Verkehrsplanung

Carsten Knoch: „Das Liniennetz wird sich stark verändern“

Carsten Knoch arbeitet derzeit an einem neuen Nahverkehrsplan für Solingen. Foto: Michael Schütz
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Carsten Knoch arbeitet derzeit an einem neuen Nahverkehrsplan für Solingen.

Carsten Knoch, städtischer Abteilungsleiter für Verkehrsplanung, spricht über die Zukunft des Busverkehrs

Solingen. Das Gespräch führte Andreas Tews.

Herr Knoch, die Stadtverwaltung arbeitet an einem neuen Nahverkehrsplan. Warum braucht die Stadt einen solchen Plan?

Carsten Knoch: Das ist eine gesetzliche Vorgabe des Landes NRW. Seit Mitte der 90er Jahre sind die Städte Aufgabenträger für den Öffentlichen Personennahverkehr. Die Stadt muss das ÖPNV-Angebot, das sie anbieten möchte, beschreiben und mit den vorhandenen Verkehrsunternehmen besprechen. Zur Vergabe der Dienstleistungen gibt es ein festgelegtes Verfahren. Für all dies ist der Nahverkehrsplan die Grundlage. Er muss aktualisiert werden, wenn es wesentliche Änderungen gibt. Der derzeit gültige Nahverkehrsplan für Solingen stammt aus dem Jahr 2013 und muss den aktuellen Aufgaben angepasst werden.

In den politischen Gremien wurde der neue Plan ja schon einmal behandelt. Wie geht es jetzt weiter?

Knoch: Der Fachausschuss des Stadtrates hat im Juni die Beteiligung der Nachbarstädte und der Fachverbände auf den Weg gebracht. Weiter geht es im September. Da ist geplant, dass der Rat den ersten Arbeitsschritt des Nahverkehrsplanes und die Vorabbekanntmachung im EU-Amtsblatt beschließt, dass wir beabsichtigen, den Busverkehr in der Stadt zum 1. Januar 2024 erneut an den Verkehrsbetrieb der Stadtwerke Solingen zu vergeben. Daran schließt sich dann der zweite Arbeitsschritt der Neuaufstellung des Plans an. Der wird im Wesentlichen im kommenden Jahr laufen. Da wird es vor allem um das Leistungsangebot gehen.

Ein Ziel zum Leistungsangebot gibt das Nachhaltigkeitskonzept der Stadt vor, nämlich den Anteil des ÖPNV in Solingen bis 2030 zu verdoppeln. Wie ist das zu schaffen?

Knoch: Es gibt ja sogar ein Zwischenziel: Der Anteil soll bis 2025 auf 20 Prozent gesteigert werden und dann bis 2030 auf 30 Prozent. Diese Ziele hat sich die Politik einstimmig gesteckt. Sie sind sehr ernst zu nehmen, weil es dabei ja darum geht, den Klimawandel zu stoppen. Sicher ist: Mit dem derzeitigen Leistungsangebot wird es nicht klappen. Das geht schon allein deswegen nicht, weil wir so viele zusätzliche Fahrgäste mit den derzeit vorhandenen Fahrzeugen im jetzigen Takt gar nicht befördern könnten.

Das bedeutet, es muss eine Taktverdichtung und neue Buslinien geben?

Knoch: Ich gehe davon aus, dass beides nötig sein wird. Die Experten, die uns beraten, sehen die Möglichkeiten für die größten Fahrgaststeigerungen in den Bereichen, wo Solingen am „städtischsten“ ist. Das wäre hauptsächlich auf dem O-Bus-Ring mit den Linien 681 und 682. Dort wird es leichter sein, die Menschen für den ÖPNV zu interessieren, weil es viele Haushalte gibt, die schon heute gar kein Auto besitzen und weil dort die Parkplatzprobleme am größten sind. Weniger können wir demnach in den absoluten Randbereichen der Stadt erreichen.

Der BOB bietet neue Möglichkeiten für durchgehende Linien.

Carsten Knoch, städtischer Abteilungsleiter für Verkehrsplanung

Inwieweit spielt das Nachhaltigkeitskonzept außerdem in den Nahverkehrsplan hinein?

Knoch: Weitere darin formulierte Ziele sind, dass der ÖPNV im Straßenverkehr bevorrechtigt sein soll. Auch soll das Angebot optimiert werden, um die Bedürfnisse aller Bevölkerungsgruppen abzudecken. Die Erschließung schwach besiedelter Gebiete soll zumindest gewährleistet sein. Jeder Solinger soll außerdem bis 2023 eine Haltestelle im Umkreis von 500 Metern um seine Wohnung haben.

Welche Rolle spielen die neuen Batterie-O-Busse?

Knoch: Bis 2030 soll die komplette Busflotte der Stadtwerke elektrifiziert sein. Das BOB-Projekt ist da ein ganz wesentlicher Aspekt. Auch im Hinblick auf das Liniennetz bietet es völlig neue Optionen. Früher gab es ja ein O-Bus- und ein Dieselbusnetz. Das verschiebt sich, weil BOB-Fahrzeuge sowohl unter der Oberleitung, als auch längere Abschnitte ohne Oberleitung fahren können. Das bietet viele Möglichkeiten, um neue durchgehende Verbindungen zu schaffen. Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren eine der größten Liniennetzänderungen haben werden, die es in Solingen je gab.

In den Stadtbezirken Burg/Höhscheid und Ohligs/Aufderhöhe/Merscheid gibt es wohl den größten Klärungsbedarf. Woran liegt das?

Knoch: Es gibt dort schon seit Jahren viele Wünsche aus der Politik. In Burg ist zum Beispiel der BOB ein Thema. Ab Herbst steht dort eine erste Änderung an. Dann wird die Linie 683 wieder bis zum Burger Bahnhof durchfahren – als BOB. Dadurch fällt das Umsteigen an der Krahenhöhe weg. Das wird aber nur ein Zwischenschritt sein. Neue Möglichkeiten werden sich bieten, wenn die von den Stadtwerken bestellten, kürzeren Solo-BOBs zur Verfügung stehen. Dann wird zu untersuchen sein, ob es auf der Linie 683 eine Veränderung geben kann. Zum Beispiel ist der Wunsch aus Burg bekannt, die Busse bis Oberburg, oder sogar bis Höhrath oder Wermelskirchen durchfahren zu lassen. Hier müssen wir prüfen, wie groß der Bedarf ist.

Welche Ideen gibt es für Ohligs?

Knoch: Dort gibt es zum Beispiel den Wunsch zu überprüfen, ob die Busse weiterhin durch den Bereich Lennestraße/Düsseldorfer Straße fahren müssen. Da müssen wir uns im Rahmen der Neuaufstellung des Nahverkehrsplans genau anschauen, wie das da zu organisieren ist.

Der ÖPNV soll vollständig barrierefrei werden. Dazu müssen viele Haltestellen umgebaut werden. Wie schnell ist das zu schaffen?

Knoch: Das hängt von den finanziellen und personellen Ressourcen ab, die zur Verfügung stehen. Wenn die sich nicht verändern, würden wir damit rechnerisch anstatt 2022 erst zwischen 2050 und 2080 fertig sein. Das muss aber schneller gehen. Für Städte wie Solingen ist das aber eine schwierige Aufgabe, die der Gesetzgeber von uns fordert. Darum sind der Bund und das Land gefordert, uns mehr als bisher zu unterstützen.

Wie weit sind Sie beim Umbau der Haltestellen?

Knoch: Ende des Jahres werden wir wohl etwa 40 Prozent der Haltestellen umgebaut haben. Wobei ich auch sagen muss, dass die Haltestellen, die zuerst umgebaut wurden, schon jetzt nicht mehr dem heutigen Stand der Technik entsprechen. Aber der Schwerpunkt liegt jetzt natürlich auf den Haltestellen, die noch gar nicht barrierefrei sind. Es geht vor allem darum, dass der Bordstein erhöht sein muss, dass die Haltestellen mit Blindenleitsystemen ausgestattet sind und dass die Busse die Haltestellen gerade anfahren können.

Und nicht nur dafür ist die Stadt auf Bundes- und Landeshilfen angewiesen.

Knoch: Genau. Viele Städte haben eine angespannte Haushaltslage. Da gibt es noch viele Fragezeichen. Nach der Bundestagswahl werden wir sehen, wie sich der Bund da positioniert. Bis jetzt hört man ja von dort, aber auch vom Land, dass wegen des Klimawandels der ÖPNV gestärkt werden soll.

Zum Nahverkehrsplan soll es eine Bürgerbeteiligung geben. Wann kommt die?

Knoch: Das, wie auch die Beteiligung der politischen Gremien, wird sich wohl größtenteils in der ersten Hälfte des nächsten Jahres abspielen. Uns ist es ein Anliegen, in jedem Stadtbezirk Möglichkeiten anzubieten. Derzeit sind wir dabei, Formate zu entwickeln, die auch pandemietauglich wären. Generell ist es ja so, dass die klassische Veranstaltung in einer Turnhalle ein wenig ausgedient hat, weil wir dabei immer nur eine bestimmte Bevölkerungsgruppe erreichen. Darum werden wir auch Online-Formate entwickeln.

Zur Person

Privat: Carsten Knoch ist 49 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder.

Beruf: Seit zwei Jahren ist Knoch Leiter der Abteilung Mobilität und generelle Planung bei der Stadt Solingen. Er ist Mitglied in der Fachkommission Verkehrsplanung beim Deutschen Städtetag. Vor seiner Solinger Zeit war er bei den Städten Mönchengladbach und Ratingen sowie für ein Planungsbüro in Köln tätig.

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