Preisträgerinnen des Silbernen Schuhs

Darum haben sie den Verein Internationales Frauenzentrum gegründet

Susanne Koch (v. l.) , Haiat Chanfouh und Gisela Köller-Lesweng vom Vorstand des Internationalen Frauenzentrums.
+
Susanne Koch (v. l.) , Haiat Chanfouh und Gisela Köller-Lesweng vom Vorstand des Internationalen Frauenzentrums.

Der Verein Internationales Frauenzentrum setzt sich für die Rechte von Migrantinnen ein – und erhält dafür den Silbernen Schuh.

Von Kristin Dowe

Solingen. Die Liste der Erfahrungen, die Haiat Chanfouh im Laufe ihres Lebens mit Rassismus und Diskriminierung gemacht hat, ist lang. Als die quirlige Solingerin mit marokkanischen Wurzeln als Kind in der Nachbarschaft Hilden die Grundschule besuchte, durfte sie an so mancher Klassenfahrt nicht teilnehmen. Nicht, weil ihre Eltern es ihr verboten hätten, sondern weil diese damals die deutsche Sprache noch nicht ausreichend beherrschten, um die entsprechenden Formulare ausfüllen zu können. „Unterstützung von der Schule gab es damals nicht. Der Lehrer sagte dann: 'Haiat, du bleibst einfach zu Hause'.“ Sie erhielt eine Empfehlung für die Sonderschule, wo sie hoffnungslos unterfordert war. „Mein Traum war es immer, Designerin zu werden. Aber ohne Abitur geht das natürlich nicht.“ Negative Schlüsselerlebnisse wie diese hätten sie bewogen, das Internationale Frauenzentrum Solingen zu gründen.

„Ich wollte etwas verändern und mich für andere starkmachen“, sagt die ausgebildete Verkäuferin – und fand in der früheren Solinger Gleichstellungsbeauftragten Gisela Köller-Lesweng für die Idee eine begeisterte Mitstreiterin. „Bei einem Seminar, das wir gemeinsam besucht haben, waren viele Nationalitäten vertreten – ich war dort aber die einzige 'Bio-Deutsche' und Haiat die einzige Deutsche mit marokkanischem Hintergrund.“ Beide hätten an jenem Tag eine Abschottung der einzelnen Gruppen beobachtet. Als sie sich gemeinsam ein Zimmer teilten, kam die Idee auf, ein Angebot in Solingen speziell für Frauen aller Nationalitäten zu schaffen.

Und die wurde in die Tat umgesetzt. „Am 8. März 2008 wurden wir als Verein anerkannt“, blickt die heutige Vorsitzende Susanne Koch zurück. Seitdem ist viel ins Rollen gekommen. Mit dem Anspruch, Frauen aller Generationen und Kulturen in Solingen miteinander zu vernetzen und vor allem Migrantinnen bei Alltagsproblemen den Rücken zu stärken, haben die Mitglieder unter anderem das Projekt der „Stadtteilfrauen“ ins Leben gerufen. Dies sind Frauen, die in den Solinger Stadtteilen als Ansprechpartnerinnen für unterschiedlichste Anliegen präsent sind – egal, ob es um einen Kindergartenplatz, Verständnisschwierigkeiten bei behördlichen Angelegenheiten oder auch häusliche Gewalt geht. Für die Stadtteilfrauen bietet der Verein regelmäßig Aus- und Fortbildungen an, so dass sie ihre Expertise an andere Frauen weitergeben können.

„Auch wir Deutsche haben ja öfters mal Probleme, gewisse Schreiben von Ämtern zu verstehen“, gibt Gisela Köller-Lesweng gerne zu. „Man kann sich vorstellen, wie schwierig das für Menschen sein kann, die eine Sprachbarriere haben.“ Die Erfahrung der Frauen zeige regelmäßig, dass in puncto Gleichberechtigung von Migrantinnen und Migranten noch viel Aufklärungsarbeit erforderlich ist.

„Wir erleben es häufiger, dass Frauen mit Migrationshintergrund besonders von gebildeten Männern herablassend behandelt werden“, kritisiert Gisela Köller-Lesweng – sie könne zahllose Beispiele dafür nennen. Etwa, wenn ein Vorfall häuslicher Gewalt von der Polizei heruntergespielt werde, „weil Gewalt gegen Frauen in bestimmten Kulturen ja angeblich normal ist“. Oder wenn eine ausländische Mutter beim Elternabend vor allen Leuten gefragt wird, ob man ihr das Gesagte noch mal „in einfacher Sprache“ erklären solle, wie es Haiat Chanfouh auch schon passiert ist. „Ich bin in Deutschland geboren. Da fehlten mir wirklich die Worte!“ Keineswegs wolle sie alle Menschen über einen Kamm scheren. Doch solche Erlebnisse blieben eben im Gedächtnis. „Ausgrenzung ist immer noch ein Problem.“

Frauen sehen noch viel Reformbedarf

Bei behördlichen Angelegenheiten wünscht sich Gisela Köller-Lesweng zum einen gesetzliche Reformen und zum anderen manchmal ein etwas kulanteres Vorgehen der Behörden, wenn ihr Handlungsspielraum es erlaubt. Beispiel: „Wenn man in Deutschland als Ausländer irgendwelche Papiere beantragen will, muss man seine Geburtsurkunde vorlegen. Das ist vielen Menschen aber gar nicht möglich, wenn sie plötzlich aus einem Kriegsland flüchten mussten.“ Auch aufgrund solcher Missstände sehen die Frauen es als Erfolg, dass der Verein heute im Zuwanderer- und Integrationsrat vertreten ist.

Am Donnerstag, 17. November, erhält das Internationale Frauenzentrum den Silbernen Schuh bei der Demokratiekonferenz. Als Auszeichnung für seine Verdienste um Gleichstellung und Integration.

Verein

Das Internationale Frauenzentrum wurde am 8. März 2008 gegründet – circa 40 Frauen wirken an der Arbeit mit. Der Verein sucht jederzeit Verstärkung: Kontakt:

ifz.solingen@gmx.de

ifz-solingen.de

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Modehaus Schlemper in Ohligs schließt
Modehaus Schlemper in Ohligs schließt
Modehaus Schlemper in Ohligs schließt
Der Weyersberg birgt Brisanz
Der Weyersberg birgt Brisanz
Der Weyersberg birgt Brisanz
Pro Jahr entstehen in Solingen 400 Wohnungen
Pro Jahr entstehen in Solingen 400 Wohnungen
Pro Jahr entstehen in Solingen 400 Wohnungen
Fiebersäfte und andere Arzneimittel sind Mangelware
Fiebersäfte und andere Arzneimittel sind Mangelware
Fiebersäfte und andere Arzneimittel sind Mangelware

Kommentare