beispiel andere Zulieferbetriebe im Bergischen Land.

Gleichzeitig liegt ein Fokus von BSM auf der Frage, wie der öffentliche Personennahverkehr der Zukunft aussieht. In Wuppertal sind etwa seit dem vergangenen Herbst elektrische, sogenannte London Taxis unterwegs. Der Clou: In einem festgelegten Testgebiet gibt es rund 4000 virtuelle Haltestellen. Über eine App können die Nutzer sehen, wo sich die Fahrzeuge der Wuppertaler Stadtwerke befinden und eine Fahrt anfordern. Ein Algorithmus berechnet je nach Fahrgastaufkommen, gewünschten Zielen und verfügbaren Fahrzeugen die günstigste Route mit den entsprechenden Haltepunkten. „Das ist ein Thema, das zukünftig auch ohne Fahrer denkbar ist“, erklärt Lämmer-Gamp.

Dafür braucht es nicht zuletzt ein intelligentes Verkehrsmanagement in den Städten. Auch dieser Aspekt ist Teil von BSM. Seit März sind an der Hildener Straße Lidar-Sensoren im Einsatz. Sie sollen in Kombination mit einer Analyse-Software unter anderem kurzfristige Reaktionen auf bestimmte Verkehrssituationen ermöglichen. In der Testphase können die Technischen Betriebe Solingen Erfahrungen mit dem System sammeln. Der Geschäftsstellenleiter erklärt: „Im Laufe des Projektes häuft sich bei den Mitwirkenden Wissen an, von dem wir in Zukunft profitieren können.“

Noch bis Ende des Jahres läuft das Projekt. Lämmer-Gamp hofft, bei der Landesregierung eine Verlängerung um drei Monate erwirken zu können. Die Corona-Pandemie habe insbesondere die Arbeit am vierten Baustein – die Menschen und Unternehmen im Bergischen für neue Formen der Mobilität zu sensibilisieren – erschwert. Dies soll in den kommenden Monaten ein Schwerpunkt sein. Umfassende Veränderungen, weiß Lämmer-Gamp, stoßen nicht immer sofort auf Gegenliebe. Doch er ist überzeugt: „Das Bergische Land hat die Industrialisierung geschafft und wird auch die kommenden Herausforderungen meistern.“

Partner

Zu den Partnern des Projektes Bergisch Smart Mobility gehören die Städte Remscheid, Solingen und Wuppertal, die Bergische Universität sowie die Bergische Struktur- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft und Automotiveland NRW. Außerdem sind die Neue Effizienz GmbH, das Wuppertaler Unternehmen Aptiv und die Stadtwerke der Nachbarstadt beteiligt.

bergischsmartmobility.de

Standpunkt: Auf einem guten Weg

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Manuel Böhnke

Wenn von der Mobilität der Zukunft die Rede ist, klingt das weit weg. Doch das Gegenteil ist der Fall. Rund 800 Automobilzulieferer gibt es in Nordrhein-Westfalen, im bergischen Städtedreieck sind es 250. Die meisten davon sind außerhalb der Region wenig bekannt. Das ist kaum überraschend, schließlich prangen ihre Firmenlogos nicht auf dem Kühlergrill der neuesten Modelle. Dennoch können ihre Arbeit und ihre Bauteile eine wichtige Rolle beim Umstieg auf Elektromobilität und autonomes Fahren spielen. Damit das Bergische Land bei solchen Entwicklungen nicht den Anschluss verliert, sind Projekte wie Bergisch Smart Mobility so wichtig. Ihre Ziele greifbar zu machen, ist nicht immer ganz einfach. Doch sie tragen dazu bei, dass zentrale Zukunftsthemen keinen Bogen um Remscheid, Solingen und Wuppertal machen. Mit Initiativen wie Automotiveland NRW, deren Sitz in Solingen ist, befindet sich das Städtedreieck auf einem guten Weg, beim Rennen um die Mobilität der Zukunft nicht abgehängt zu werden. Auch wenn die karierte Flagge noch nicht in Sicht ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Corona: Landesweit höchster Wert - 7-Tage-Inzidenz steigt auf über 60
Corona: Landesweit höchster Wert - 7-Tage-Inzidenz steigt auf über 60
Corona: Landesweit höchster Wert - 7-Tage-Inzidenz steigt auf über 60
Weyerstraße nach Unfall gesperrt
Weyerstraße nach Unfall gesperrt
Weyerstraße nach Unfall gesperrt
Polizei rollt 30 ungeklärte Morde auf
Polizei rollt 30 ungeklärte Morde auf
Polizei rollt 30 ungeklärte Morde auf
Seniorin bestohlen und geschubst
Seniorin bestohlen und geschubst
Seniorin bestohlen und geschubst

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare