7-Tage-Inzidenz kratz an der 100

Fast alle Covid-Patienten im Krankenhaus sind ungeimpft

Waren die Impfungen Anfang des Jahres heiß begehrt, so wird es immer schwieriger, Impfwillige zu finden. Archivfoto: Christian Beier
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Waren die Impfungen Anfang des Jahres heiß begehrt, so wird es immer schwieriger, Impfwillige zu finden. Archivfoto: Christian Beier

Jüngere immer wieder von schweren Verläufen betroffen – Kinderärzte sehen Impfung an Schulen kritisch

Solingen. Mit 250 aktuell Infizierten und einer Inzidenz von 99,8 am Donnerstag ist Solingen nach wie vor unter den traurigen Spitzenreitern der Statistik. Nachbarstädte wie Leverkusen (124,6) oder Wuppertal (121,9) liegen sogar noch höhrer. Auch in Düsseldorf (90,9), Remscheid (85,3) und dem Kreis Mettmann (77,8) steigen die Zahlen.

Was sind die Gründe für wieder steigende Infektionszahlen?

„Derzeit stehen die meisten Infektionen zunächst im Zusammenhang mit Reiserückkehrern, an zweiter Stelle sind es die teils zahlreichen privaten Kontakte der Menschen“, so Stadtsprecher Thomas Kraft.

619 Menschen sind in Quarantäne, die Reiserückkehrer-Quarantänen noch nicht mitgerechnet. Wie gestaltet sich die Nachverfolgung?

Die Stadt beobachtet, dass das vorher umsichtige Verhalten der Menschen nachlässt. „Zum anderen ist leider auch die Kooperationsbereitschaft sehr niedrig. Das ist womöglich Ausdruck der Corona-Müdigkeit“, befürchtet Thomas Kraft.

Wie entwickelt sich die Lage in den Krankenhäusern?

In Bethanien, wo seit Beginn der Pandemie die meisten Covid-19-Patienten behandelt werden, sind aktuell 19 Infizierte stationär in Behandlung. „Davon müssen acht Patienten intensivmedizinisch behandelt werden“, sagt Chefarzt Prof. Dr. Winfried Randerath. Im Klinikum Solingen sind aktuell drei Covid-19-Patienten in Behandlung auf der Normalstation, die St. Lukas Klinik hat derzeit keine Covid-Patienten.

„Teilweise sind Patienten auch schon sehr lange auf der Intensivstation, es gab in den vergangenen Wochen aber auch zwei oder drei neue schwer erkrankte Patienten, die teilweise aus anderen Krankenhäusern übernommen wurden“, so Prof. Randerath.

Wie ist die Impfquote bei den stationären Patienten?

„Von den aktuell 19 Patienten in Bethanien ist nur eine Person vollständig geimpft, eine weitere Person hat zwei Tage vor der Erkrankung die erste Impfung bekommen, was natürlich noch keinen Impfschutz geboten hat“, so der Mediziner. Zudem sei wohl ein Patient nur zur ersten Impfung gegangen und habe die zweite versäumt. „Die Zahlen zeigen, wie wichtig die Impfung ist und wie sehr sie vor schweren Verläufen der Krankheit schützt“, appelliert Randerath, sich impfen zu lassen. Auch zwei der drei Klinikum-Patienten seien nicht geimpft, bei dem dritten ist der Impfstatus unklar, so Klinikum-Sprecherin Karin Morawietz.

Welche Altersgruppe ist besonders betroffen?

Schon seit Anfang des Jahres seien es schwerpunktmäßig die 50- bis 70-Jährigen, die vermehrt stationär behandelt werden müssen. „Vergangene Woche haben wir aber auch eine junge Frau, die im achten Monat schwanger war, aufnehmen müssen. Weil sich ihr Zustand stark verschlechterte, musste ein Kaiserschnitt erfolgen“, skizziert der Chefarzt. „Weil immer wieder jüngere Menschen betroffen sind, begrüße ich es sehr, dass die Stiko jetzt auch eine Impfempfehlung für Jugendliche ab zwölf Jahren herausgegeben hat. Jetzt mit dem Schulbeginn und der gelockerten Quarantäne-Regelung muss man wieder eine deutliche Verbreitung des Virus erwarten“, befürchtet Prof. Randerath.

Wie ist die Impfsituation?

„Wir müssen so viele Menschen wie möglich impfen“, setzt Randerath auf den solidarischen Gedanken. Aber es gehe auch um Selbstschutz: „Wer nicht geimpft ist, wird sich früher oder später infizieren, da gibt es keinen Zweifel dran“, so seine Prognose.

Die Stadt Solingen plant Impftermine an weiterführenden Schulen – für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren in Begleitung der Eltern und nach einem Arztgespräch. Der Solinger Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzte, sieht das kritisch. „Kinder und Jugendliche sollten in den Praxen geimpft werden, weil die Ärzte ihre Patienten und deren Vorgeschichte kennen und eine angemessene und intensive Beratung durchführen können.“ Der Deutsche Lehrerverband dagegen begrüßte die Pläne.

Fischbach empfiehlt Sportverzicht für zehn Tage

Der Kinder- und Jugendarzt Thomas Fischbach beobachtet in seiner Praxis in Solingen in Nordrhein-Westfalen, dass die meisten jungen Leute von sich aus kommen, allein oder mit den Eltern schon Vorüberlegungen getroffen haben und sich beraten lassen.

Auch wenn er bei der neuen Empfehlung der Stiko nach eigenen Worten voll mitgeht: «Aufschwatzen», sagt Fischbach, würde er die Impfung aber natürlich nicht. Ganz klar empfiehlt er sie jenen 12- bis 17-Jährigen, die einer Risikogruppe angehören. Ansonsten klärt er über den Nutzen und mögliche Risiken auf.

Zur Aufklärung gehört die Erwähnung der Herzmuskelentzündung als sehr seltene mögliche Nebenwirkung. «Ich empfehle insbesondere den Jungs nach der Impfung deshalb einen zehntägigen Sportverzicht, auch wenn das noch nicht verbindlich empfohlen wird», sagt Fischbach. Bei Symptomen wie Brustschmerz oder Atemproblemen in den Tagen nach der Impfung sollte man den Arzt aufsuchen. dpa/lnw

Impffortschritt

Impfquote: Aktuell haben in Solingen 108 203 Menschen eine Erstimpfung und 94 937 Menschen beide Impfungen erhalten. „Das entspricht einer Impfquote von 59,6 Prozent der Bevölkerung“, so Daniel Hadrys von der städtischen Pressestelle.

Impftermine: Einbezogen sind alle Impfungen im Impfzentrum, in den Arztpraxen und bei Impfaktionen.

Standpunkt: Mit gutem Beispiel voran

Kommentar von Simone Theyßen-Speich

simone.theyssen-speich@ solinger-tageblatt.de

Der erste Schultag gestern für die i-Dötzchen war ein ganz besonderer für die Kinder und ihre Familien. Und in allen Gesprächen und guten Wünschen schwang die Hoffnung mit, dass das jetzt begonnene Schuljahr etwas mehr Normalität bringen wird als die vergangenen anderthalb Jahre. Den Kindern und Jugendlichen, die so lange auf viel verzichten mussten, wieder Schule mit gemeinsamem Lernen, Spielen und Freunde treffen zu ermöglichen, sollte das oberste Ziel sein. Um die Jüngsten, für die es noch keine Impf-Zulassung und -Empfehlung gibt, zu schützen, wäre es wichtig, wenn möglichst viele Erwachsene sich impfen ließen. Die Lehrer an den Schulen sind da zum aller größten Teil mit gutem Beispiel voran gegangen. Es wäre wünschenswert, wenn viele Erwachsene ihnen folgen würden, um die Pandemie in den Griff zu bekommen und „normales“ Leben wieder zu ermöglichen. Dass die Impfung vor schweren Krankheitsverläufen schützt, zeigen die aktuellen Zahlen in den Krankenhäusern. Seit Wochen musste dort fast kein Patient mehr behandelt werden, der vollen Impfschutz hat.

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