Alle fordern neue Nachweise

Behinderung: Vater beklagt Bürokratie

Die Unterlagen füllen mehrere Ordner: Wolfgang Schreiber mit seinem Sohn Justus.
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Die Unterlagen füllen mehrere Ordner: Wolfgang Schreiber mit seinem Sohn Justus.

Justus Schreiber ist schwerbehindert – Weil er nun volljährig ist, muss das überall neu nachgewiesen werden.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Der 18. Geburtstag und der Start ins Berufsleben: Für Justus Schreiber hat in diesem Sommer ein neuer Lebensabschnitt begonnen. Für seine Eltern ist der Eintritt ihres Sohnes ins Erwachsenenleben mit viel Arbeit verbunden. Denn Justus ist schwerbehindert. Er habe mit bürokratischem Aufwand gerechnet, sagt sein Vater Wolfgang Schreiber. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass das auf einen derartigen Rattenschwanz hinausläuft.“ Weil Justus nun volljährig ist und seit September in der Lebenshilfe-Werkstatt arbeitet, prüften nun fünf Institutionen unabhängig voneinander seine Schwerbehinderung. „Warum gibt es keine Regelungen für Menschen mit einer Behinderung, wenn ein Sachverhalt dauerhaft klar ist?“, sagt Schreiber mit Blick auf die irreversible Hirnschädigung seines Sohnes.

Seinen Frust hat sich der Journalist und Solinger SPD-Fraktionsgeschäftsführer bei Facebook von der Seele geschrieben. Seine Schilderung hat fast etwas von Slapstick, wenn der Hintergrund nicht so ernst wäre. Amtsgericht, Sozialamt, Versorgungsamt, Agentur für Arbeit, Landschaftsverband Rheinland (LVR): Alle forderten medizinische Unterlagen an.

So müsse zum Beispiel das Versorgungsamt für den Schwerbehindertenausweis begutachten, ob Justus auch als Volljähriger noch eine Behinderung hat. Die Arbeitsagentur prüfe das ebenso, damit eine Aufnahme in der Lebenshilfe-Werkstatt möglich ist. Der LVR untersuche, ob das Handicap auch nach der Berufsbildung bei der Lebenshilfe noch besteht. Das Amtsgericht begutachte Justus' Schwerbehinderung für das Betreuungsverfahren. Und nicht zuletzt prüfe das Sozialamt für die Gewährung von Grundsicherung: ob er erstens behindert und erwerbsunfähig ist – und zweitens, ob die Behinderung auch in den sechs Wochen zwischen 18. Geburtstag und Ausbildung bestand. „Ein Witz? Bisher habe ich meinen Humor-Vorrat für unerschöpflich gehalten – aber er braucht sich gerade rasant auf . . .“, kommentiert sein Vater.

Ein Austausch zwischen den Institutionen findet nicht statt

Justus Schreiber ist mit einem komplexen Herzfehler zur Welt gekommen. Bei einer von drei Operationen im Säuglings- und Kleinkindalter erlitt er einen Schlaganfall und eine Halbseitenlähmung. Seitdem ist er in der Motorik eingeschränkt und hat Probleme bei der Auge-Hand-Koordination. Hinzu kommt eine Gehörschädigung. Eingestuft ist er mit Pflegegrad 4. „Leben mit einer Behinderung bedeutet für alle eine tägliche Herausforderung. Da sollten Unterstützungsangebote greifen und nicht durch Bürokratie eine zusätzliche Belastung darstellen“, sagt Wolfgang Schreiber.

Werden Unterlagen zum Nachweis der Schwerbehinderung angefordert, schicke er jedes Mal einen dicken Packen Papier: Diagnosen, Rehaberichte, ein MRT des Gehirns, Entlassberichte. Denn ein Austausch zwischen den Institutionen finde nicht statt. Beispiel: Für das Betreuungsverfahren beim Amtsgericht sei bereits ein Gutachten in der LVR-Klinik Langenfeld erstellt worden, berichtet er. Das werde von den anderen in Justus' Fall Beteiligten jedoch nicht genutzt: „Im Sozialsystem ist so gut wie nichts vernetzt.“

Aldona Gonzalez Thimm ist Behindertenkoordinatorin der Stadt Solingen. Laut Bundesteilhabegesetz soll für den Leistungsbezug ein Antrag bei einer Stelle reichen, erklärt sie. „Es gibt aber eine Diskrepanz zwischen der Realität und dem, was der Gesetzgeber sich wünscht.“ Die Antragsverfahren seien komplex und forderten die Familien zusätzlich, weiß sie aus ihrer Tätigkeit.

Die SPD-Politikerin Dorothee Daun setzt sich seit Jahrzehnten für Menschen mit Behinderung ein und ist unter anderem in Gremien des LVR aktiv. Das Sozialsystem sei stark zergliedert, betätigt sie. So wechsele die Zuständigkeit für Eingliederungshilfen mit dem Alter: vom LVR zur Stadt und wieder zurück zum LVR. „Die Stellen müssen stärker vernetzt arbeiten“, fordert sie.

Bis Wolfgang Schreiber alle Verfahren erledigt hat, wird wohl noch einige Zeit vergehen. Justus durchläuft nun die Berufsbildung bei der Lebenshilfe. Und er möchte bald ausziehen, in eine Wohngemeinschaft.

Beratung

Laut Bundesteilhabegesetz soll es Gesamtplanverfahren für Erwachsene mit Behinderung geben: Alle beteiligten Institutionen sollen sich an einen Tisch setzen. „Das ist aber noch nicht umgesetzt“, erklärt Anna Elisabeth Pick, Regionalleitung beim LVR-Verbund Heilpädagogischer Hilfen. In Solingen unterstütze die Koordinierungs-, Kontakt- und Beratungsstelle KoKoBe Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen. Der LVR hat einen Online-Beratungskompass.

kokobe-solingen.de

beratungskompass.lvr.de

Standpunkt von Anja Kriskofski: Geballter Aufwand

anja.kriskofski@solinger-tageblatt.de

Das Leben mit einem behinderten Kind ist für Familien eine Herausforderung. Und die hört mit der Volljährigkeit nicht auf, wie der Fall der Familie Schreiber zeigt. Bürokratischer Aufwand, mit dem jeder Bürger zu tun hat, trifft Menschen mit Behinderung und ihre Angehörigen geballt. Das fängt schon mit Therapien an, die immer wieder neu verschrieben und abgerechnet werden müssen.

Dass sorgfältig hingeguckt wird, wenn es um die Gewährung von staatlichen Leistungen geht, stellen die Familien nicht in Abrede. Doch warum so kompliziert? Warum reicht es nicht, die Unterlagen bei einer Institution einzureichen? Diese prüft und stellt die Schwerbehinderung fest, das Gutachten könnte dann von allen anderen genutzt werden.

Das vom Gesetzgeber vorgesehene Gesamtplanverfahren, das alle Beteiligten an einen Tisch holen soll, verringert den Aufwand für die Familien hoffentlich. Und auch die Digitalisierung muss im Sozialsystem stärker Einzug halten, damit Angehörige Anträge nicht mehr von Hand ausfüllen müssen.

Lesen Sie auch: Menschen mit Behinderung eine Lobby geben

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