Biographie

War die verfolgte Künstlerin Milly Steger ein Nazi?

Im Zentrum für verfolgte Künste wird Kunst von Milly Steger gezeigt. Die Biografie der Bildhauerin zeigt auf, dass sie nicht zu den verfolgten Künstlerinnen durch das Nazi-Regime gehört. Hanna Sauer (links) und Marielena Buonaiuto haben das mit aufgearbeitet. Foto: Christian Beier
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Im Zentrum für verfolgte Künste wird Kunst von Milly Steger gezeigt. Die Biografie der Bildhauerin zeigt auf, dass sie nicht zu den verfolgten Künstlerinnen durch das Nazi-Regime gehört. Hanna Sauer (links) und Marielena Buonaiuto haben das mit aufgearbeitet.

Die Biografie der Bildhauerin Milly Steger wird vom Zentrum für verfolgte Künste untersucht.

Von Philipp Müller

Solingen. Die Sachlage schien klar. 1937 beschlagnahmten die Nazis die Skulpturen „Schreitendes Mädchen“ und „Kniende“ der Bildhauerin Milly Steger im Rahmen der „Aktion Entartete Kunst“ aus der Berliner Nationalgalerie und dem Städtischen Museum Hagen. Eine weitere Plastik und sieben Druckgrafiken und Zeichnungen wurden aus anderen Museen entfernt. In den 1920er Jahren setzte sich die in Elberfeld aufgewachsene Künstlerin für die Gestaltung einer sozialistischen Gesellschaft ein. Kurz: Sie musste zum Kreis der von den Nazis verfolgten und verfemten Kunstschaffenden zählen. Doch tatsächlich weisen heutige Quellen daraufhin, dass Steger mit den Nazis zumindest zusammenarbeite.

An der Einschätzung des Verfolgtenstatus kamen der Kuratorin des Zentrums für verfolgte Künste, Birte Fritsch, und dessen Direktor Jürgen Kaumkötter zunehmend Zweifel. Diese kommen nicht zufällig. Im Zentrum wird intensiver der eigene Kunstbesitz aus der Bürgerstiftung unter die Lupe genommen. Einige Kunstwerke, deren Kunstschaffenden und ihre Biografien sind Gegenstand einer Ausstellung (siehe unten), die im Rahmen der documenta 15 in Solingen gezeigt werden wird.

Im Zentrum arbeitet die Restauratorin Hanna Sauer zusammen mit der Volontärin der Bürgerstiftung für verfolgte Künste, Mariela Buonaiuto diese Biografien auf. Letztere erklärt, dass immer mehr Quellen digital zur Verfügung stehen würde. Das erleichtere die Recherche.

Das zeigt das Museum am Beispiel Milly Steger mit den neuen Erkenntnissen im Meistermann-Saal. Dort wurde die Dauerausstellung völlig neu gestaltet. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit Steger.

Es ist nur eine Rekonstruktion der Geschichte.

Jürgen Kaumkötter, Direktor

Kaumkötter bekennt: „Das ist nur eine Rekonstruktion der Geschichte.“ Er sagt, es sei für die Reputation des Museums wichtig, mit wissenschaftlicher Genauigkeit den eigenen Bestand zu prüfen.

Das ist heute zu Milly Steger bekannt: Aus den Ausstellungsverzeichnissen der Akademie der Künste geht hervor, dass Milly Steger zwar schon 1929 gezeigt wurde, aber eben auch in fast keiner Schau bis 1943 fehlte. Es existiert ein Brief Stegers an den Staatsministers Klaus Hinkel, dem später als einem der Naziverbrecher der Prozess gemacht wurde, in dem Steger darum bat, eine Büste von Hitler erstellen zu dürfen. Ob es die gab, weiß man nicht. Auf der Berliner Olympiade 1936 wurde ihre Plastik „Ballspielender Knabe“ gezeigt. 1937 wird Stegers Skulptur „Sinnende“ auf der Großen Deutschen Kunstausstellung ausgestellt. Das war die von Hitler persönlich unterstützte Vorzeigeausstellung für die offizielle Kunst des Nationalsozialismus.

Entsprechend wurde Steger in der Zeitschrift „Das Deutsche Mädel“ des Bundes Deutscher Mädel in der Hitler Jugend – Kaumkötter nennt sie die „Hiltler-Bravo“– zitiert: „Das Schönste aber sind die neuen Aufgaben, vor denen die Künstler jetzt stehen.“ Es seinen „ Architektur und die Plastik gewesen, die in Zeiten eines neu erwachenden Kulturwillens vorangegangen sind“.

Wir lassen jetzt die Fakten sprechen.

Birte Fritsch, Kuratorin

Macht sie das zu einem Nazi? Abschließend beantwortet das Zentrum das nicht. Dazu ist zu wenig Persönliches bekannt, 1948 verstarb die Bildhauerin. Doch ihr Nachkriegswerk knüpfte an den Zeitgeist der 1920er Jahre an und verließ den brutalen Monumentalismus der Nazi-Epoche. Klar sei, sagt Kaumkötter, dass man sie vor diesem Hintergrund nicht mehr als Verfolgte einstufen könne. Die Kuratorin des Zentrums, Birte Fritsch, erklärt: „Wir lassen jetzt die Fakten sprechen. Besuchende können das selbst interpretieren.“

Ausstellung zur documenta 15

Unter dem Titel „1929/1955 – Die erste documenta und das Vergessen einer Künstler: innengeneration“ ist das Zentrum für verfolgte Künste ab dem 6. Mai Begleitprogramm der documenta 15 in Kassel. Dabei handelt es sich um gemeinsames Forschungs- und Ausstellungsprojekt des Zentrums mit dem documenta archiv in Kassel. Parallel zur documenta 15 wird kritisch-reflektierend zurück auf die Anfänge der Großausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg geschaut. Dabei stehen Kunstschaffende aus dem bestand des Zentrums im Mittelpunkt. 2023 wandert die Ausstellung nach Kassel und während der documenta 15 wird das projekt vor Ort präsentiert.
www.29-55.de

Lesen Sie auch: Handel mit Solinger Nazi-Klingen floriert

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