Musiker berichtet

Wie Corona eine große Konzerttour abwürgt

Suzan Köcher’s Suprafon wollte bis Mitte März auf Tour gehen. Dann kam Corona. Teils blieben die Besucher aus, dann folgten Konzertabsagen. Die Tour endete unfreiwillig. Foto: Aurelien Longo
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Suzan Köcher’s Suprafon wollte bis Mitte März auf Tour gehen. Dann kam Corona. Teils blieben die Besucher aus, dann folgten Konzertabsagen. Die Tour endete unfreiwillig.

Julian Müller ist Gitarrist von Suzan Köcher’s Suprafon. Er erzählt von seinen Erfahrungen und abgesagten Shows im Februar und März.

Von Julian Müller

Solingen. Für mich als Musiker geht das heute so: Erst eine neue Platte aufnehmen. Und das bedeutet automatisch eine neue Tour. Dieser ewige Kreislauf wird für uns Musiker in Zeiten von sinkenden Absatzzahlen physikalischer Tonträger immer wichtiger. Unser neues Album „Suzan Köcher’s Suprafon“ ist im November 2019 erschienen. Parallel sind wir zusammen mit unseren Freunden Okta Logue auf Tour gegangen.

Die Tournee war zu dem Zeitpunkt schon fest geplant. Am 12. Februar 2020 sollte es in Nürnberg losgehen und uns bis Mitte März einmal quer durch Deutschland bis hinauf nach Skandinavien führen. Aber schon vor Beginn der Tour breiteten sich die ersten Informationen zu dem neuartigen Coronavirus aus. Doch noch bestand die Hoffnung, dass wir irgendwie verschont bleiben.

Zunächst lief dann auch alles nach Plan. Nach dem schönen Auftakt in Nürnberg hatten wir tolle Konzerte in Städten wie Berlin, Dortmund und Göttingen. Doch langsam rückten die Nachrichten über die Ausbreitung des Virus bedrohlich näher und uns wurde klar, dass das alles ziemlich knapp werden würde.

Am 28. Februar im wunderschönen Naumburg herrschte noch eine „Jetzt erst recht“-Stimmung. Doch beim Reverberation-Festival in Dresden einen Tag später sah man zumindest an der Abendkasse ein erstes Schwächeln. Trotzdem war die Scheune gut gefüllt und die Stimmung prächtig. In Lichtentanne bei Zwickau merkte man eine Woche später schon die Angst der Leute. Nur noch wenige hatten sich versammelt.

Die Shows in Leipzig, Hannover, München und Köln am 9. März zusammen mit den Australierinnen Stonefield waren dann wieder sehr gut besucht. In den Großstädten hatte sich die Sorge noch nicht manifestiert. Spätestens danach wurde aber klar, dass die Lage sich immer mehr zuspitzte und der eigene letzte Trotz der „Flatten the Curve“-Logik weichen musste.

So haben wir unser Konzert in Wuppertal am 13. März schweren Herzens abgesagt. Die lange nur sehr vagen Empfehlungen der Bundesregierung haben ja leider die Last der Entscheidung auf die Veranstalter und Bands abgelegt. Wichtig zu wissen: Wer ohne einen triftigen Grund absagt, der muss laut Vertrag eine Ausfallgage zahlen. Bei den schon absehbaren Verlusten der kommenden Zeit eine Bürde, die keiner tragen wollte.

Geistershow in der Bonner Harmonie für den WDR-Rockpalast

Spontan tauchte für uns noch ein finaler Silberstreif am Horizont auf. Wir wurden eingeladen, beim WDR-Rockpalast zu spielen. Ein Kindheitstraum. Allerdings sollte das Konzert ohne Publikum stattfinden – eine Geistershow. Bei der TV-Aufzeichnung in der Harmonie in Bonn herrschte dann auch eine ganz besondere Atmosphäre. So etwas hatte es vorher noch nie gegeben und alle wussten, dass wir gerade die letzte Show für eine lange Zeit spielen.

Zu diesem Zeitpunkt war klar, dass die Auftritte in der kommenden Woche in Hamburg, Flensburg und Skandinavien abgesagt werden mussten. Unvermeidbar und absolut richtig, wenn auch wirtschaftlich schwierig.

Unfreiwillige Pause wird für neue Songs und alte Projekte genutzt

Neben den ausfallenden Einnahmen kam noch eine saftige Storno-Gebühr für den bereits gebuchten Van hinzu. Jetzt heißt es: Nach anderen Möglichkeiten suchen, neue Songs schreiben und an begonnenen Projekten im stillen Kämmerlein weiterspinnen.

Und dann ist da noch die ganz große Frage: „Wie wird es danach aussehen?“ So vieles ist in diesen Tagen unklar: Welche Clubs werden wieder aufmachen? Welche Veranstalter und Booking-Agenturen können sich über die Krise retten? Und welche der vielen Bands hat es nicht in den finanziellen Ruin getrieben?

Im Namen aller Kollegen habe ich daher einen Wunsch: Wer kann, hilft: Den Bands mit gekauften CDs und T-Shirts. Den Clubs, indem man gekaufte Tickets nicht zurückgibt. Zusammenhalt, Rücksicht und Kreativität sind gefragt. Nicht nur durch die Musikbranche ist ein Beben gegangen – das ist erst der Anfang.

In unserem Live-Blog finden Sie aktuelle Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen. Der Blog wird laufend aktualisiert. 

SUPRAFON

ALBUM Das Album „Suzan Köcher’s Suprafon“ nahm die Band 2018 in Austin, Texas auf. Erschienen ist es im November 2019 bei Unique Records.

MUSIKER Suzan Köcher ist eine der „Solingen-Botschafterinnen“ der Stadt Solingen. Julian Müller spielt unter anderem auch bei den Blackberries.

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