Belegung völlig unplanbar geworden

Viele Patienten im Kindergartenalter in der Klinik

Dr. Sven Propson ist Chefarzt der Kinderklinik.
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Dr. Sven Propson ist Chefarzt der Kinderklinik.

Vor der Corona-Herbstwelle gibt es schon jetzt ungewöhnlich viele Atemwegsinfekte.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Akute Luftwegsinfekte, die auch zu gravierenden Verläufen führen: Was früher vor allem im Herbst und im Winter auftrat, sehen Kinder- und Jugendärzte nun auch häufig in den Sommermonaten. Das jahreszeitliche Auftreten sei völlig durcheinandergeraten, erklärt Dr. Sven Propson, Chefarzt der Kinderklinik im Klinikum Solingen. Zurückzuführen sei das auf die Corona-Pandemie und die Schutzmaßnahmen. Aktuell behandele man Kinder mit Magen-Darm-Infekten, Luftwegsinfekten, aber auch mit Coronainfektionen. Betroffen seien vor allem kleinere Kinder, die nicht mehr trinken und wegen Flüssigkeitsmangels im Krankenhaus aufgenommen werden müssten.

„Die Belegung ist völlig unplanbar geworden“, sagt Propson. So sei die Kinderklinik am Samstagmorgen quasi leer gewesen. „Am Abend war sie wieder voll – und das in der Ferienzeit.“

Viele der jungen Patienten seien im Kindergartenalter. „Bis zum Schuleintritt haben sie ein lernendes Immunsystem, der Körper setzt sich mit vielen Erregern auseinander.“ In der Kita-Zeit träten deshalb viele Infekte und häufig Fieber auf. Wegen Corona, der Schutzmaßnahmen und immer wieder Schließungen fielen viele Erkrankungen jedoch aus, die nun nachgeholt werden. Manche junge Patienten mit Atemwegsinfekten müssten auf der Intensivstation beobachtet werden, berichtet Propson. Das sei bereits im August 2021 der Fall gewesen, als viele Kinder sich im Hochsommer mit dem Respiratorisches-Syncytial-Virus infizierten, das sonst im Herbst auftritt. „Einige waren deutlich kränker als in den Vorjahren, weil eine Saison fehlte.“

Viele Kindergartenkinder in Solingen erkranken derzeit an der Hand-Mund-Fuß-Krankheit

Zu den Infektionen, die derzeit in Solingen unter Kindern im Kindergartenalter umgehen, zählt auch die Hand-Mund-Fuß-Krankheit. Die durch Enteroviren ausgelöste Erkrankung habe meist einen harmlosen Verlauf, sei aber äußerst lästig, sagt der Chefarzt. Übertragen durch Speichel bildeten sich unter anderem an den Fußsohlen, an der Mundschleimhaut, aber auch an anderen Körperstellen Bläschen. „Wichtig ist eine gute Hygiene.“ Auch die Hand-Mund-Fuß-Krankheit ist früher dran als sonst. Die Hochphase liege im Spätsommer bis Herbst, so Propson.

Fälle des PIM-Syndroms (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome), einer überschießenden Immunreaktion, die bei Kindern nach einer Coronainfektion auftreten könne, gebe es in der Kinderklinik aktuell nicht. „Bei starkem Hautausschlag und hohem Fieber müssen wir natürlich prüfen, ob das mit einer vorangegangenen Coronainfektion zusammenhängt.“ In seiner kinderkardiologischen Sprechstunde sehe er jedoch durchaus junge Patienten, die mehrere Wochen mit den Folgen der Infektion zu tun hätten.

Kinder- und Jugendmediziner in Solingen rechnet mit „beachtlicher“ Corona-Welle im Herbst

In der zweiten Jahreshälfte rechnet der Kinder- und Jugendmediziner mit einer „beachtlichen Corona-Herbstwelle“. Dann werde es schwierig, weil Mitarbeiter im Klinikum ausfallen und gleichzeitig die Erkrankungszahlen steigen. „Glücklicherweise geht es vielen Kindern vergleichsweise gut bei einer Coronainfektion.“

Die Personalsituation ist bereits jetzt schwierig: „Teilweise müssen wir Betten reduzieren. Wir gucken regelmäßig, was wir leisten können.“ Ziel sei stets, Kinder und Jugendliche aus Solingen und Umgebung auch vor Ort im Klinikum versorgen zu können. „Und den anderen Krankenhäusern in der Region geht es derzeit personell auch nicht besser.“

Kinderklinik

Betten: Die Kinderklinik am Klinikum Solingen hat 21 allgemeinpädiatrische Betten. Die Kinderintensivstation, zu der auch die Perinatalstation für Frühchen gehört, umfasst 11 Betten, davon 4 mit Beatmung. Dr. Sven Propson ist seit 2021 Chefarzt der Kinderklinik.

Standpunkt von Kristin Dowe: Nachholeffekt wirkt

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Es ist kein Zufall, dass zurzeit so viele Atemwegserkrankungen um sich greifen, von denen vor allem Kinder, aber auch viele Erwachsene betroffen sind. Vielmehr erleben wir gerade ein Lehrstück über die Funktionsweise des Immunsystems, das immer so stark ist, wie das „Training“, das es im Laufe der Jahre durch die Konfrontation mit verschiedenen Erregern durchlaufen hat. Mit jeder überstandenen Infektion ist der Körper gegen Folgeerkrankungen besser gewappnet – ein Schutz, der durch die lange Zeit der Isolation im Zuge der (zu jener Zeit notwendigen) Corona-Maßnahmen wegfällt.

Gerade bei Kindern, die solche Erkrankungen sonst aus der Kita mit nach Hause gebracht haben, wirkt nun ein Nachholeffekt. Dies bringt nicht nur Arztpraxen an ihre Grenzen, sondern kann in manchen Fällen auch gefährlich enden. So belastet Corona das Gesundheitssystem weiter – auch nach der Hochphase der Pandemie

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