Statistik

Solingen bleibt eine Stadt der Auspendler

Pendler von und nach Solingen
+
Pendler von und nach Solingen

Die Klingenstadt punktet als attraktiver Wohnstandort. Das zeigt die Pendlerstatistik 2020.

Von Manuel Böhnke

Solingen. Für 34 483 Berufstätige gehört es zum Alltag: Sie müssen Solingen verlassen, um zu ihrer Arbeitsstätte zu gelangen. Demgegenüber stehen 23 985 Auswärtige, die es zum Arbeiten in die Klingenstadt zieht. Diese Zahlen sind der Pendlerstatistik 2020 des Landesbetriebs Information und Technik Nordrhein-Westfalen zu entnehmen. Die Daten bestätigen die Ergebnisse der vergangenen Jahre: Solingen weist – anders als Remscheid und Wuppertal – einen deutlichen Überschuss an Auspendlern auf.

Mit mehr als 5900 zieht es morgens die meisten Solinger nach Düsseldorf. Es folgen Wuppertal (5030), Köln (2615), Hilden (2479), Langenfeld (2343) und Haan (2167). Die Einpendler in die Klingenstadt kommen mehrheitlich aus Wuppertal (5091), Remscheid (2114), Düsseldorf (1713), Köln (1144) und Hilden (1125).

„Die Stadt punktet mit vergleichsweise niedrigen Mieten und Baulandpreisen.“

Thomas Wängler, IHK-Geschäftsführer

Welche Rückschlüsse lassen sich aus den Ergebnissen ziehen? Frank Balkenhol wirbt für eine differenzierte Betrachtung. Ein Auspendlerüberschuss bringe sowohl Chancen als auch Herausforderungen mit sich. „Landläufig herrscht die Meinung, dass Städte dann attraktiver sind, wenn sie mehr Ein- als Auspendler haben und umgekehrt. So einfach ist es aber nicht“, erklärt der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung auf ST-Anfrage. So müsse man beachten, dass sich die Kommunen hinsichtlich ihres Arbeitsplatzangebots unterscheiden. Düsseldorf und Köln können Balkenhol zufolge etwa mit vielen Jobs im Dienstleistungssektor und mehr Konzernen punkten. Dagegen gebe es dort weniger Stellen im produzierenden Gewerbe.

Der Standort Solingen ermögliche es Berufstätigen, sich nach Arbeitsplätzen in der Umgebung umzuschauen und gleichzeitig die Vorzüge der Klingenstadt zu nutzen. Dazu zählt Balkenhol „attraktive Lebens- und Wohnbedingungen“.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Thomas Wängler. Der für Standortpolitik, Verkehr und Öffentlichkeitsarbeit zuständige Geschäftsführer der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK) führt aus: „Die Stadt punktet mit vergleichsweise niedrigen Mieten und Baulandpreisen, gerade im Vergleich zu den nahe gelegenen Metropolen Düsseldorf und Köln. Auch die attraktive Lage im Bergischen Land und ein gutes Bildungsangebot für Kinder machen Solingen als Wohnstandort interessant.“

Wängler stellt fest, dass sich der Wirtschaftsstandort Solingen trotz des hohen Auspendleranteils positiv entwickelt habe. Wichtig sei, dass die Stadt für Unternehmen attraktiv bleibe. Dafür brauche es ausreichende Gewerbeflächen, eine gute Verkehrs- und IT-Infrastruktur sowie „nicht zu hohe Steuersätze“. Sind diese Bedingungen gegeben, reduziere sich perspektivisch auch der Auspendlerüberschuss. Daran sei auch die Stadt interessiert, betont Frank Balkenhol. Deshalb sei man bestrebt, „Solinger Unternehmen zu unterstützen, damit sie attraktive und neue Arbeitsplätze anbieten können“. Dies trage derzeit beispielsweise bei IT-Unternehmen Früchte.

Die Statistik erfasst nicht, wie die Corona-Pandemie die Pendlerströme verändert hat (| Kasten). Thomas Wängler vermutet, dass der Anteil der Menschen im Homeoffice in Zukunft weiter wächst. Dies würde eine aus seiner Sicht „willkommene Entlastung der Verkehrsinfrastruktur, die längst an ihren Kapazitätsgrenzen angelangt ist“, bedeuten. Auch die Stadt beschäftigt sich mit den negativen Auswirkungen der Pendlerströme. Dazu zählen ausgestoßene Schadstoffe und Lärm. So ist in der Solinger Nachhaltigkeitsstrategie vorgesehen, dass bis 2030 deutlich mehr Pendler vom Auto auf andere Verkehrsmittel umsteigen. Maßnahmen wie ein nachhaltiges Mobilitätskonzept, Radverkehrsförderung und die batteriebetriebenen Oberleitungsbusse als Modellprojekt sollen helfen, dieses Ziel zu erreichen.

Corona-Einfluss

Die Auswertung des Landesbetriebs Information und Technik lässt keine Rückschlüsse auf das tatsächliche Pendlerverhalten der Solingerinnen und Solinger während der Corona-Pandemie zu. „In unserer Rechnung ist Pendeln definiert als die potenzielle tägliche Bewältigung der Wegstrecke zwischen Arbeits- und Wohnort“, erklärt ein Sprecher. Die Ergebnisse basieren unter anderem auf Daten der Agentur für Arbeit. Corona-Effekte wie die Frage, wie viele Menschen 2020 von zu Hause aus gearbeitet haben, sind daraus nicht ablesbar.

Standpunkt

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Kommentar von Manuel Böhnke

Strecken von 30, 40, 50 Kilometern alleine im Auto zurücklegen, im Stau stehen, Stress, Kosten. Und das für einen Job, der sich im Zweifelsfall auch vom heimischen Wohnzimmer aus erledigen lassen würde. Für viele Solingerinnen und Solinger dürften das noch immer eine tägliche Erfahrung sein. Bei 34 483 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist es Teil des Alltags, die Klingenstadt morgens für den Weg zur Arbeit zu verlassen. Wie blickt die Gesellschaft wohl in 30 Jahren auf diese Praxis zurück? Vermutlich mit Unverständnis. Denn nicht nur viele Betroffene empfinden das Pendeln als Zumutung. Es schadet obendrein der Umwelt und bringt die Verkehrsinfrastruktur an ihre Grenzen. Es braucht kluge Lösungen, um die Pendlerströme zu minimieren und intelligenter zu gestalten. Gleiches gilt für die Herausforderung, in Städten wie Solingen trotz knapper Gewerbeflächen neue Arbeitsplätze zu schaffen. Beide Themen hängen unmittelbar miteinander zusammen. Und für beide ist noch kein Allheilmittel in Sicht. Bis es das gibt, fließt noch viel Wasser den Rhein hinunter – und viele Autos die A 46.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Impfpflicht-Gegner liefern sich in Solingen Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor
Johnson-Geimpfte verlieren Status 2G plus
Johnson-Geimpfte verlieren Status 2G plus
Johnson-Geimpfte verlieren Status 2G plus
Mitte, Ohligs und Wald sind Hitzeinseln
Mitte, Ohligs und Wald sind Hitzeinseln
Mitte, Ohligs und Wald sind Hitzeinseln

Kommentare