März 2020: Sars-CoV-2 erreicht Solingen

Blick zurück auf den Beginn der Pandemie in Solingen

Das Modell zeigt das Coronavirus Sars-Cov-2. Archivfoto: Centers of Disease Control and Prevention/Alissa Eckert, MSMI; Dan Higgins, MAMS
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Das Modell zeigt das Coronavirus Sars-Cov-2.

Persönlichkeiten in der Corona-Krise schildern ihre Erinnerungen.

Solingen. Der Abend des 9. März 2020 war wohl nicht der Zeitpunkt, der alles verändert hat. Es war aber der Moment, als vielen erst so richtig klar wurde, dass sich alles verändern wird. Vier erwachsene Solinger wurden nach einem Urlaub in Südtirol positiv in Bethanien auf das damals „neuartige“ Coronavirus Sars-CoV-2 getestet. Was ein Virus aus China war, hatte nun die Klingenstadt erreicht. Vielen außerdem in Erinnerung geblieben ist der 13. März: Mit einer Krisen-Pressekonferenz des Krisenstabs begann der Lockdown Nummer 1.

Wir haben mit einigen Akteuren einen Blick zurück gewagt. Was ist ihre prägendste Erinnerung an den März 2020? An welche Gefühle erinnern sie sich? Und was bedeutet das für ihr Handeln heute? Ihre Antworten haben wir zu einem sehr persönlichen Rückblick zusammengefasst.

Dr. Annette Heibges, Leiterin des Gesundheitsamtes.

Dr. Annette Heibges, Leiterin des Gesundheitsamts: „Ich erinnere mich noch sehr gut an den Moment, als mich am Abend des 9. März die Nachricht erreichte, dass es die ersten Corona-Fälle in Solingen gibt. Ich stand in der Küche und wollte gerade das Abendbrot vorbereiten, als mich Prof. Dr. Randerath anrief und mir mitteilte: ,Es ist so weit.‘ Solingen hatte seine ersten vier Fälle mit positivem Testergebnis.

Und obwohl ja alle wussten, dass er kommt, war es ein Einschnitt, der mich emotional gepackt hat. Ich habe meine Tochter gebeten, für mich in der Küche zu übernehmen – und habe mich mit einem Blatt Papier und einem Filzstift an den Tisch gesetzt, um mir Notizen machen zu können. Es folgten unzählige Telefongespräche. Bethanien war zwar schon zum Schwerpunkt-Krankenhaus erklärt worden und hatte sich vorbereitet. Aber es gab noch keine Routine im Ablauf mit Infektionsfällen. Auch die Infizierten mussten erst mit der Nachricht klarkommen, dass es sie tatsächlich getroffen hatte.

„Es war ein Einschnitt, der mich emotional gepackt hat.“

Dr. Annette Heibges, Leiterin des Gesundheitsamtes

Besonders berührt hat mich später der Fall eines alten Ehepaars, beide über 80. Nach einem Urlaub erhielten sie von uns den Befund, dass sie positiv getestet worden waren. Als wir anriefen, schnitt der Mann gerade die Hecke. Ein paar Tage später klagte er über Schwäche und Atemprobleme. Er war recht lange im Krankenhaus. Als seine Frau aus der Quarantäne entlassen wurde und wir einen Besuch bei ihm organisieren konnten, brach sie in Tränen aus und sagte: ,Ich hätte nicht geglaubt, dass ich ihn noch einmal wiedersehe!‘ In diesem Moment wurde deutlich, welche Angst die Frau ausgestanden hat und mit welcher Disziplin sie sich in ihre Quarantäne gefügt hat.“

Tim Kurzbach, Oberbürgermeister.

Tim Kurzbach, Oberbürgermeister: „Anfang März 2020 lag Karneval gerade hinter uns, wenige Tage danach fand die Sportgala statt – wir hatten lange überlegt, ob das überhaupt möglich ist. Dort haben wir das erste Mal Plakate aufgehängt mit Hinweisen für Schutzmaßnahmen, haben aufs Händeschütteln verzichtet, uns zaghaft mit neuen Regeln vertraut gemacht.

Wir alle werden aber den 13. März, passenderweise war das ein Freitag, lange nicht vergessen. Dieses Gefühl, eine Stadt in den Lockdown zu schicken, schicken zu müssen: Die Belastung habe ich auf den Schultern körperlich gespürt. Ich wusste damals sofort: Wir brauchen ein großes Team mit viel Know-how. Der Krisenstab hatte am 12. März erstmals seine Arbeit aufgenommen, bis zum 15. März haben dann alle mehr oder weniger durchgearbeitet, 24 Stunden, Tag und Nacht. Die normale Verwaltungsarbeit ruhte, die Experten wurden zusammengezogen.

„Die Belastung habe ich auf den Schultern körperlich gespürt.“

Tim Kurzbach, Oberbürgermeister.

Es gab viele Gespräche und viele Runden: mit den Politikern aller Fraktionen, mit städtischen Gesellschaften wie dem Klinikum und den Stadtwerken, mit anderen Städten und Krankenhäusern in der Region. Alle haben wirklich alles gegeben.“

Dagmar Becker, Dezernentin für Jugend, Schule, Integration, Kultur und Sport.

Dagmar Becker, Dezernentin für Jugend, Schule, Integration, Kultur und Sport: „Am 13. März änderte sich alles, wir hatten den ganzen Tag Krisenstab. Am Abend zuvor war im Kunstmuseum noch eine Ausstellungseröffnung. Und dann wurde alles auf den Kopf gestellt. Schon am 13. haben wir entschieden, dass Stadtbibliothek, Volkshochschule, Musikschule und die Museen in der Klingenstadt geschlossen bleiben.

Von der Stadtbibliothek sind besonders schnell Kolleginnen zum Stadtdienst Gesundheit gewechselt, einige sind bis heute dort. Sehr früh haben wir auch die Schwimmhallen geschlossen, was ich persönlich besonders bedauert habe. Ich hatte fleißig für die Schwimmmasters trainiert.

„Wir merken in der Pandemie besonders, dass wir soziale Wesen sind.“

Dagmar Becker, Dezernentin für Jugend, Schule, Integration, Kultur und Sport.

Schon früh kamen Mails aus dem Schulministerium – und sehr kurzfristig. Die ersten Wochenenden haben die Stadtdienste durchgearbeitet, um die Informationen zu verarbeiten und weiterzugeben – etwa die Kriterien für Notbetreuung und Unterlagen für den Nachweis von Systemrelevanz. Ich vermisse es, Menschen persönlich zu sehen. Wir merken in der Pandemie besonders, dass wir soziale Wesen sind. Es wird schön, sich mal wieder begegnen zu können. Derzeit ist es besonders hart für Alleinstehende und Alleinlebende.“

Jan Welzel, Dezernent für Bürgerservice, Recht, Ordnung und Soziales.

Jan Welzel, Dezernent für Bürgerservice, Recht, Ordnung und Soziales sowie Leiter des Krisenstabs: „Mir wurde schnell bewusst, das wird ein Marathonlauf. Allerdings einer, dessen Ende wir nicht absehen konnten – und auch heute noch nicht können. Wir müssen also mit den Kräften haushalten. Genauso schnell war klar: Zu einer derartigen Pandemie gibt es keine Regelungen; Improvisation und schnelle Entscheidungen waren und sind angezeigt. Es kam zu – auch von mir persönlich verfügten – tiefen Grundrechtseingriffen, die ich Anfang März 2020 so in meinem Amt für undenkbar hielt und die mich tiefergehend beschäftigen.

Vor einem Jahr habe ich in einer Pressekonferenz an ‚Die Pest‘ von Albert Camus erinnert: Über eine Kleinstadt kommt ein Pestausbruch mit allen Folgen, und bei aller Grausamkeit siegt letztlich die Humanität.

„Es kam zu tiefen Grundrechtseingriffen, die ich 2020 für undenkbar hielt.“

Jan Welzel, Dezernent für Bürgerservice, Recht, Ordnung und Soziales 

Nach einem Jahr denke ich mehr an ‚Solaris‘ von Stanislaw Lem. Die Bewohner einer Raumstation versuchen, das Wesen eines unbekannten Planeten zu ergründen, über dem sie schweben. Sie verstehen ihn nicht, verstehen dies und werden auf sich selbst zurückgeworfen. Dieser Virus, der sich auch noch ständig wandelt, wirft alle unsere Gewohnheiten über den Haufen und zwingt uns auf uns selbst zurück – so ist es doch!“

Prof. Dr. Winfried J. Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien.

Prof. Dr. Winfried J. Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien: „Am 13. März wurde uns allen bewusst, welche Maßnahmen anstehen, wie breit wir denken und das System umbauen müssen. Es war eine große Herausforderung. Klar gab es Informationen aus China und die schlimmen Bilder aus Italien. Aber es war unwirklich und weit entfernt – bis zu den ersten positiven Tests und dem ersten Patienten. Wir lernten ein neues Krankheitsbild kennen.

„Es tut weh, dass Angehörige nicht kommen durften und Patienten alleine sterben mussten.“

Prof. Dr. Winfried J. Randerath, Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien

Ein anderer Abend im März war für mich ein Schlüsselerlebnis: Da bekam ich Daten und Hochrechnungen, die zeigten, wo wir in wenigen Wochen stehen würden – und wie schnell alle Intensivbetten belegt sein werden, wenn wir nichts tun. Dann hätten wir entscheiden müssen, wer noch beatmet werden kann. Zum Glück ist uns das erspart geblieben. Es war eine sehr große Verantwortung, eine Last, aber es war auch klar, dass wir sie übernehmen müssen. Gelungen ist das nur dank Aufstockung der Intensivkapazitäten und dank der Beschränkungen der Politik. Das ist entscheidend gewesen. Sonst wären die Zahlen innerhalb kurzer Zeit explodiert. Leider gehen die Zahlen immer hoch, sobald es Öffnungen gibt. Wir sehen gerade durch die Kita- und Schulöffnungen, dass die Auslastung der Infektionsambulanz stark steigt. Wir sehen ansteigende Zahlen und mehr Menschen im Krankenhaus. Wir müssen vorsichtig sein, bis flächendeckend geimpft wurde.

Mit Dankbarkeit und Stolz denke ich an die Mitarbeitenden, nicht nur bei uns, sondern in der ganzen Stadt. Sie haben sich reingekniet, ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit. Und ich denke an die Verstorbenen. Es tut weh, dass wir so viele Menschen alleine lassen mussten. Dass Angehörige nicht kommen durften und Patienten alleine sterben mussten.“

Thomas Kraft, stellvertretender Pressesprecher.

Thomas Kraft, stellvertretender Pressesprecher: Einschneidend und unvergesslich bleibt der Abend des 12. März 2020, ein Donnerstag: An diesem Abend hatten die Nachrichten einen unheilschwangeren Ton angenommen. Es braute sich Unheilvolles zusammen. Das war zu greifen. Auf allen Kanälen verdichtete sich, dass eine radikale Zäsur im Umgang mit der Corona-Pandemie stattfinden würde. Große Sorge in den Gesichtern, tiefe Verunsicherung überall, radikale Konsequenzen im Gespräch – die Krise erfasste mich endgültig und mit Wucht in meinem Wohnzimmer. Das sichere Gefühl setzte sich fest: Ab morgen passieren Dinge, die noch niemand von uns erlebt hat. Noch hatte ich keine Vorstellung davon, was das für Solingen heißen würde und wie es ablaufen sollte. Dann überrollte mich die Entwicklung, es war Freitag, der 13. Lage-Besprechung beim Oberbürgermeister, danach Alarmierung des Krisenstabes, von da an Sitzung und Entscheidungen bis spät in den Abend. Zwischendurch haufenweise Anfragen von Medien. Aber erst einmal musste beraten, organisiert, entschieden werden.

„Die Krise erfasste mich endgültig und mit Wucht in meinem Wohnzimmer.“

Thomas Kraft, stellvertretender Pressesprecher.

Für mich ging es das ganze Wochenende so weiter. Die Pressestelle ging in den Schichtbetrieb. Der Verwaltungsvorstand und viele andere Entscheidungsträger arbeiteten mehr oder weniger durch. Kurz vor Mitternacht saß ich im Rathaus, um Grundzüge einer Medien-Information zu entwickeln, die am Sonntag verbreitet werden sollte. Die Menschen mussten ja wissen, wie es für sie am Montag weiterging – ohne Regelbetrieb in den Schulen und in den Kindertagesstätten. Am späten Sonntagvormittag konnte das Info-Paket verschickt werden. Völlig platt wurde ich abgelöst, fuhr nach Hause und ahnte, was da in den kommenden Wochen auf uns zurollen würde. Dass die Ausnahmesituation ein Jahr später noch fast genauso herrschen würde, hätte ich vor einem Jahr allerdings nicht für möglich gehalten.“

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Solingen. Der Blog wird laufend aktualisiert.

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