Pandemie

Corona-Zahlen bereiten große Sorgen

Dr. Annette Heibges bei einer Corona-Pressekonferenz im März zu Beginn der Pandemie. Sie appelliert an die Solinger, weiterhin verantwortungsbewusst mit der Krise umzugehen. Archivfoto: Christian Beier
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Dr. Annette Heibges bei einer Corona-Pressekonferenz im März zu Beginn der Pandemie. Sie appelliert an die Solinger, weiterhin verantwortungsbewusst mit der Krise umzugehen.

Dr. Annette Heibges, Leiterin des Gesundheitsamts, fordert Disziplin und erklärt das Quarantäne-Verfahren.

  • Am Wochenende gab es in Solingen zehn Neuinfektionen mit dem Coronavirus.
  • Es gibt nicht nur eine Ursache für die steigenden Zahlen, sondern viele.
  • So ist es schwierig, gezielte Maßnahmen einzuleiten.

Von Björn Boch

Solingen. Die derzeit wieder steigenden Zahlen bei den Corona-Infektionen sieht Dr. Annette Heibges mit großer Sorge. Die Lage in der Klingenstadt sei zwar nicht dramatischer als in anderen Städten, die Fallzahlen müssten sich aber rasch wieder normalisieren, sagte die Leiterin des Solinger Gesundheitsamtes im Gespräch mit unserer Redaktion.

Was sie besonders umtreibt: Es gibt nicht nur eine Ursache für die steigenden Zahlen, sondern viele. „Bei großen Ausbrüchen, zum Beispiel bei der Firma Tönnies, kennt man die Quelle und kann gezielt Maßnahmen einleiten. Bei vielen einzelnen Geschehen ist das wesentlich schwieriger. Man weiß nicht, wo der nächste Fall herkommt.“

Deshalb sei es so wichtig, die Kontaktpersonen von Infizierten schnell zu ermitteln – und in Quarantäne zu schicken. „Da sind wir kompromisslos“, betont Heibges. Auch bei negativen Tests bleiben 14 Tage Quarantäne Pflicht – zur Sicherheit. Betroffene werden in dieser Zeit mehrfach getestet. Denn der erste Test sage nicht viel darüber aus, ob die konkrete Person infiziert sei – das hängt mit der bis zu zweiwöchigen Inkubationszeit zusammen.

„Der erste Test ist trotzdem ganz wichtig, weniger für die konkrete Kontaktperson, sondern für das Ausbruchsgeschehen“, erklärt Annette Heibges. Der Test zeige, was zum Beispiel im betroffenen Bekanntenkreis oder einem Betrieb los sei. „Wenn wir schon in einem Ausbruchsgeschehen sind, dann müssen wir ganz andere Hygienemaßnahmen anordnen als bei einem Einzelfall.“

Ein weiterer Test nach sieben oder acht Tagen erhöhe dann die Wahrscheinlichkeit, das Virus zu entdecken, sofern sich die Person infiziert hat. „Wir erklären das Verfahren auch und rufen die Menschen in Quarantäne 14 Tage lang täglich an“, berichtet Heibges. Natürlich gebe es vereinzelt uneinsichtige Personen. Deshalb überprüfe das Ordnungsamt in manchen Fällen die Einhaltung der Quarantäne. Das habe aber immer ausgereicht, weitere Schritte oder Strafen seien nicht notwendig gewesen.

Das Gesundheitsamt melde Infektionsquellen an das Land, einen eindeutigen Trend gebe es derzeit nicht. Es gebe die Rückkehrer aus Risikogebieten, dazu kämen Hochzeiten, die gar nicht unbedingt in Solingen stattfinden, deren Teilnehmer das Virus aber in die Stadt brächten. Und dann seien es auch ganz normale Familienzusammenkünfte, absolut legitim und in Einklang mit der derzeit gültigen Corona-Schutzverordnung.

„Die Risikobereitschaft nimmt zu, die Testbereitschaft lässt ein wenig nach.“
Dr. Annette Heibges, Leiterin des Solinger Gesundheitsamts

„Es ist ein bewusster Paradigmenwechsel vollzogen worden nach den ersten, strengen Einschränkungen. Es gibt keine harten Vorgaben mehr, deswegen muss jeder selbst verantwortungsvoll handeln“, so Heibges. Die Landesverordnung möchte sie nicht bewerten, weist aber darauf hin, dass gehandelt werde, sobald bestimmte Trends erkennbar seien. „Wenn erkennbar ist, dass Familienfeiern ein großes Problem sind, muss man reagieren. So, wie es jetzt bei Rückkehrern aus Risikogebieten geschieht“, berichtet Heibges.

Sie appelliert an die Eigenverantwortung und gibt Tipps, wie das Risiko zum Beispiel im Familienkreis reduziert werden kann. „Das beginnt schon bei der Frage, wie viele Personen eingeladen werden. Kann die Feier vielleicht ein wenig kleiner ausfallen? Kann sie draußen stattfinden? Das reduziert das Risiko erheblich.“

Definitiv zu Hause bleiben müsse ein Gast, der sich nicht ganz gesund fühle – das gelte aber für jegliche Treffen, für Feiern und auch für den Arbeitsplatz. Und bei typischen Symptomen sollte in Rücksprache mit dem Hausarzt ein Test veranlasst werden.

„Die Risikobereitschaft nimmt zu, die Testbereitschaft lässt ein wenig nach“, sorgt sich Annette Heibges. Die Abstands- und Hygieneregeln sowie die Schutzfunktion der Masken würden von einigen offenbar als nicht mehr so wichtig empfunden. Ein Fehler, betont Heibges: „Bis wir einen Impfstoff haben, müssen wir uns mit diesen Regeln arrangieren.“

Prof. Dr. Windfried Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien hatte im Interview Anfang Januar weiter dringend zur Wachsamkeit geraten. Er sieht die Gefahr einer neuen Welle.

Personal, neue Stellen und Reihentests

Personal: 34 Menschen sind aufgrund der steigenden Zahlen derzeit im Gesundheitsamt ausschließlich mit Corona beschäftigt – das Personal wurde in jüngster Zeit wieder kräftig aufgestockt, berichtet Annette Heibges. Die Ausleihe aus anderen Stadtdiensten funktioniere schnell und unkompliziert, ebenso schnell seien die Kollegen wieder eingearbeitet.

Neue Stellen: 17 neue Stellen werden derzeit für das Gesundheitsamt ausgeschrieben, um eine dauerhafte Rückverfolgung der Infektionsketten sicherzustellen. Im Ernstfall müssen Mitarbeiter 24 Stunden am Tag an sieben Tagen in der Woche einsatzbereit sein – und die Mitarbeiter der Verwaltung werden für ihre eigentlichen Aufgaben gebraucht.

Reihentests: Die Reihentestungen von rund 4000 Personen in den Solinger Altenheimen für eine Studie laufen laut Gesundheitsamt planmäßig. „Uns fällt allerdings auf, dass bei der freiwilligen Aktion die Bereitschaft zur Teilnahme nicht mehr ganz so hoch ist. Das werden wir uns in den nächsten Tagen und Wochen mal genauer ansehen“, so Heibges.

Standpunkt: Die Pflicht des Einzelnen

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Björn Boch

Würden Sie im Brückenpark spazieren gehen, wenn bekannt wäre, dass die Müngstener Brücke einsturzgefährdet ist? Sicher nicht. Und würden Sie dort spazieren gehen, wenn die Einsturzgefahr zwar seit Monaten bekannt wäre, sich aber an der Lage nichts geändert hat? Sicher auch nicht. Bei Corona verhält es sich nicht anders: Die Bedrohung ist seit Monaten da, aber die Gefahr ist nicht kleiner geworden. Mit Maske und Abstand scheinen immerhin Mittel gefunden zu sein, so etwas wie Alltag zu ermöglichen. Dennoch bemerken die Verantwortlichen im Gesundheitsamt, dass bei manchen ein Spaziergang unter der Brücke – sprich: Aktivitäten ohne Maske und Abstand – wieder zur Option wird. Klar, das Land hat einige Regeln sehr gelockert, unter anderem für Hochzeiten und Familienfeiern. 

Umso mehr aber ist jeder Einzelne in der Pflicht, das Risiko so weit nur irgend möglich zu reduzieren. Gelingt das nicht, wird bald nicht mehr viel möglich sein – Maske hin, Abstand her. Dann wird die ganze Stadt wieder heruntergefahren. Noch einmal so starke Einschränkungen wie vor einigen Monaten werden viele aber nicht verkraften. 

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