Montagsinterview

Caritas-Direktor: Pandemie macht Sucht oft schlimmer

Dr. Christoph Humburg ist Direktor der Caritas Wuppertal-Solingen. Archivfoto: Christian Beier
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Dr. Christoph Humburg ist Direktor der Caritas Wuppertal-Solingen.

Caritas-Direktor Dr. Christoph Humburg fordert mehr Unterstützung für Betroffene.

Von Simone Theyßen-Speich 

Am 4. November war erstmals der Tag der Suchtberatung. Wie wichtig ist es, mit solch einem Tag Aufmerksamkeit zu schaffen?

Dr. Christoph Humburg: Der Tag ist erstmalig von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen ausgerufen worden in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtsverbände. Auf die Situation aufmerksam zu machen, ist wichtig, weil an einigen Stellen eine prekäre Finanzierung der ambulanten Suchthilfe besteht. Deshalb hat diese bundesweite Aktion unter dem Motto „Kommunal wertvoll“ das Ziel, den Dialog mit Politik in den Kommunen zu fördern.

Wie problematisch ist es, dass jetzt gerade in Zeiten der Pandemie wenig Geld für Suchtberatung zur Verfügung steht?

Dr. Humburg: Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen fordert, dass in den Großstädten auf 10 000 Einwohner eine Fachkraft kommen müsste, um die Grundversorgung für Suchtfragen zu sichern. Auf Solingen bezogen müssten das 16 Stellen sein. Bei der Stadt sind zwei Stellen besetzt, bei uns als Caritas 2,3 Stellen. Dazu kommen noch Stellen bei der Jugend- ud Drogenberatung für den Bereich der illegalen Suchtmittel. Suchtmittelkonsum ist bei Betroffenen in der Regel der Versuch, die eigene schwierige prekäre Situation auszuhalten. Corona verstärkt dabei das Problem, das oft seit Jahren besteht. Wir stellen fest, dass viele Menschen jetzt noch mehr vereinsamen, die ohnehin schon instabil sind. Wer zu Hause, im Homeoffice ist, fängt tagsüber schon mit problematischem Konsum an. Diese Menschen brauchen eine zeitnahe Beratung. Die Finanzierung der Stadt reicht aber bei weitem nicht aus, um ausreichende Beratungskapazitäten schaffen zu können.

Wie lang ist die Wartezeit für Menschen, die Hilfe bei einer Sucht brauchen?

Dr. Humburg: Der Bedarf an Beratung steigt seit Jahren. Die Corona-Pandemie hat die Situation nun noch einmal verschärft. Die Beratungsstellen haben derzeit bis zu sechs Wochen oder länger Wartezeit für einen ersten Termin. Seit der Pandemie kommen viele Klienten kommen auch von der städtischen Beratung zu unserer Caritas-Beratungsstelle. Wir sind seit Monaten mit der Stadt im Gespräch, weil dringend eine Aufstockung des Personals erforderlich ist. Im Oktober war die Wartezeit für pathologische Glücksspieler und Menschen mit einer Alkoholproblematik bei sechs Wochen. Für jemanden, der akut Probleme hat und bereit ist, in Therapie zu gehen oder Beratung anzunehmen, ist das eine zu lange Zeit. Wer in dieser Situation nicht stabil ist, wird leicht wieder rückfällig oder gibt seinen Vorsatz, eine Beratung aufzusuchen, frustriert wieder auf.

Welche Formen der Sucht sind besonders problematisch – Drogen, Alkohol oder sind es andere Themen?

Dr. Humburg: Wir als Caritas sehen vor allem zwei große Themen, bei denen die direkt Betroffenen, häufig aber auch ihre Angehörigen, Hilfe brauche. In unsere Spieler-Fachstelle kommen Menschen, die ihr ganzes Vermögen verzockt haben. Nicht selten wissen die Ehefrauen nichts davon, dass der Partner schon hoch verschuldet ist. Die Betroffenen arbeiten oft ganz normal in ihren Berufen, fallen zunächst nicht auf und tragen das Geheimnis mit sich herum. Das hat eine hohe Suizidrate zur Folge. Wir sind froh, dass wir in Solingen eine Spieler-Fachstelle auf der Ahrstraße vorgehalten können. Das andere große Thema ist der Alkoholkonsum. Der ist während der Pandemie deutlich gestiegen. Deshalb haben wir während des Lockdowns im Frühjahr unsere telefonischen Beratungsangebote erheblich ausgeweitet.

Welche Angebote können Sie als Caritas den Menschen machen?

Dr. Humburg: Wir haben Einzel-, Paar- und Familiengespräche, eine Beratung abends für Berufstätige, differenzierte Gruppenangebote wie die Motivationsgruppe, Gruppe für Menschen, die von Spielsucht betroffen sind, und Angehörigengruppe. Des weiteren die Spieler-Fachstelle und niedrigschwellige Suchtberatung (aufsuchende Arbeit in der Wohnungslosenhilfe mit Treffpunkt an der Bahn- und Goerdelerstraße). Zunehmend wichtig sind auch die Online-Beratung und die in der Corona-Pandemie ausgebaute digitale Beratung. Zudem bieten wir die ambulante Rehabilitation, die ambulante Weiterbehandlung und die Nachsorge an. Diese Angebote, die bisher für Menschen mit einer Alkoholproblematik galten, stehen nun auch pathologischen Glücksspielern offen. Nicht vergessen will ich die „Drachenflieger“-Gruppe für Kinder aus suchtbelasteten Familien. Mit 2,3 Fachkräftestellen sind es einfach zu wenig Mitarbeiter für all diese Angebote. Die Mitarbeiter sind am Limit. Teilweise können immerhin noch kirchliche und Eigenmittel akquiriert werden.

Wie stark werden die Angebote nachgefragt?

Dr. Humburg: Von Januar bis jetzt haben 262 Klienten 2133 Beratungskontakte in der Beratungsstelle in Solingen in Anspruch genommen. 158 Kunden sind derzeit fest angebunden. Dem tatsächlichen Bedarf kann man mit dem Personal aktuell nicht gerecht werden. Es können teilweise nur Gespräche mit größerem Abständen angeboten werden, besonders bei den Berufstätigen im Abendbereich ist es sehr knapp.

Welche Wünsche oder Forderungen haben Sie an die Verantwortlichen bei der Stadt?

Dr. Humburg: Es wäre sinnvoll, wenn die Suchtberatung der Caritas Teile der Aufgaben von der Stadt übernehmen könnte. Andere Bereiche wie die Krisenintervention könnten bei der Stadt bleiben. Entweder müsste die Stadt ein ähnliches System vorhalten wie die Verbände, oder die Stadt würde teilweise umswitchen und mehr finanzieren. Die gesamte Suchthilfeplanung ruht leider seit zwei Jahren in Solingen. Angebote wie Abendsprechstunden für Berufstätige gibt es bei der Stadt beispielsweise gar nicht. Da könnten wir mit einsteigen. Unsere Mitarbeiter haben alle eine suchttherapeutische Ausbildung oder befinden sich in dieser Ausbildung. Seit Monaten laufen die Gespräche mit der Stadt, und es muss sich dringend etwas tun. Wir als Wohlfahrtsverbände haben uns die Aufgaben geteilt. Die Caritas macht ebenso wie die Stadt die Beratung im Bereich der legalen Suchtmittel, die Diakonie macht die Schuldnerberatung, die Jugend- und Drogenberatung kümmert sich um Betroffene von illegalen Drogen. Sehr gut läuft die Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Jobcenter. Im Casemanagement Sucht in den Räumen des Fluchtpunkts an der Konrad-Adenauer-Straße betreuen wir gemeinsam mit der Jugend- und Drogenberatungssstelle Suchtkranke im Auftrag des Jobcenters. Ziel ist hier der Abbau von suchtbedingten Vermittlungshemmnissen.

Zur Person

Persönlich: Dr. Christoph Humburg (60) ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender und Caritasdirektor des Caritasverbands Wuppertal / Solingen. Vor dem Zusammenschluss leitete er seit 2002 den Caritasverband Solingen.

Die Wohnungsnotfallhilfen der Stadt Solingen, die Caritas und andere Träger bieten Menschen ohne Obdach Unterstützung an.

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