Pandemie

Long Covid – der lange Weg zurück in ein normales Leben

Covid-19 erwischte Lutz Eickholz im Oktober schwer. Noch immer kämpft der 33-jährige Rettungssanitäter mit den Folgen. Foto: Christian Beier
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Covid-19 erwischte Lutz Eickholz im Oktober schwer. Noch immer kämpft der 33-jährige Rettungssanitäter mit den Folgen.

Rund zehn Prozent aller Corona-Patienten haben mit Langzeitfolgen zu kämpfen – zwei Betroffene berichten.

Solingen. Das Weihnachtsfest 2020 wird Dr. Ulrich Bock wohl niemals vergessen. Die Feiertage verbrachte der Neurologe nicht mit seiner Familie, sondern im Krankenhaus Bethanien – als Patient. Mitte Dezember hatte er sich mit Sars-CoV-2 angesteckt. Nach mehr als zwei Wochen mit Fieber, Atemnot, Hustenanfällen und einem Gewichtsverlust von zehn Kilogramm erreichte die Infektion Heiligabend ihren Höhepunkt. „Ich wusste nicht, wie es mit mir weitergeht“, blickt der 54-Jährige zurück. Er kriegte die Kurve. Ab dem 27. Dezember verbesserte sich sein Gesundheitszustand spürbar. Vier Monate ist das her. Doch noch immer hat er mit den Folgen seiner Erkrankung zu kämpfen.

„Ich wusste nicht, wie es mit mir weitergeht.“

Dr. Ulrich Bock über seine Corona-Infektion

Ulrich Bock geht es wie etwa zehn Prozent der Corona-Erkrankten. So hoch schätzt Prof. Winfried Randerath den Anteil derjenigen ein, die nach einer Infektion mit Langzeitfolgen zu kämpfen haben. Long Covid wird dieses Phänomen genannt. „Wir wissen noch sehr wenig darüber“, erklärt der Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien. Betroffen seien eher Personen unter 60 Jahren. Nicht immer erlebten sie einen schweren Krankheitsverlauf. Die meisten hatten jedoch merkliche Symptome.

„Ich kenne Patienten, die im Sommer 2020 erkrankt waren und sich noch immer nicht vollständig erholt haben“, sagt Randerath. Viele klagen über Luftnot, Leistungsminderung, Schwäche und Abgeschlagenheit. In manchen Fällen sind körperliche Auslöser festzustellen, zum Beispiel Schäden an Lunge, Nervensystem oder Herz. Häufig sei jedoch keine organische Ursache zu finden.

Die geschilderten Symptome entsprechen dem, was Ulrich Bock erlebt hat. Nach elf Tagen, drei davon in seiner Heimat Krefeld, konnte er das Krankenhaus verlassen. An seinen Klinikaufenthalt denkt er ungern zurück. „Teilweise reichte meine Kraft nicht zum Zähneputzen“, erinnert er sich. Probleme mit seiner Diabetes, aussetzende Nierenfunktion und die Situation auf der Station machten ihm zu schaffen: „Sie liegen dort völlig isoliert, können sich noch nicht einmal die Namen der Ärzte und Pfleger merken.“

Dr. Ulrich Bock arbeitet als Neurologe im Städtischen Klinikum Solingen.

Bis heute spielt sein Gedächtnis dem 54-jährigen Familienvater immer wieder Streiche. Es fällt ihm schwer, sich Details zu merken. Hinzu kommt Müdigkeit. Früher kam Bock mit sechs, sieben Stunden Schlaf aus – heute benötigt er zehn. Auch Schwierigkeiten bei der Konzentration gehören zu den Symptomen, die sich unter den Begriff Fatigue subsumieren lassen. Nicht mehr so zu können wie früher, sei schwierig auszuhalten.

Vor seiner Erkrankung legte Ulrich Bock fast täglich 10 bis 30 Kilometer mit seinem Mountainbike zurück. Nach der Infektion reichte seine Kraft gerade einmal für zehn Treppenstufen, beim Schuhebinden bekam er Schwindel- und Hustenanfälle. Diese Beschwerden sind weitestgehend Geschichte. Inzwischen fährt Ulrich Bock wieder Mountainbike. Doch Fatigue-Symptome begleiten ihn weiterhin.

Er ist bei einem Lungenarzt in Behandlung, nimmt an einer Long-Covid-Studie teil. Nach fünf Wochen Auszeit kehrte er an seinen Arbeitsplatz im Städtischen Klinikum zurück, wenn auch mit reduzierter Stundenzahl. Bock hofft, bald zu vollständiger Normalität zurückzukehren. „Ich habe die ewigen Arztbesuche satt“, sagt der Mediziner schmunzelnd.

Solingen: Wo sie sich mit dem Coronavirus angesteckt haben, wissen Bock und Eickholz nicht

Er entschied sich gegen eine Reha. Eine solche Maßnahme sei bei vielen Long-Covid-Patienten das Mittel der Wahl, weiß Winfried Randerath. Neben körperlichem Training sei auch psychosomatische Begleitung ein wichtiger Faktor. „Es nagt an den Menschen, wenn sie so eine schwere Erkrankung durchgemacht haben“, erläutert der Chefarzt.

Diese Erfahrung hat Lutz Eickholz gemacht. Am 5. Oktober setzte bei ihm Fieber ein. Ein Test brachte Gewissheit: Covid-19. Als die Atemnot so stark war, dass der 33-Jährige auf dem Weg vom Schlaf- ins Badezimmer Pausen einlegen musste, wurde er für einige Tage stationär in Bethanien behandelt. Nachdem er sich zu Hause auskuriert hatte, konnte er seinen Job als Rettungssanitäter wieder aufnehmen.

„Das fiel mir schwer“, erzählt der Solinger. Doch er biss auf die Zähne. Bis er sich Mitte Dezember einen harmlosen grippalen Infekt einfing. „Danach habe ich es kaum noch zu den Patienten geschafft.“ Eickholz wurde aus dem Verkehr gezogen, machte eine fünfwöchige Reha. Bis heute nimmt er an ambulanten Angeboten teil.

Noch immer kann der Familienvater schlecht Treppen laufen. Die Atemnot sei jedoch inzwischen weniger präsent. Dafür werden andere Probleme deutlicher: Konzentrations-, Gleichgewichts- und Wortfindungsstörungen. Zahlen und Namen kann er sich schlecht merken. „Es ist ätzend, wie viel ich mir aufschreiben muss.“ Die Unzufriedenheit über seinen Zustand ist vor allem zu Beginn in eine Depression umgeschlagen. Dünnhäutig sei er geworden. „Mein emotionaler Filter funktioniert nicht mehr.“

Ulrich Bock und Lutz Eickholz eint nicht nur ihr Job im Gesundheitswesen. Beide wissen zudem nicht, wo sie sich angesteckt haben. Eine Infektion im Privatleben halten sie für unwahrscheinlich. „Ich hatte jeden Tag Kontakt zu Covid-19-Patienten“, sagt der Neurologe. Eickholz behandelte Corona-Infizierte zu Hause oder brachte sie in die Klinik.

Und doch unterscheiden sich ihre Geschichten. Während Bock wieder seiner Profession nachgeht, ist Eickholz weiter krankgeschrieben. Er zweifelt, je wieder in seinem Beruf arbeiten zu können. Das Problem seien die Belastungsspitzen. Auch nach einem Sprint in die dritte Etage muss er sofort einsatzbereit sein. Dass er derzeit für seine fünfköpfige Familie ein Haus baut, mache die Situation nicht einfacher. Sein berufsbegleitendes Studium in Katastrophenmanagement könnte ein Ausweg sein.

Lutz Eickholz beobachtet, dass es in den aktuellen Diskussionen häufig um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie geht. Ein Aspekt kommt ihm dabei zu kurz. „Was ist mit der Existenz von Menschen im Gesundheitswesen, die nach einer Corona-Infektion vielleicht nie wieder in ihrem Job arbeiten können?“

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Solingen. Der Blog wird laufend aktualisiert.

Fatigue

Bei Fatigue handelt es sich um eine Folge schwerer Krankheiten. Betroffene klagen über einen körperlichen, geistigen und seelischen Erschöpfungszustand. Auch nach Virusinfektionen wie Covid-19 kann Fatigue auftreten. „Die Ursachen sind nicht gut verstanden, aber meistens ist es nicht das Virus selbst, sondern wahrscheinlich das Immunsystem, das nach der Infektion noch nicht wieder zur Ruhe gekommen ist“, schreibt die Berliner Charité.

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