Grausame Facetten

Corona begünstigt häusliche Gewalt

Die Polizei geht im Bereich häuslicher Gewalt auch in Solingen von einer hohen Dunkelziffer aus.
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Die Polizei geht im Bereich häuslicher Gewalt auch in Solingen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Solinger Frauenhaus verzeichnet seit Beginn der Pandemie eine wachsende Zahl an Anfragen.

Von Kristin Dowe

Solingen. Der Fall hatte vor gut zwei Wochen für Entsetzen gesorgt: In Ohligs hatte mitten am Vormittag ein 42-jähriger Mann nach einem Streit seine 38-jährige Ehefrau an den Haaren halb nackt über die Straße gezerrt und ihr schwere Verletzungen zugefügt. Die Frau wurde in einer Spezialklinik behandelt, unter anderem stellten die Ermittler schwere Verbrühungen an zwölf Prozent ihrer Körperfläche fest, möglicherweise mit heißem Wasser herbeigeführt. Es gehe ihr „den Umständen entsprechend besser“, heißt es auf Nachfrage bei der Polizei. Der mutmaßliche Täter wurde auf der Grundlage des Gewaltschutzgesetzes für zehn Tage der gemeinsamen Wohnung verwiesen und befindet sich aktuell in Untersuchungshaft.

Der Fall zeigt, welche grausamen Facetten häusliche Gewalt gerade während der Coronakrise haben kann – auch wenn die offiziellen Zahlen der Polizei nicht notwendigerweise einen Anstieg dieses Deliktbereichs nahelegen. So hatte die Polizei in Solingen im vergangenen Jahr von Januar bis einschließlich Oktober 329 Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt zu verzeichnen. Im laufenden Coronajahr waren es für den gleichen Vergleichszeitraum 332 Fälle – somit lediglich ein leichter Anstieg. Auch die Zahlen der Strafanzeigen für die einzelnen Monate befanden sich während der beiden Lockdowns in etwa auf dem Niveau des Vorjahres. Die Polizei gehe dennoch von einer höheren Dunkelziffer aus, so Polizeisprecher Stefan Weitkämper.

„Während Corona ist es für Betroffene schwerer, sich Hilfe zu holen.“
Martina Zsak-Möllmann, Frauenhaus Solingen

Darauf deutet auch die Erfahrung von Martina Zsack-Möllmann, Leiterin des Solinger Frauenhauses, hin: Während es beim ersten Lockdown ruhig geblieben sei, hatte das Frauenhaus nach der zwischenzeitlichen Lockerung der Kontaktbeschränkungen im Frühjahr und Sommer eine wachsende Zahl von Anfragen hilfesuchender Frauen zu verzeichnen.

Martina Zsack-Möllmann leitet das Solinger Frauenhaus.

„Zu Beginn der Pandemie gab es offenbar eine gewisse Verunsicherung, ob überhaupt irgendwelche Hilfsangebote geöffnet sind“, vermutet Zsack-Möllmann. „Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Täter zu Hause die absolute Kontrolle über ihr Opfer haben. Jeder bekommt alles mit, so dass es Frauen in einer Notsituation viel schwerer haben, sich etwa telefonisch Hilfe zu holen und gegebenenfalls ihre Flucht zu planen.“ Zudem sei die Coronazeit für viele Familien eine nervliche Belastungsprobe. „Da können sich Konflikte schon mal zuspitzen.“ Das Phänomen häuslicher Gewalt ziehe sich durch alle gesellschaftlichen Schichten und kulturellen Gruppierungen.

Solingen: Jeden Fall zur Anzeige zu bringen

Eckhard Klesser, Opferschutzbeauftragter bei der Polizei Wuppertal, die eng mit dem Frauenhaus zusammenarbeitet, weiß, wie schwer es für Betroffene oft ist, den Teufelskreis zu durchbrechen. „Leider gelingt es den Tätern häufig, ihr Opfer einzuschüchtern, und die Frauen haben alle möglichen Befürchtungen: dass man ihnen die Kinder wegnimmt, dass sie kein Geld mehr haben oder dass sie, wenn sie ausländische Wurzeln haben, abgeschoben werden.“ Kollegin Sonja Nolte ergänzt: „Wir raten dennoch dringend, jeden Fall zur Anzeige zu bringen. Das erleichtert es uns im Einzelfall auch, beispielsweise den Täter der Wohnung zu verweisen.“ Unabhängig von einer Strafanzeige des Opfers werde jeder Fall häuslicher Gewalt von Amts wegen strafrechtlich verfolgt. 

Solinger Frauenhaus

Das Solinger Frauenhaus verfügt über 14 Plätze, von denen zehn vom Land NRW gefördert werden. Die vier weiteren Plätze werden von der Stadt Solingen sowie über private Spenden finanziert. Die Solinger Einrichtung ist barrierefrei und verfügt über einen Aufzug sowie über ein freies Apartment, das bei Bedarf für Coronafälle genutzt werden kann.

Landesweit sind die Plätze in den Einrichtungen knapp. In akuten Notsituationen können sich von häuslicher Gewalt betroffene Personen an den Polizei-Notruf (P 110) wenden. Die Notrufnummer des Solinger Frauenhauses lautet (02 12) 5 45 00, per Mail ist das Team unter frauenhaus-sg@t-online.de erreichbar. Freie Kapazitäten in Frauenhäusern in NRW können die Polizei und betroffene Frauen im Internet einsehen.

www.frauen-info-netz.de

Standpunkt: Aufmerksam hinschauen

Von Kristin Dowe

Auch wenn die Zahl der Strafanzeigen wegen häuslicher Gewalt nicht unbedingt eine Verschärfung dieses Problems während der Corona-Pandemie vermuten lässt, so gilt jetzt dennoch erhöhte Wachsamkeit. Denn die wachsende Zahl der Anfragen hilfesuchender Frauen an das Frauenhaus während der beiden Lockdowns deutet zumindest auf eine hohe Dunkelziffer dieses Deliktbereichs hin.

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Während das eigene Zuhause für die meisten Menschen zu Coronazeiten der sicherste Ort ist, sind von Gewalt betroffene Frauen und Kinder (und zuweilen auch Männer) gerade dort besonders gefährdet. 

Wohl die heilsten Familien haben in den vergangenen Monaten schon die Erfahrung gemacht, dass es aufs Gemüt schlagen kann, auf engem Raum viel Zeit miteinander zu verbringen. Da verliert man schnell mal die Nerven, da kann ein Streit ungewollt eskalieren. Dies potenziert Gefahren für Familien, in denen ohnehin ein angespanntes Klima herrscht. Den Mut, sich aus dem Teufelskreis von Abhängigkeit und Gewalt zu befreien, müssen die Opfer selbst aufbringen. Wir aber sollten aufmerksam hinschauen und die Polizei einschalten, wenn wir Verdächtiges wahrnehmen. Dies ist der erste Schritt zur Hilfe. 

Wegen steigender Corona-Infektionszahlen sind Menschen in zahlreichen Ländern erneut aufgerufen zuhause zu bleiben. Experten befürchten, dass nun mehr Menschen häuslicher Gewalt zum Opfer fallen. Und auch am Bildschirm lauert Gefahr.

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