Tosenden Applaus für Solo-Performance

Ben Becker: Er spielt ihn nicht – er ist Judas

Virtuos macht Becker den Altarraum der Lutherkirche zu einer besonderen Kulisse. Foto: Christian Beier
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Virtuos macht Becker den Altarraum der Lutherkirche zu einer besonderen Kulisse.

Ben Becker holt die Zuschauer in der Lutherkirche von den Bänken.

Von Jutta Schreiber Lenz

Solingen. Am Ende gab es tosenden Applaus für Ben Beckers fesselnde Solo-Performance über Judas Iskariot. Stehend feierte das Solinger Publikum am Sonntagabend in der Lutherkirche den beeindruckenden Monolog des Schauspielers als Verräter Jesu. Knapp zwei Stunden lang lieferte er in „Ich, Judas“ ein flammendes und hochemotionales Verteidigungsplädoyer.

„Was war denn zu verraten“, ließ Becker seinen Judas fragen. „Jesu Aufenthaltsort? Den kannten Tausende. Sein großes Geheimnis, dass er Gottes Sohn sei? Das hat er selbst gesagt, vor allen Leuten.“

Leidenschaftlich wurde Ben Becker im Laufe seiner Interpretation immer mehr eins mit der biblischen Figur des Mannes, der für den Verrat an seinem „Rabbi“ laut Evangelien von den Römern 30 Silberlinge bekommen hatte und sich danach angesichts seiner Schuld selbst erhängte. Erst nur mit gelesenen Worten, mit schwärzester Bassstimme vorgetragen und mit minimalen Gesten unterfüttert, dann im immer lebhafter werdenden Spiel: Virtuos verstand Becker es, mit Stimmfärbung, Lautstärke und Klangfarbe gegen angebliche Gewissheiten, daraus entstandene Feindbilder und Vorurteile anzureden.

Becker ist seit 2017 mit dem Gedankenexperiment unterwegs

Virtuos war seine Interaktion mit der besonderen Kulisse – dem Kirchenraum: Vor dem Kreuz, unter dem von der Beleuchtungstechnik optimal in Szene gesetzten Abendmahl-Relief in der Apsis redete, schrie, tobte, weinte, brüllte und schluchzte Judas gegen die ihm seit über 2000 Jahren angehängte Schuld des Verrats an.

Seine Ankläger anklagend und sich ins Publikum rechtfertigend, bewegte er sich nicht nur im Altarraum, sondern nutzte Seiten und Gänge, immer sorgsam vom Scheinwerfer-Spot verfolgt, der sein Gesicht blass und geradezu überirdisch in Szene setzte. Becker gelang es, den Spannungsbogen über den gesamten Abend zu halten und die Zuschauer auf den Kirchenbänken mit seinem Vortrag zu fesseln.

Becker ist seit 2017 mit dem Gedankenexperiment – nach einer Idee des Schriftstellers Walter Jens – in Kirchen unterwegs. Hier, wo die Fragen des Glaubens und Zweifels, der Erlösung und Verdammnis ihren Ort haben, schichtete er das beeindruckende Gedanken-Gebäude auf. Die begleitende Orgel, gespielt von Domorganist Andreas Sieling, gab dem Ganzen sakrale Wucht: War es Verrat oder Gehorsam?

Ich bin froh, heute hier zu sein.

Ben Becker, Schauspieler

Walter Jens hat dem vermeintlichen Verräter Judas Iskariot in seinem letzten Roman „Der Fall Judas“ ein überraschendes, wortgewaltiges Plädoyer gewidmet. Judas erklärt, dass er im Einvernehmen mit Jesus bereit war, die Rolle des Schwerverbrechers anzunehmen. Ist es nicht gerade seinem Verbrechen zu verdanken, dass Jesus sein Heilswerk am Kreuz überhaupt erfüllen konnte? Basiert nicht die christliche Hoffnung letztlich auf seinem Verrat? Ist nicht gerade durch den Verbrecher der göttliche Plan umgesetzt worden: die Erlösung der Menschheit durch das Opfer des Sohnes?

Am Ende war Ben Becker schweißgebadet und spürbar körperlich wie seelisch ermattet, und dennoch mit sich und der Welt im Reinen. „Es ist so schön, Sinnvolles mit einem Publikum zu teilen“, sagte er im Nachhall, als das Rampenlicht für den Judas erloschen war und nur mehr dem charismatischen Schauspieler galt, der gerade den donnernden Schlussapplaus für eine grandiose Leistung entgegengenommen hatte.

Seit einem Jahr und acht Monaten sei Solingen nun Station Nummer drei im wieder angelaufenen Tournee-Plan, verriet er noch. „Ich bin froh, heute hier zu sein.“

Hintergrund

Bauverein: Die Veranstaltung mit Ben Becker war organisiert vom Bauverein der Lutherkirche, der mit solchen Projekten Geld für die nötige Sanierung der Kirche sammelt.

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