Mangel an niederschwelligen Angeboten

Der Bedarf an sozialer Beratung in Solingen wächst

Detlef Müller vom evangelischen Betreuungsverein im Diakonischen Werk berät rund um die gesetzliche Betreuung. Symbolfoto: Christian Beier
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Detlef Müller vom evangelischen Betreuungsverein im Diakonischen Werk berät rund um die gesetzliche Betreuung.

Egal, ob es um Schulden, die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger oder den Verlust des Arbeitsplatzes geht – gerade während der Corona-Pandemie sind städtische und private Beratungsangebote stärker gefragt denn je.

Von Kristin Dowe

Solingen. Nicht immer kann der dringende Bedarf ausreichend gedeckt werden. Dies zumindest ist der Tenor bei den Solinger Vertretungen der Wohlfahrtsverbände, die zwar selbst oftmals ein breites Themenspektrum abdecken, aber keine allgemeine Sozialberatung vorhalten.

Auch Ulrike Kilp, Geschäftsführerin des Diakonischen Werks des evangelischen Kirchenkreises Solingen, sieht diesbezüglich noch Verbesserungsbedarf: „In Solingen, aber auch in anderen Städten, fehlt eine niederschwellige allgemeine und unabhängige Sozialberatung außerhalb der kommunalen Verwaltung. Der Bedarf ist durch die Pandemie nochmals gewachsen.“ Diese Entwicklung zeichne sich auch in den evangelischen Kirchengemeinden ab. Dort werde „dringender Bedarf nach ergänzender Sozialberatung vor Ort in den Gemeinden und Quartieren gemeldet“, so Kilp. Oft benötigten die Hilfesuchenden eine erste Anlaufstelle, wenn es etwa darum geht, einen Antrag zu stellen oder das passende weitergehende Bildungs- oder Beratungsangebot zu finden. Hierfür wünsche sie sich eine allgemeine Sozialberatung der Verbände, die idealerweise mit der Sozial- und Arbeitsverwaltung der Stadt kooperieren sollte.

Das Diakonische Werk bot noch bis April dieses Jahres eine allgemeine Sozialberatung im Umfang einer halben Personalstelle an, die aufgrund der rückgängigen Kirchensteuern, aus denen das Angebot finanziert wurde, aber eingestellt werden musste.

Betroffene in Solingen suchen oft erst spät Hilfe bei einer Beratungsstelle

Ähnliche Probleme schildert Dr. Christoph Humburg, Direktor des Caritasverbandes Wuppertal/Solingen: „Wir würden eine solche präsente Anlaufstelle gerne einrichten, weil wir durchaus den Bedarf eines niederschwelligen Erstkontakts sehen – und das nicht nur in Pandemiezeiten. Wir erfahren immer wieder, dass Menschen ihre sozialen Probleme verschleppen. Kämen sie eher zur Beratung, könnte häufig schneller und besser gehandelt werden.“ Der Caritasverband verfüge jedoch nicht über die finanziellen Mittel, eine allgemeine Sozialberatung anzubieten, die zeitlich stark präsent und personell gut ausgestattet ist. Während der Corona-Pandemie sei das Team aber erfinderisch geworden: „Für uns war ganz klar, dass kein Dienst geschlossen wird. Entweder haben wir auf digitale Beratung gesetzt, oder wir haben schnellstens Räumlichkeiten zum Beispiel mit Glasabtrennungen so präpariert, dass Beratungen möglich waren.“ Sogar „Beratung to go“, also individuelle Gespräche auf Spaziergängen, habe die Caritas organisiert.

Eine besonders hohe Nachfrage an sozialer Beratung beobachtet Tina Julia Thiemann, Geschäftsführerin des Paritätischen Solingen, bei den Themen Verschuldung, Arbeitslosigkeit oder Scheidung. „Diese Situationen bedeuten für Menschen oft existenzielle Krisen und ziehen vielfach weitere Problemstellungen nach sich. Entsprechend groß ist der Unterstützungsbedarf.“ Eine Anlaufstelle für eine allgemeine Sozialberatung, von der aus spezifischere Hilfsangebote vermittelt werden können, seien deshalb „ein großer Gewinn“.

Das Thema Schwangerschaft steht immer wieder im Fokus. Beim Thema Abtreibung sind die Solinger Ärzte gespalten.

Städtische Beratung

Verfügbarkeit: Auch die Stadt hält Beratungsangebote zu unterschiedlichen Lebenslagen vor und kooperiert zudem mit mehreren sozialen Trägern. Die Anlaufstellen seien nach Rathausangaben insgesamt gut miteinander vernetzt, heißt es auf Anfrage. Nach corona-bedingten Einschränkungen bei der Stadt stünden nun alle Beratungsangebote wieder in vollem Umfang zur Verfügung.

Themen: Die Stadt bietet ein breites Beratungsspektrum speziell für die Bedürfnisse älterer Menschen und reagiert damit auf den demografischen Wandel.

Standpunkt: Armut im Mittelpunkt

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Häufiger erreichten das Tageblatt in den vergangenen Wochen Anrufe von Lesern, die sich etwa wegen einer ausbleibenden Wohngeldzahlung oder ähnlichen Anliegen verzweifelt an die Redaktion wandten. Nicht nur mit der Bitte um Berichterstattung, sondern auch mit spezifischen Fragen zu ihrem Problem, für das sie oft keinen passenden Ansprechpartner finden konnten. Dabei befinden sich die Betroffenen nicht selten in existenziellen Schwierigkeiten. Zwar gibt es in Solingen ein breites Beratungsangebot für die unterschiedlichsten Lebenssituationen. Doch gerade die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass Hilfesuchende im ersten Schritt zunächst eine leicht zugängliche Anlaufstelle bräuchten, um von dort aus gegebenenfalls spezifischere Beratungsangebote wahrnehmen und planvoll handeln zu können. Diese Versorgungslücke haben die Wohlfahrtsverbände klar benannt. Ganz oben auf der Prioritätenliste sollte für die Vertreter von Stadt, Verbänden und anderen freien Trägern die Bekämpfung von Armut stehen – denn die schwebt stets wie ein Damoklesschwert über einer Vielzahl einzelner Probleme. Diesbezüglich gibt es auch in Solingen noch Luft nach oben.

Engpass in der Pflege – aber kein Notstand.

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