Corona-Lage in Solingen

Chefarzt: „Wenn alle vorsichtig bleiben, wird der Sommer gut“

Prof. Dr. Winfried Randerath ist Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien in Aufderhöhe, wo seit Ausbruch der Pandemie die meisten Covid-19-Patienten behandelt werden. Archivfoto: Christian Beier
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Prof. Dr. Winfried Randerath ist Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien in Aufderhöhe, wo seit Ausbruch der Pandemie die meisten Covid-19-Patienten behandelt werden.

Bethanien plant eine Post-Covid-Ambulanz für Langzeit-Erkrankte

Das Interview führte Simone Theyßen-Speich.

Die Corona-Inzidenz in Solingen sinkt, zumindest langsam. Wie ordnen Sie die aktuelle Corona-Lage ein?

Prof. Dr. Winfried Randerath: Ich glaube, dass wir eine gute Chance haben, das Schlimmste überwunden zu haben. Bei aller Vorsicht sehen wir dafür erste vorsichtige Hinweise. Es gibt Rückgänge bei den Patientenzahlen im Krankenhaus. Derzeit haben wir noch zehn Patienten auf der Intensivstation. Viele der intensivpflichtigen Patienten sind leider auch schwer krank,, die Hälfte davon braucht eine ECMO-Behandlung. Auffällig ist, dass sie zehn bis 20 Jahre jünger sind als zu Beginn der Pandemie. Oft behandeln wir jetzt 50- und 60-Jährige, teilweise mit sehr schweren Verläufen. Deshalb müssen wir die Lage weiter ernst nehmen. Wenn einen die Erkrankung erwischt, ist es weiter eine ernste Gefahr, teilweise auch bei deutlich jüngeren Patienten.

„Der Sommer wird gut“ hat der sonst sehr vorsichtige Karl Lauterbach versprochen. Welchen Ausblick können Sie wagen?

Prof. Randerath: Ich sehe den Sommer auch positiv. Der Unterschied zum vergangenen Jahr ist, dass wir jetzt Impfstoffe haben und immer mehr Menschen geimpft sind. 2020 hatte sich über den Sommer die dritte Welle entwickelt, die dann im Herbst begann. Wenn die Impfungen gut weitergehen, bin ich optimistisch, dass wir in diesem Jahr eine vierte Welle vermeiden können. Das setzt aber voraus, dass wir nicht völlig außer Rand und Band geraten. Es ist wichtig, weiter vorsichtig zu sein: weiter Abstand halten, Maske tragen und die Freiheiten mit Bedacht nutzen. Gerade bei denen, die nicht geimpft sind.

Welche Vorsichtsmaßnahmen müssen auch im Sommer weiter greifen?

Prof. Randerath: Wir sollten weiter vorsichtig bleiben. All das, was wir bisher erarbeitet haben, dürfen wir nicht riskieren. Wir sind immer noch in einer sehr fragilen Situation. Das Robert-Koch-Institut hat die Lage zwar von „sehr hoch“ auf „hoch“ abgestuft, aber die Gefahr ist eben immer noch hoch. Maske zu tragen und Abstand zu halten, sind kleine Belastungen, die jeder auf sich nehmen sollte. Wenn wir den Juni und Juli gut überstehen, bin ich zuversichtlich für den Herbst.

Könnten die Mutationen uns noch einen Strich durch die Rechnung machen?

Prof. Randerath: Außer der englischen Mutation, die ja mittlerweile fast der Standard ist, gibt es in Solingen nur Einzelfälle von anderen Mutationen. Deshalb ist auch die Maske so wichtig, die die Ausbreitung des Virus und damit auch der Mutation verhindert. Von den 69 000 PCR-Tests, die wir in Bethanien seit Beginn der Test-Aktivitäten gemacht haben, gab es 5995 positive Ergebnisse. Darunter waren nur 20 Einzelfälle mit Mutationen – abgesehen von der englischen. Darunter war eine Person, die als Entwicklungshelfer zurückgekehrt war, mit der südafrikanischen Variante und ein Fall der peruanischen Mutation. Das sind noch Einzelfälle, die keine epidemiologische Gefahr darstellen.

Vergangene Woche sind alle Schüler zurück in die Schulen gekehrt, in dieser Woche beginnt in den Kitas wieder der Regelbetrieb. Ist das aus Ihrer Sicht richtig?

Prof. Randerath: Da schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Ich wäre sehr dafür, wenn Kinder und Jugendliche schnell geimpft werden, sobald die Zulassungen dafür vorliegen. Die sind jetzt an der Reihe, damit sie die wichtigen Lebensbereiche wieder voll nutzen können. Da momentan wenig Impfstoff vorliegt, sollte man gesamtgesellschaftlich die Impfintervalle so groß wie möglich machen. Somit könnte man möglichst vielen Menschen eine Erstimpfung anbieten. Deshalb ist mein Appell an die Bevölkerung, nicht mit Blick auf Urlaub und Lockerungen auf eine schnelle persönliche zweite Impfung zu drängen. Vielmehr gilt es jetzt, Rücksicht auf die zu nehmen, die noch keine Erstimpfung haben, um möglichst vielen möglichst viel zu ermöglichen. Wenn Kinder und Jugendliche jetzt wieder eng zusammen sind, wird es wieder einzelne Infizierte geben, die die Infektion dann auch wieder in ihre Familien tragen. Das könnte wieder zu einer Erhöhung der Inzidenz führen. Deshalb ist Testen und Impfen für diese Altersgruppe jetzt besonders wichtig.

Sind die Antigen- und Lolli-Test der richtige Weg?

Prof. Randerath: Viel zu testen ist wichtig, mal ganz abgesehen von den verbrecherischen Machenschaften, die jetzt in einigen Testzentren aufgedeckt wurden. Natürlich ist die Qualität der Schnell- und Selbst-Tests eine andere als professionelle PCR-Tests. Aber durch die Regelmäßigkeit gibt es auch einen gewissen Schutz. Und auch die Lolli-Tests haben sich in Solingen gut bewährt.

Beim Impfen geht es nicht so richtig schnell voran. Wie sehen Sie die Impfsituation?

Prof. Randerath: In Praxen, Kliniken und Impfzentren machen alle eine tolle Arbeit. Es ist schon einiges erreicht, das merken wir in den Kliniken, wo jetzt kaum noch alte Menschen behandelt werden müssen, die zum großen Teil geimpft sind. Jetzt habe ich aber Sorge, dass es wegen des Impfstoffmangels zu einer gewissen Stagnation kommt. Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass wir da weiter wären. Aber man muss auch bedenken, dass vor einem Jahr noch keiner geglaubt hätte, dass wir überhaupt so schnell Impfstoff haben, jetzt schon so viele Menschen geimpft sind. Ich hoffe, dass es jetzt nicht zu Lücken beim Impfen kommt.

Wird aus medizinischer Sicht schon eine dritte Auffrisch-Impfung nötig sein, noch bevor alle zweimal geimpft sind?

Prof. Randerath: Wenn ich zu entscheiden hätte, würde ich alles daran setzen, zunächst alle Erst- und Zweitimpfungen durchzuführen und dann erst über mögliche Drittimpfungen nachzudenken. Schon nach der ersten Impfung hat man einen nennenswerten Schutz, nach der zweiten Impfung einen sehr guten Schutz. Wie lange der anhält, kann man noch nicht sagen, der Impfschutz wird aber sicherlich nicht nach einem Jahr auf null runtergehen. Bis dahin werden wir aus Antikörper-Untersuchungen mehr wissen, wie lange der Schutz hält. Da weiß man noch zu wenig drüber.

Welche weiteren Schritte gibt es bei der Bekämpfung der Krankheit?

Prof. Randerath: Die langfristige Betreuung von Covid-Patienten bleibt ein Thema. Wir stehen mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Verhandlung, um eine Post-Covid-Ambulanz aufzubauen und für diese Menschen eine medizinische Anlaufstelle zu bieten. Fortschritt gibt es auch bei den Impfungen für Allergiker mit hohem Risiko. Diese Impfungen laufen jetzt an, Betroffene mit schweren Allergien können nach speziellen Vortests in Bethanien geimpft werden.

Informationen

Infektionsambulanz: Diese befindet sich an der Lungenfachklinik Bethanien, Aufderhöher Straße 169. Sie ist geöffnet montags bis freitags, 13 bis 18 Uhr, sowie samstags von 9 bis 13 Uhr.

Aktuelle Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus und die aktuellen Regeln finden Sie hier.

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