IHK startet Blitzumfrage

Betriebe wollen testen – ohne Pflicht

Nach einer Schulung in der Lungenfachklinik Bethanien kann Angelika Longerich (l.) Mitarbeiter wie Doris Fallu selbst testen. Foto: Michael Schütz
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Nach einer Schulung in der Lungenfachklinik Bethanien kann Angelika Longerich (l.) Mitarbeiter wie Doris Fallu selbst testen.

Die Kosten für Abstriche sorgen für Unmut.

Solingen. Vier positive Corona-Fälle in der Belegschaft waren am Ende des vergangenen Jahres ein deutlicher Warnschuss für Angelika Longerich. Zwar ging der Vorfall glimpflich aus: Die betroffenen Mitarbeiter hatten keinen Kontakt zu Kollegen. Die Unternehmerin fasste dennoch den Beschluss, in ihrem Betrieb Longerich Verpackung regelmäßig zu testen. Die anfängliche Entschlossenheit ist inzwischen Ernüchterung gewichen: „Wir fühlen uns im Stich gelassen.“

Nach dem Jahreswechsel fuhr Longerich mit ihren knapp 30 Angestellten zu einem Test-Termin in Bethanien. Jedes Mal so vorzugehen, koste allerdings zu viel Zeit und verursache Produktionsausfälle. Deshalb nahm sie die Dienstleistung der Lungenfachklinik wahr, dass mobile Test-Teams für die Abstriche in den Betrieb kommen. Gerne hätte sie das Angebot als kostenlosen Bürgertest abgerechnet. „Der steht ja auch meinen Mitarbeitern zu“, betont Longerich. Das ist jedoch nicht möglich.

Wir fühlen uns im Stich gelassen.

Angelika Longerich, Unternehmerin

In der Corona-Test-und-Quarantäneverordnung des Landes ist davon die Rede, dass die Unternehmen die Kosten für Beschäftigtentestungen selbst tragen müssen. Bethanien berechnet etwa neun Euro für den Abstrich und sechs für das Material. „Das entspricht in etwa dem Selbstkostenpreis, weil wir das Testen in den Betrieben fördern möchten“, erklärt Chefarzt Prof. Winfried Randerath. Er hält Corona-Tests am Arbeitsplatz für unbedingt sinnvoll: „Dort treffen Menschen aufeinander.“

Aus Kostengründen hat sich Longerich dagegen entschieden, dauerhaft auf die mobilen Test-Teams zu setzen. Stattdessen wurden sie und eine Kollegin in Bethanien angelernt, die Mitarbeiter selbst zu testen. Das nötige Material muss das Unternehmen auf eigene Faust beschaffen. Ganz zum Ärger von Angelika Longerich: „Mit den zusätzlichen Kosten für die wöchentlichen Tests wird unser Firmenbudget immer engmaschiger.“ Die wirtschaftliche Lage sei in der Pandemie ohnehin unsicher.

Verständnis für den Ärger der Ohligser Firma zeigt Michael Wenge. „Wir können nicht immer mehr Kosten auf die Unternehmen abwälzen“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Bergischen Industrie- und Handelskammer (IHK). Er verweist auf die hohen Ausgaben, die für die Hygienekonzepte und -maßnahmen getätigt wurden. Wenn klar sei, in welchen Fällen ein negatives Testergebnis auch außerhalb der Betriebe anerkannt wird, könne man die Kostenfrage anders bewerten, erklärt Wenge.

Anders bewertet Peter Horn die Situation. Die Kosten seien überschaubar und Tests in der Corona-Pandemie Teil der „persönlichen Schutzausrüstung“. „Die Verdienstausfälle, wenn die ganze Produktion wegen einer Covid-19-Infektion stillsteht, wiegen deutlich schwerer“, argumentiert der Vorsitzende des Solinger Stadtverbands des Deutschen Gewerkschaftsbundes.

Ähnlich sieht das Horst Gabriel. Fällt nur ein Mitarbeiter aus, kostet das seine Ernst Ludwig Emde GmbH schnell einen vierstelligen Betrag pro Tag – von einem kompletten Stillstand ganz zu schweigen. Um im Ernstfall Infektionen schnell zu erkennen, hat der Vorsitzende des Arbeitgeberverbandes Solingen 1000 Corona-Spucktests für seine Belegschaft bestellt. Stückpreis: vier bis fünf Euro. Mindestens einmal pro Woche sollen sich die Mitarbeiter zu Hause selbst testen, bevor sie den Weg zur Arbeit antreten.

Wenngleich er regelmäßiges Testen für „ausgesprochen wichtig“ hält, lehnt Gabriel eine Verpflichtung für Unternehmen ab. Wie Michael Wenge geht er davon aus, dass die freiwillige Selbstverpflichtung der Wirtschaft, die deutsche Teststrategie zu unterstützen, ausreicht: „Alle vernünftigen Unternehmen machen das.“

Auch Peter Horn zeigt sich „sehr optimistisch“, dass der Großteil der Solinger Arbeitgeber in die Tests für Mitarbeiter investiert, wenn es nicht möglich ist, von zu Hause aus zu arbeiten. Trotzdem wünscht sich der Gewerkschafter eine Testpflicht, damit das Thema tatsächlich in allen Betrieben ankommt. Zwei Abstriche pro Woche haben sich bewährt.

Um herauszufinden, wie ihre Mitgliedsunternehmen zu einer Testpflicht stehen, hat die IHK in dieser Woche eine Blitzumfrage gestartet. Am 1. April möchte die Kammer die Ergebnisse vorstellen.

In unserem Blog finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen.

Standpunkt: Mehr Fragen als Antworten

Von Manuel Böhnke

manuel.boehnke@solinger-tageblatt.de

Kommt sie – oder kommt sie nicht? Spätestens der Talkshow-Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntagabend hat die Diskussion über eine Testpflicht in Unternehmen noch einmal befeuert. Die Rollen in Solingen sind dabei klar verteilt: Während die Gewerkschaften sich dafür aussprechen, argumentieren die Vertreter der Arbeitgeberseite dagegen. Sie verweisen auf die freiwillige Selbstverpflichtung und das Verantwortungsbewusstsein der Betriebe. Die Wahrheit liegt wohl – wie so häufig – irgendwo dazwischen. Viele Unternehmer handeln sicherlich vorbildlich – schwarze Schafe wird es jedoch genauso geben. Ist eine Verpflichtung die geeignete Lösung, letzteren Herr zu werden? Eher nicht. Denn eine solche Regelung würde für mehr Fragen als Antworten sorgen. Zum Beispiel: Wer kontrolliert, ob sich die Betriebe an die Pflicht halten? Wie geht man mit Mitarbeitern um, die sich nicht testen lassen möchten? Und gibt es überhaupt genug Tests? Die bisweilen komplizierte Beschaffung zu erleichtern, hätte wohl nachhaltigere Effekte, als eine stumpfe Pflicht anzuordnen.

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