Montagsinterview

Chefarzt der Kinderklinik: „Die Wellen kamen gleichzeitig“

Dr. Sven Propson, Chefarzt der Kinderklinik, im ST-Gespräch über die aktuelle stationäre Situation.
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Dr. Sven Propson, Chefarzt der Kinderklinik, im ST-Gespräch über die aktuelle stationäre Situation.

Die Kindermedizin ist aufwendig und unterfinanziert. Zudem ist die Aggressivität von Eltern ein weiteres Problem. Wie die Situation in der Kinderklinik nach RSV- und Grippewelle aktuell ist, darüber spricht Dr. Sven Propson, Chefarzt der Kinderklinik, im ST-Montagsinterview.

Von Simone Theyßen-Speich

Kurz vor Weihnachten hat die Kinderklinik Alarm geschlagen angesichts der vielen Influenza- und RSV-Fälle. Wie ist die Situation aktuell?

Dr. Sven Propson: Ende des Jahres hatten wir tatsächlich große Not angesichts der vielen Kinder, die mit dem Grippevirus oder dem RS-Virus infiziert und schwer erkrankt waren. Beide Wellen kamen in dieser Wintersaison gleichzeitig. Üblicherweise kommt die RSV-Welle, bei der eine Erkrankung der unteren Atemwege besteht, meist im Spätherbst, die Grippe Anfang des Jahres. Auch sind sonst von der Grippe eher Schulkinder und vom RS-Virus Kinder im Säuglingsalter oder Kinder mit vorgeschädigten Lungen betroffen. Diesmal kam aber alles zusammen. Zudem hatten wir viele Kinder, die zusätzlichen Sauerstoff, eine Atemunterstützung oder sogar eine Behandlung auf der Intensivstation brauchten. Zum Glück ist diese doppelte Welle inzwischen etwas abgeflacht.

Wie ist es gelungen, die große Zahl von kleinen Patienten zu bewältigen?

Dr. Propson: Wir hatten in der Notaufnahme manchmal 20 Kinder pro Tag mit stationärer Einweisung. Die Hälfte von ihnen hatte zusätzlichen Sauerstoffbedarf, wo die Verabreichung verständlicherweise nur in der Klinik erfolgen kann. Aber auch in der Sprechstunde der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) hier im Haus wurden teilweise 170 kleine Patienten pro Tag vorstellig. Natürlich haben wir mit allem, was wir an Personal aufbieten können, versucht, die Kinder in Solingen zu betreuen. Vor allem die Pflege ist hier bis an ihre Belastungsgrenze und weit darüber hinaus gegangen. Teilweise mussten wir die Patienten aber auch NRW-weit verlegen, bis nach Bonn oder Lippstadt, was natürlich für die Eltern nicht einfach war. Um Plätze zu finden, haben wir teilweise in einem Dienst 40 Kliniken abtelefoniert. Umgekehrt haben wir natürlich auch Kinder aus anderen Städten aufgenommen, wenn bei uns etwas Luft war.

War die Abordnung von Ärztinnen des Gesundheitsamtes da eine Hilfe?

Dr. Propson: Diese Unterstützung im Dezember war eine sehr große Hilfe. Aber es war natürlich eine absolute Ausnahme, weil in dieser Zeit die Schuleingangsuntersuchungen, die die Kinderärztinnen sonst vornehmen, verschoben werden mussten.

Woran fehlte es bei der großen Belastungswelle am meisten – an Betten oder an Personal?

Dr. Propson: Die Allgemeine Pädiatrie der Kinderklinik hat 22 Betten in der siebten Etage und die Intensivstation zwölf Betten in der sechsten Etage. Diese maximale Bettenzahl reduziert sich natürlich, wenn Kinder im Zimmer isoliert werden müssen. Noch entscheidender ist aber der Engpass bei der Pflege. Kindermedizin ist sehr pflegeaufwendig. Die Kinder mit Luftwegsinfekten müssen teilweise alle zwei Stunden inhalieren. Auch da, wo Eltern das übernommen haben, müssen diese erst vom Fachpersonal angeleitet werden. Es ging also bei dem Engpass nicht um reine Bettgestelle, sondern um fachlich betreute Betten. Weil wir in der Klinik speziell ausgebildete Kinderkrankenschwestern und -pfleger brauchen, funktionierte die Idee auch nicht, Kinder einfach auf andere Stationen des Hauses zu verlegen.

Ist die größte Belastung dann bald überstanden oder stehen andere Kinder-Krankheitswellen an?

Dr. Propson: Durch die Corona-Lockdowns hat sich vieles verschoben. Wir hatten im Sommer 2021 eine ungewöhnliche Häufung von Atemwegserkrankungen. Sonst sind im Sommer mit den höheren Temperaturen oft Magen-Darm-Erkrankungen ein großes Thema.

Die große Belastung der Kinderklinik und der Kinderärzte hat aber zumindest gezeigt, wie unverzichtbar die Vorhaltung dieses Systems ist.

Dr. Propson: Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte – dann ja. Erkrankungen von Kindern sind nun mal nicht planbar. Die Betten müssen einfach das ganze Jahr über vorgehalten werden – und wir hätten in den vergangenen Wochen noch deutlich mehr brauchen können. Ebenso das Fachpersonal. Auf der anderen Seite fließt der zusätzliche Pflegeaufwand für Kinder nicht in das DRG-Abrechnungssystem mit ein, so dass es in der Pädiatrie sehr schwierig ist, kostendeckend zu arbeiten.

Können Eltern auch dazu beitragen, Überlastungen des Systems zu vermeiden – etwa indem man nicht mit Krankheiten, die auch beim niedergelassenen Kinderarzt behandelt werden können, ins Klinikum fährt?

Dr. Propson: Wir haben ja ein dreigeteiltes System. Kritisch kranke Kinder gehören natürlich in die Notaufnahme der Kinderklinik in der sechsten Etage des Klinikums. Mit normalen Infekten hingegen sollten Eltern zunächst einmal zu ihrem Kinderarzt gehen. Zudem bieten die niedergelassenen Kinderärzte für die Randzeiten, also mittwochs- und freitagsnachmittags und am Wochenende, die KV-Sprechstunde im Klinikum an (ZAK im Erdgeschoss von Haus G). Bei uns in der Notaufnahme kann es zu langen Wartezeiten kommen, weil wir die Fälle je nach Schwere priorisieren und schwer kranke Kinder umgehend versorgen müssen. Damit Eltern etwas mehr Sicherheit bei der Einschätzung von Symptomen haben, verweisen wir unter anderem auf eine Fieber-App, mit deren Hilfe man die Temperatur und das Verhalten des Kindes gut einordnen kann und entsprechende Empfehlungen erhält. Unsere ersten Erfahrungen mit diesem Hilfsmittel und die Rückmeldungen der Eltern sind durchweg positiv.

Ist die gesundheitspolitische Absicherung der medizinischen Versorgung von Kindern derzeit Ihr Hauptanliegen?

Dr. Propson: Das ist ein wichtiges Thema, das in diesem Jahr sehr spannend wird. Sorge macht mir aber auch zunehmende Aggressivität, die wir in der Kinderklinik seitens einzelner Eltern erleben. Teilweise hat es massive Gewaltandrohungen gegen Pflegekräfte und Ärzte gegeben. Weil das ein zunehmendes Problem darstellt, machen wir uns mittlerweile Gedanken über Sicherheitsmaßnahmen wie Notfallschalter und abschließbare Türen, um Mitarbeiter vor körperlichen Übergriffen zu schützen. Trotz allem bleiben dies aber einzelne Fälle. Die meisten Eltern warten mit ihren Kindern sehr geduldig, bis sie von unseren Kolleginnen und Kollegen behandelt werden können.

Zur Person

Dr. Sven Propson (43) ist seit anderthalb Jahren Chefarzt der Kinderklinik im Klinikum. Zuvor war der Facharzt für Kinder und Jugendmedizin als Oberarzt am Klinikum Leverkusen tätig. Mit seiner Familie lebt er in Solingen.

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