Ehrenamt

Flüchtling aus Syrien hilft jetzt ukrainischen Flüchtlingen

Zakwan Darwish kam als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland. Die Bilder des Krieges sind für ihn immer lebendig.
+
Zakwan Darwish kam als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland. Die Bilder des Krieges sind für ihn immer lebendig.

Zakwan Darwish floh vor dem Syrienkrieg – heute hilft er ukrainischen Flüchtlingen.

Von Andreas Römer

Solingen. Zakwan Darwish will helfen, weil er nicht anders kann, wie er sagt. Selbst als Flüchtling vor zehn Jahren aus Syrien nach Deutschland gekommen hat er sich aktuell ganz der Hilfe für Flüchtlinge aus der Ukraine verschrieben. Er kümmert sich von morgens bis abends um „seine Schützlinge“, lässt seine eigene Firma ruhen, weil er woanders gebraucht wird. Sein Lohn? „Den wird Gott mir irgendwann geben“, ist der Moslem überzeugt.

Zakwan Darwish schaut auf ein wechselvolles Leben. 1973 in Aleppo geboren, geht er als junger Mann zum Studieren nach Moskau. Zahnmedizin soll es sein. Als Zahnarzt hat er aber so gut wie gar nicht gearbeitet. Erst zog es ihn in die Ukraine, wo er acht Jahre für eine Textilfirma arbeitete. Zurück in Aleppo übernahm er als ältester von fünf Geschwistern die Firma des Vaters. Die stellte Brandschutztechnik wie Feuerlöscher, Rauchwarnmelder oder Löschanlagen her. Als der Krieg sein Aleppo nahezu komplett zerstörte, floh er mit seinen beiden Söhnen über die Ukraine nach Deutschland.

Er half Flüchtlingen von Anfang an

Schon direkt nach seiner Ankunft in Deutschland hat er sich für andere Flüchtlinge eingesetzt, hat geholfen, wo immer es ging. Als er endlich offiziell arbeiten durfte, hat er in Köln gearbeitet. Als Techniker für Brandschutz hat er Inspektionen und Wartungen durchgeführt und in Solingen einen Vertrieb dafür aufgebaut. Er hatte nicht die Nerven, sich um die Anerkennung seines Zahnmedizinstudiums zu bemühen, wie er mit einem Lachen sagt.

Anfang 2020 hat er sich einen Traum erfüllt und sich selbstständig gemacht. „Darwish Brandschutztechnik“ – das klingt für ihn immer noch toll. Doch nach nur zwei Monaten hat er wieder geschlossen. „Corona und Lockdown – das war einfach zu viel für eine junge Firma,“ sagt er. Im Sommer des letzten Jahres hat er einen Neuanfang gewagt und es fing an zu laufen. „Ich habe die ersten kleineren Kunden gehabt,“ sagt Darwish. Doch mit Beginn des Flüchtlingsstroms aus der Ukraine hatte Zakwan Darwish das Gefühl, anderes sei wichtiger als seine Firma. Zu viele schöne Erinnerungen an seine Zeit in der Ukraine, zu viele Menschen, die seine Hilfe brauchen.

Er ist gefragt als Übersetzer, schließlich spricht er Arabisch, Russisch, Ukrainisch, Englisch und – gerade für die Flüchtlinge wichtig – Deutsch. Selbst nimmt er Flüchtlinge auf. Frauen, Frauen mit Kindern, 13 Flüchtlinge leben aktuell bei ihm zu Hause. „Sechs schlafen in meinem Wohnzimmer“, schildert Darwish die Situation. Zu Beginn geht er einkaufen, kocht für seine Schützlinge, fährt sie zu den Behörden, und bekommt immer mehr zu tun. Über die Initiative Gräfrath hilft, bekommt er immer mehr Kontakte zu weiteren Flüchtlingen aus der Ukraine.

Ich würde gerne so viel mehr tun.

Zakwan Darwish

Darwish stellt Kontakt zur Solinger Firma Walbusch her, dort erhalten die Flüchtlinge Kleidung. Darwish bringt sie hin, bleibt bei ihnen, übersetzt und hilft bei zahllosen kleinen Dingen. „Ich würde gern so viel mehr tun,“ verzweifelt er manchmal. Dass in einer Turnhalle 150 Frauen und Kinder wohnen, weil kein Wohnraum für sie da ist, macht in wütend und traurig. Oft wird er gerufen, als Tröster oder Streitschlichter. Alle kennen ihn, wenden sich mit Fragen und Nöten an ihn. 1000 bis 1500 Nachrichten gehen täglich auf seinem Handy ein. „Ich beantworte jede einzelne“, sagt er.

Ich weiß wie es ist, wenn man mit einem Kind an der Hand einfach läuft und läuft, um den Bomben zu entfliehen.

Zakwan Darwish

Für ihn sind die Bilder des Krieges immer lebendig. „Ich weiß, wie es ist, wenn man mit einem Kind an der Hand einfach läuft und läuft, um den Bomben zu entfliehen“. Er hat noch Familie in Syrien, eine Bombe hat seinem Bruder die Frau und drei Kinder geraubt. Ein weiterer Bruder ist gefallen. Darwish ist dankbar, dass er in Deutschland leben darf. „Hier ist so vieles besser“, das versucht er auch den Flüchtlingen zu erklären. Manche wollen zurück in die Ukraine, Darwish rät ihnen ab, zu gefährlich und es fehlt an Essen und Medikamenten. Eine junge Frau sei gerade erst wieder nach Deutschland gekommen, nachdem sie vor drei Wochen in die Heimat zurückgereist war. Natürlich hat Darwish die ganze Zeit Kontakt gehalten.

„Pianist aus den Trümmern“ Aeham Ahmad berührt in der Dorper Kirche

Er wünscht sich mehr Unterstützung

Zakwan Darwish hat keine Einkünfte. Seine Firma ruht. Zum Glück hat der ältere Sohn im letzten Jahr seine Ausbildung beendet und verdient jetzt als Geselle – damit bringt der die Familie und die Flüchtlinge durch. Auch wenn er mit seinem Auto seinen Sprit verfährt, Darwish ist immer da, wenn ihn jemand ruft. Er hat die Situation der Flüchtlinge auch schon in politischen Gremien vorgestellt, hat sogar Kontakt zum Oberbürgermeister von Charkiw, der auch schon von Zakwan Darwish gehört hat. Darwish wirbt für mehr Unterstützung – für die Flüchtlinge, nicht für sich. Er beklagt die viel zu langsame Bürokratie: „Wenn mal jemand eine Wohnung gefunden hat, dauert das mit der Genehmigung drei Wochen – das ist furchtbar“, mag er am liebsten alle antreiben.

„Letzte Woche stand eine Frau schluchzend vor dem Rathaus“, erzählt Darwish. „Ich habe sofort erkannt, dass sie aus der Ukraine stammt, und habe sie angesprochen. Sie sagte, dass die nicht weiß, wo sie schlafen soll, wo sie etwas zu Essen findet und dass sie seit neun Tage nicht mehr geduscht hat.“ Er hat sie einfach in den Arm genommen und gesagt, dass er ihr helfen wird. Als er seinen Namen sagt, ruft die Frau: „Dich habe ich gesucht!“ Auch sie hatte schon von ihm gehört. Einen Anruf später hat Zakwan Darwish sie bei einem Bekannten untergebracht und sie direkt hingefahren. „Ich habe sie zwei Tage später wieder getroffen. Die Tränen waren getrocknet und sie hat mich angelächelt – für diesen Lohn mache ich das“, versucht er seine Motivation zu erklären. Das Glück der anderen, wenn es endlich mit einer Wohnung geklappt hat – das treibt ihn an.

An ein schnelles Ende des Krieges glaubt er nicht. Auch im Irak und in Syrien habe man geglaubt, die Auseinandersetzungen seien schnell vorbei. „In Syrien herrscht seit zehn Jahren Krieg“, stellt er fest. Und deshalb muss er weitermachen, den Flüchtlingen, von denen er viele als seine Freunde bezeichnet, helfen, ihnen zumindest hin und wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Und irgendwann macht er sich auch mal Gedanken um seine eigene finanzielle Situation und vielleicht startet er ja auch irgendwann einmal mit Darwish Brandschutztechnik richtig durch – aber daran kann er gerade nicht denken, muss dringend sein Handy aufladen, damit ja keine Nachricht verloren geht und er weiterhelfen kann.

Lesen Sie auch: Verein hilft gehörlosen Ukraine-Flüchtlingen

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Open-Air-Konzert: Einige Helfer nutzten ihre Freikarte nicht
Open-Air-Konzert: Einige Helfer nutzten ihre Freikarte nicht
Open-Air-Konzert: Einige Helfer nutzten ihre Freikarte nicht
Corona: So geht es mit den Zugangsregeln im Rathaus weiter
Corona: So geht es mit den Zugangsregeln im Rathaus weiter
Corona: So geht es mit den Zugangsregeln im Rathaus weiter
Merscheid verabschiedet sich von Kita
Merscheid verabschiedet sich von Kita
Merscheid verabschiedet sich von Kita
Deftiges aus der Burger Corner - mit Rezept
Deftiges aus der Burger Corner - mit Rezept
Deftiges aus der Burger Corner - mit Rezept