Lockdown

Corona: Wirtschaft verärgert, Kirche wartet

Im Rathaus wartet man, wie das Land die neue Corona-Schutzverordnung gestaltet. Am Donnerstag tagt wieder der Krisenstab. Foto: Christian Beier
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Im Rathaus wartet man, wie das Land die neue Corona-Schutzverordnung gestaltet. Am Donnerstag tagt wieder der Krisenstab.

Die IHK ist fassungslos angesichts der Beschlüsse – Planungen für Gottesdienste wurden vorerst gestoppt.

Solingen. Die Bergische Industrie- und Handelskammer (IHK) reagiert mit deutlichen Worten auf die neuen Einschränkungen, die nach den Bund-Länder-Beratungen von Montagnacht auch in Solingen und dem Bergischen zu erwarten sind. „Ich bin fassungslos. Seit über einem Jahr haben wir eine Pandemie. Und für die Politik scheint es immer noch keine anderen Maßnahmen zu geben, als Unternehmen erneut dichtzumachen und das Land in den Dauer-Lockdown zu zwingen“, erklärt Michael Wenge, Hauptgeschäftsführer der Bergischen IHK. „Und am Ostersamstag treffen sich nach einem extra Ruhetag alle Kaufwilligen im Lebensmitteleinzelhandel. Wo ist da die Logik?“

Über Ostern soll Einkaufen nur am Karsamstag möglich sein. Darin – wie in den Schließungen generell – sieht die IHK keine Logik.

Die regionale Wirtschaft habe seit Beginn der Pandemie vielfältige Anstrengungen zum Einhalten von Hygiene- und Abstandsregeln unternommen und sei kein Treiber des Ansteckungsgeschehens, so Wenge. Viele Unternehmen seien bereit, mit Selbst- und Schnelltests für die Belegschaft einen weiteren Beitrag zur Verhinderung von Infektionen zu leisten. Wenge fordert daher eine Strategie mit mehr Impfungen und Tests sowie digitalen Hilfsmitteln zur Nachverfolgung. „Das wäre wesentlich zielführender und effektiver als der aktuelle Dauer-Lockdown, der zahlreiche Unternehmen in die Knie zwingen wird“, so Wenge.

Die Städte können auf Empfehlungen keine Strategie aufbauen.

Lutz Peters, Stadtsprecher

Doch wie werden die Vorgaben auf kommunaler Ebene umgesetzt? Dazu gab es am Dienstag von der Stadtverwaltung noch keine Entscheidungen. Die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz hätten stets nur empfehlenden Charakter. „Die Städte können auf Empfehlungen keine Strategie aufbauen. Sie müssen abwarten, was die Länder davon für sich umsetzen und in Gesetzesform fassen“, teilte Stadtsprecher Lutz Peters mit. Die nächste Corona-Schutzverordnung des Landes wird derzeit erarbeitet und soll am Montag in Kraft treten. Klar scheint: Angesichts der steigenden Inzidenz auch in NRW (Dienstag 109,2) werden die Lockerungen vom 8. März rückgängig gemacht. Der Handel muss wieder schließen, ebenso zum Beispiel Museen und Tierparks.

Nach nur drei Wochen Öffnung mit aufwendigem Konzept muss wohl auch die Fauna ab Montag wieder schließen.

Weitergehende Einschränkungen waren im Solinger Krisenstab am Dienstag kein Thema. Am Donnerstagmorgen tagt der Stab erneut – es bleibe abzuwarten, ob dann nähere Informationen vom Land NRW erfolgt seien, heißt es aus dem Rathaus.

Klar scheint auch: Bei den Solinger Schulen wird es bis zu den Osterferien keine Veränderung mehr geben. Wuppertal, das eine höhere Inzidenz als Solingen hat (Dienstag 164,2), schloss die weiterführenden Schulen. Remscheid (Inzidenz von 171,5) hat auf diese Maßnahme verzichtet.

Überrascht zeigten sich am Dienstag die Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen. Bis Montagabend – also bis kurz vor der nächtlichen Erklärung der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten – hätten sich mehrere Gemeinden auf Präsenzveranstaltungen am Osterwochenende vorbereitet, berichtet der Sprecher des Evangelischen Kirchenkreises, Pfarrer Thomas Förster. Vor allem in Wald und Ketzberg seien Präsenzgottesdienste geplant gewesen. Andere Gemeinden hatten laut Förster einen Mix aus digitalen Gottesdiensten und coronagemäßen Gottesdienst- oder Andachtsformaten angepeilt.

Klarheit in der evangelischen Kirche Merscheid: Hier waren nur Online-Gottesdienste geplant. Andere Gemeinden warten ab.

Dann kam die Nacht mit dem Beschluss der Bund-Länder-Konferenz, der alle Planungen infrage stellt. Alle warten nun auf die Erklärungen der Landesregierung gegenüber der Evangelischen Landeskirche. Auf deren Basis werden die Presbyterien das Ostergottesdienst-Programm für ihre Gemeinden festlegen. Die Entscheidungen werden laut Förster in dieser Woche fallen. Klarheit gebe es nur in Merscheid und Rupelrath. Dort waren von vorn herein nur Online-Gottesdienste geplant.

Auch in den katholischen Gemeinden wartet man laut Stadtdechant Michael Mohr auf die Ansagen des Landes gegenüber dem Erzbistum. Wenn man sich auf dieser Ebene auf einen Verzicht verständige, werde man dies in Solingen natürlich nicht unterlaufen, erklärt er. Eine Alternative zu einem Gottesdienstverzicht sieht Mohr aber auch in noch einmal strengeren Hygienekonzepten. Gestoppt haben die katholischen Gemeinden auf jeden Fall vorerst das Anmeldeverfahren für die Ostergottesdienste. Dies sollte eigentlich am Dienstag im Internet freigeschaltet werden.

In unserem Blog finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen.

Fauna

Die Verantwortlichen im Tierpark Fauna verweisen auf das „außerordentlich niedrige“ Infektionsrisiko bei einem Zoo- oder Tierparkbesuch. Die Öffnung am 11. März sei für den ehrenamtlichen Vorstand „ein nicht zu unterschätzender Kraftakt“ gewesen, vor allem mit Blick auf das Buchungssystem. Im gesamten Park wiesen Schilder auf Abstand und Maskenempfehlung hin, die Zahl der Besucher sei stark begrenzt worden. Gemeinsam mit der Deutschen Tierpark-Gesellschaft fordert die Fauna, Zoos offen zu halten.

Standpunkt

Kommentar von Björn Boch

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Diese letzten Märztage könnten in die Corona-Chroniken als jene Tage eingehen, in denen die Stimmung endgültig kippte. Seit geraumer Zeit ist die Frustration in Solingen mit Händen zu greifen. In Gesprächen am Dienstag brach sie sich aber so deutlich wie nie Bahn. Selbst bei ganz Besonnenen, die fast jede Maßnahme in der Pandemie akzeptieren, bröckelt die Überzeugung. Zu seltsam sind die Ergebnisse der Beratungen von Bund und Ländern. Dabei war abzusehen, was angesichts schnell steigender Zahlen jetzt passiert und – Stichwort „Notbremse“ – auch verabredet war. Die Lockerungen von Anfang März sollten von den Säulen „Impfen“ und „Testen“ getragen werden, beide sind aber zu instabil. Impfstoff bleibt knapp und die ersten Discounter melden für Selbsttests: ausverkauft. Immerhin scheint es genug kostenlose „Bürgertests“ unter Aufsicht zu geben. Regelmäßig und flächendeckend getestet, sei es in Kita, Schule oder Betrieb, wird aber kaum. Klar, die steigenden Zahlen haben auch Gründe, die niemand zu verantworten hat, Mutationen etwa. Derzeit scheint die einzige Hoffnung auf schnelle Besserung aber ebenfalls auf etwas zu ruhen, das sich menschlichem Wirken entzieht: dem Wetter. 2020 konnte nach der ersten Welle bereits Ende April wieder gelockert werden. Und im Sommer hatte Solingen Inzidenzen weit unter 35.

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