Verwaltung hat Genesene befragt

Viele in Solingen kämpfen mit Corona-Langzeitfolgen

Aktuelle gesundheitliche Situationen der Solinger Covid-19-Genesenen.
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Aktuelle gesundheitliche Situationen der Solinger Covid-19-Genesenen.

Unterstützung für Betroffene von Long Covid gefordert.

Solingen. Rund elf Prozent der Solinger Covid-19-Genesenen haben nach ihrer Erkrankung mit physischen Auswirkungen zu kämpfen. Bei 14,4 Prozent sind die Effekte psychischer Natur. Das zeigt eine Auswertung des Stadtdienstes Gesundheit und der Statistikstelle, die in dieser Woche dem Gesundheitsausschuss vorgelegt wurde. Aus dem Bericht erwächst die Forderung nach mehr Angeboten für Corona-Langzeitfolgen.

Im Mai und Juni hat die Verwaltung allen Solingerinnen und Solingern, die zu diesem Zeitpunkt eine Corona-Infektion überstanden hatten, ihren Erkrankungsnachweis zugestellt. Das Schreiben enthielt auch einen zweiseitigen Fragebogen. Auf diesem Weg wollten die Verantwortlichen Erkenntnisse über die Langzeitfolgen einer Covid-19-Erkrankung gewinnen. Von den rund 9000 Betroffenen beteiligte sich etwa ein Drittel an der freiwilligen, anonymen Befragung. Laut Angaben der Statistikstelle ist davon auszugehen, dass die Teilnehmenden „eine repräsentative Auswahl aller Infizierten darstellen“.

Die Ergebnisse zeigen, dass zahlreiche infizierte Solinger körperliche oder seelische Folgen an sich selbst feststellten. So gaben beispielsweise 30,2 Prozent an, kleinste Aktivitäten wie ein Stockwerk Treppensteigen oder Anziehen strenge sie noch an. 14,6 Prozent fühlten sich „niedergeschlagen, traurig und hoffnungslos“. In welchem Abstand zur Infektion die beschriebenen Auswirkungen auftreten, werde derzeit noch ausgewertet, heißt es auf Nachfrage aus dem Rathaus.

Neben Long-Covid-Ambulanzen muss es für Erkrankte weitere Angebote geben

Die Statistiker betonen, dass es keine Kontrollgruppe gab. Deshalb sei nicht auszuschließen, dass Belastungen wie Kontaktbeschränkungen, Homeschooling oder andere Faktoren das Wohlbefinden beeinträchtigt haben. Mit Blick auf die fünf Prozent, die fortwährend an Covid-19-Symptomen litten, heißt es: „Inwieweit dies auch auf eine möglicherweise andere akute Erkrankung zurückzuführen ist, bleibt unklar.“

Als „alarmierendes Indiz für psychische Folgen einer Covid-19-Erkrankung“ nennt der Bericht Angst- und Panikattacken. 9,8 Prozent der Befragten gaben an, darunter zu leiden. Zum Vergleich: Der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zufolge haben zwei Prozent der Bevölkerung Panikstörungen. Die Solinger Stichprobe liegt deutliche über diesem Wert.

Es kann zum jetzigen Zeitpunkt sicher festgestellt werden, dass Covid-19 Folgen für viele Erkrankte hat.

Fazit des Stadtdienstes Gesundheit und der Statistikstelle

Für die Macher sprechen die Ergebnisse eine eindeutige Sprache: „Es kann zum jetzigen Zeitpunkt sicher festgestellt werden, dass Covid-19 Folgen für viele Erkrankte hat – und es werden jeden Tag mehr Erkrankte.“ Daher seien Angebote nötig. Dabei gehe es nicht allein um Long-Covid-Ambulanzen. Vielmehr gelte es, zusätzlich zu überlegen, „welche Angebote bei Reha-Maßnahmen, Bewegungsförderung oder Unterstützung für das seelische Wohlbefinden entwickelt werden“.

Die Untersuchung nimmt auch in den Blick, wie es den Betroffenen während der Infektion ergangen ist. 61,2 Prozent erklärten, bis zu zwei Wochen erkrankt gewesen zu sein. Bei 24,4 Prozent dauerte die Erkrankung bis zu drei Wochen, bei 9,1 bis zu vier. 5,3 Prozent nannten einen Wert von über einem Monat.

„Mit der Schwere geht oftmals auch eine Verlängerung der Erkrankung einher“, heißt es in dem Bericht. 272 Befragte gaben an, einen schweren Verlauf erlebt zu haben. Von dieser Gruppe wurden knapp 45 Prozent im Krankenhaus behandelt. Mit Blick auf alle Infizierten in der Klingenstadt lag die Hospitalisierungsquote zum Erhebungszeitpunkt Anfang Juni bei 8,8 Prozent.

Ein Fünftel der Befragten empfand die Erkrankung schlimmer als erwartet.

Infektionszahlen

Seit Beginn der Pandemie wurden in der Klingenstadt bisher 10 685 bestätigte Corona-Fälle gemeldet. Während der ersten Infektionswelle (März bis Juni 2020) lag die Zahl bei 293. Die zweite Welle war um ein Vielfaches stärker: Von September 2020 bis Februar 2021 steckten sich rund 5400 Solingerinnen und Solinger mit dem Coronavirus an. Zwischen Ende Februar und Mitte Mai dieses Jahres (dritte Welle) wurden etwa 2800 bestätigte Fälle registriert. Seit Mitte Juli läuft die vierte Infektionswelle. Diese sei trotz sinkender Zahlen noch nicht gebrochen, heißt es aus dem Rathaus.

Standpunkt: Daten bringen Klarheit

Kommentar von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@ solinger-tageblatt.de

Als die Corona-Pandemie über Deutschland hereinbrach, wurde das Virus häufig mit dem Attribut „neuartig“ beschrieben. Mehr als eineinhalb Jahre später gehört diese Zuschreibung längst der Vergangenheit an. Begriffe wie Aerosole, Antikörper und Inkubationszeit sind inzwischen den meisten bekannt. Nichtsdestotrotz bleiben Aspekte, auf die die Wissenschaft noch keine abschließende Antwort hat. Das betrifft beispielsweise die Frage, was neben den bekannten Risikofaktoren begünstigt, dass manche Menschen schwer erkranken, während andere einen Verlauf ohne Symptome erleben. Auch die Corona-Langzeitfolgen gehören zu den Unbekannten. Bei wem treten sie auf? Wie lange halten sie an? Wie sieht eine angemessene Therapie aus? Mit ihrer Befragung versucht die Stadt, das Problem in Solingen zu erfassen. Das ist ein wichtiger Schritt, die Daten können Klarheit bringen und als Grundlage für zukünftige Entscheidungen dienen. Denn sollte sich ein langfristiger Bedarf für die Therapie von Corona-Spätfolgen herausstellen, müssen hier vor Ort die nötigen Strukturen für Betroffene geschaffen werden.

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