Reportage

Impfpflicht-Gegner: Das denken die Menschen auf der Demo

Am Rathaus wirbt das Stadtmarketing mit einem Plakat für die Corona-Impfung. Auf dem Walter-Scheel-Platz demonstrieren rund 500 Menschen gegen eine Impfpflicht. Der Stadt und auch Oberbürgermeister Tim Kurzbach werfen sie in einer schriftlichen Erklärung vor, „unreflektiert wie selbstherrlich“ zu Impfungen aufzurufen.
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Am Rathaus wirbt das Stadtmarketing mit einem Plakat für die Corona-Impfung. Auf dem Walter-Scheel-Platz demonstrieren rund 500 Menschen gegen eine Impfpflicht. Der Stadt und auch Oberbürgermeister Tim Kurzbach werfen sie in einer schriftlichen Erklärung vor, „unreflektiert wie selbstherrlich“ zu Impfungen aufzurufen.

Hunderte wehren sich als „Solinger Widerstand“ gegen eine drohende Impfpflicht.

Von Björn Boch

Solingen. „Ich weigere mich, dass man mich als Rechte hinstellt. Und ich wehre mich dagegen, dass mir die Entscheidungsfreiheit genommen werden soll.“ Die Frau, die das vor dem Rathaus auf der Demonstration des „Solinger Widerstands“ am Montagabend sagt, hat sich sofort bereiterklärt, mit der Presse zu sprechen. Die Frage nach ihrem Namen dagegen sorgt für ein längeres Zögern – und endet mit der Bitte, sich anonym äußern zu dürfen. Zu groß sei der Druck von Verwandtschaft und Arbeitskollegen, sich impfen zu lassen, sagt die Solingerin, die im Gesundheitswesen tätig ist. Später nennt sie den Druck, der ausgeübt wird, „asozial“.

Druck, sich impfen zu lassen: Ihn spüren viele, mit denen sich das Tageblatt an diesem Abend, dem ersten Montag des Jahres 2022, unterhält. Rund 500 Menschen stehen vor dem Rathaus, bereit für einen friedlichen Marsch mit Lichterketten durch die Innenstadt, der Regen hat rechtzeitig aufgehört. „Petrus ist auf unserer Seite“, heißt es. Maske trägt hier kaum jemand, es ist allerdings auch nicht vorgeschrieben. Die Botschaft der Demonstranten: Eine Impfpflicht darf es nicht geben.

Der „Solinger Widerstand“ betont, vor allem gegen eine Impfpflicht zu demonstrieren. Viele Teilnehmer stehen der Corona-Impfung allerdings per se skeptisch gegenüber.

Manche hier haben Angst vor der „Spaltung der Gesellschaft“ – und manche auch schlicht vor der Impfung. Immer wieder werden die Impfstoffe als schädigend für das Erbgut bezeichnet, es handele sich um „Technologie“ und einen „medizinischen Eingriff“, der mit dem Begriff „Impfung“ verharmlost werde. Die Inhaltsstoffe seien nicht alle bekannt, die Wirkung zu wenig erforscht. Das seien „Experimente an Menschen“.

Jeder kennt hier jemanden mit Impfschäden

Jeder kennt hier jemanden mit Impfschäden: das Rheuma der Nachbarin sei seit der Impfung viel schlimmer geworden, ein Freund habe nur noch Migräne, bei einer weiteren Person höre die Nase einfach nicht mehr auf zu bluten. Von „zahlreichen Impftoten“ ist die Rede. In der Telegram-Gruppe „Solinger Widerstand“ kam gar die Idee auf, „Opfer der Impfkampagne“ mit einem Mahnmal zu ehren.

Menschen, die an Corona gestorben sind oder unter den Folgen leiden, kennt hier kaum jemand. Und wenn, dann seien die Umstände dieser Fälle so speziell, dass daraus keinesfalls allgemeine Schlüsse gezogen werden könnten.

Auch die Solingerin aus dem Gesundheitswesen berichtet von „zu vielen Nebenwirkungen“ und zweifelt die Wirksamkeit der Impfungen an. Sie leugne Corona nicht, für manche könne die Krankheit gefährlich werden. Diese Menschen müsse man schützen. Jeder habe das Recht, sich impfen zu lassen. Aber eine Pflicht, beschlossen von der Politik? Keinesfalls. „Menschenrechte stehen über Mehrheitsrechten.“ Sie fände es allerdings schön, gäbe es „eine Impfung, die wirklich wirkt“.

Impfgegner: Politik macht falsche Versprechungen

Die Ablehnung der Impfung – oder zumindest der Impfpflicht – ist selbst zur Nebenwirkung geworden: Von Wissenschaft, die sich immer wieder korrigieren muss, was angesichts eines neuartigen Virus verständlich ist, aber viele verunsichert. Und von Politik, die falsche Versprechungen macht und eine Impfpflicht lange kategorisch ausgeschlossen hatte.

Doch es gibt auch jene, die ganz andere Erklärungen haben – von Gen-Therapie ist dann die Rede, von Experten, die mundtot gemacht würden, von einem „Kartell aus Politik, Medien, Finanzwelt und Pharmaindustrie“. Je weitläufiger die Theoriegebäude werden, desto weniger kann ich sie nachvollziehen – und sage das auch. Was die weltweiten Börsenkurse mit Impfstoffkomponenten zu tun haben sollen, begreife ich nicht. Das wird dann freundlich belächelt.

Immer wieder werden mir „Fakten“ präsentiert, die ich als Journalist kennen müsse, aber offenbar nicht verbreite, weil ich es nicht wolle oder nicht dürfe. Dass einige Thesen in den Medien nicht dargestellt werden – oder wenn, dann kritisch –, scheint Beleg genug, dass sie stimmen müssen. Forscher werden ins Feld geführt, die beim Rest der Wissenschaft für Kopfschütteln sorgen, weil ihre Aussagen falsch oder mindestens nicht belegbar sind.

Demonstranten sind enttäuscht von Medien

Dass Medien durchaus über Probleme rund um die Impfstoffe berichtet haben, überzeugt hier niemanden. Es werde nur das zugegeben, was nicht mehr zu verheimlichen sei. Dass alle anerkannten Wissenschaftler Impfungen als einzigen Weg aus der Pandemie sehen und die Krankheit wesentlich riskanter ist, passt für die Demonstrierenden auch perfekt ins Bild: Die öffentliche Meinung ist orchestriert. Genau deswegen sind sie ja hier: Weil ihre Meinung in der breiten Öffentlichkeit und „den Medien“ keine Resonanz findet. Diese betreiben „Gehirnwäsche“, „bewusste Desinformation“, „Fake News“ – kurzum: sie lügen. Eine besonders engagierte Demonstrantin berichtet von einer „Elite“, die in der Pandemie daran arbeite, die Grundbausteine der Gesellschaft zu zerstören. „Aber das dürfen Sie ja sicher wieder nicht schreiben.“

Die ordnungsgemäß angemeldeten Demonstrationen werden von der Polizei begleitet. Alle Demos verliefen friedlich, es kam nur zu kleineren Zwischenfällen und Ordnungswidrigkeiten, sagen Polizei und Stadt.

Auch sie möchte anonym bleiben, hat Angst um ihren Job beim Roten Kreuz. Um ihre Gesundheit oder das Corona-Virus macht sie sich keine Sorgen. Seit 2015 besuche sie Heilpraktiker, gebe 100 bis 150 Euro im Monat für Vitamine aus und sei gesund. Auch ihr Mann habe so den Krebs besiegt. Der sagt auf meine Frage, ob denn die Alternative zur Impfung sei, die Pandemie einfach laufen zu lassen „um zu sehen, wer durchkommt“, überraschend schnell und laut: Ja. Es sei fatal, sagt seine Frau noch, „in eine Pandemie hinein zu impfen“ – dann suche sich das Virus Ausweichmöglichkeiten, um zu überleben.

In den Virusvarianten sehen manche ein Ablenkungsmanöver, ein junger Mann bezeichnet die Mutationen als „ausgedacht“ und bezweifelt, dass es überhaupt möglich sei, Varianten zu bestimmen. Es werde zu vertuschen versucht, dass die Impfstoffe nicht wirken, sondern nur Schaden anrichten.

Erneut frage ich nach der Alternative zur Impfung: Es gebe ein Medikament, sagt der junge Mann. Das habe Donald Trump erhalten, als er US-Präsident war und an Covid-19 erkrankt. Das sei so wirksam, dass „Big Pharma“ kein Interesse an der Verbreitung habe. Auch diese These höre ich heute nicht zum ersten Mal. Mal gibt es zu viele Menschen auf der Welt, die Impfung solle die Weltbevölkerung reduzieren. Dann wieder gibt es zu viele gesunde Menschen auf der Welt, die Impfung soll krank machen, damit die Pharmaindustrie ihre Profite steigern kann.

Der „Solinger Widerstand“ hatte vor Jahresende in einer Presseerklärung mitgeteilt, dass es eigentlich einen sofortigen Stopp der Impfungen geben müsse – es gebe zu viele Tote und schwere Impfschäden.

Ob sich die Menschen diese Geschichten erzählen oder ob sie dieselben Videos und Postings in den sozialen Medien konsumieren und sich dann endgültig bestätigt fühlen, wenn sie aufeinandertreffen, ist eine Frage, die heute nicht beantwortet werden kann.

Immerhin scheint Solingen tatsächlich kein Problem mit einer Unterwanderung des Protests durch Rechtsextreme zu haben. Auch Gewalt ist kein Thema, bedroht fühle ich mich an diesem Abend mitten unter den Impfpflicht-Gegnern nie. Sie nehmen wohlwollend zur Kenntnis, dass jemand zuhört und das Gespräch sucht. Manche Nachfragen belächeln sie ungläubig – ich zöge die falschen Schlüsse oder wolle es nicht begreifen. Verständnisvoll werde ich, schon allein wegen meiner FFP2-Maske, „als Opfer“ von Panikmache und Desinformation gesehen.

Ich folge dem Demonstrationszug vom Rathaus bis zum Tageblatt-Haus an der Mummstraße. Demonstranten rufen dort „Lügenpresse, Lügenpresse“ – immerhin sind es nur wenige. Ich spreche zwei Jugendliche an, die ich zuvor schon auf einer kleinen Kundgebung pro Impfung vor dem Hofgarten gesehen habe. Warum so viele Menschen gegen das Impfen auf die Straße gehen, begreifen sie nicht. Das Mädchen ruft „Schämt euch, schämt euch“ in Richtung der Demo. Ich rate ihr davon ab. Die Protestierenden reagieren gelassen.

Dann, kurz aber heftig, beginnt es wieder zu regnen.

Zur Entstehung dieses Textes

Termin: Das ST plante, vor der Demo mit Melanie zu sprechen. Ob das ihr richtiger Name ist, wissen wir nicht, sie heißt so bei Telegram. Sie gehört zu den Organisatoren beim „Solinger Widerstand“ und wollte – mit „einem anderen netten Menschen aus der Bewegung“ – erläutern, warum sie und ihre Mitstreiter gegen die Impfpflicht demonstrieren. Sie schrieb, dass sie sich an der pauschalen Einordnung der Bewegung als „Impfgegner“ störe. Und dass die Menschen weder rechts noch links seien und nicht in politische Ecken gedrückt werden sollten.

Absage: Zum Gespräch kommt es nicht – die Gruppe stößt sich an einem „vorurteilsbehafteten“ Kommentar von ST-Chefredakteur Stefan Kob, der unter anderem den Namen „Solinger Widerstand“ kritisiert hatte (aufgrund von Parallelen zum Widerstand gegen das NS-Regime) sowie die geballten Fäuste im Logo. Die Veranstalter wollten sich der Presse gegenüber „daher erst einmal nicht äußern“. Wir werden ermuntert, mit Teilnehmern zu sprechen.

Vor Ort: Das ST hat sich in den Gesprächen offen zu erkennen gegeben, wie es journalistischer Standard ist. Eine von den Veranstaltern gewünschte Akkreditierung widerspricht dem Recht auf freie Berichterstattung bei einer öffentlichen Demonstration, wir sind dem Wunsch nicht nachgekommen.

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